Ansichten eines Aktienanlegers

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Verluste vermeiden II.

Vom Kapitalerhalt

Das Bild oben zeigt einen Jaguar, der aus dem Dschungel hervorbricht und einen Tapir mit einem Nackenbiss erlegt. Die Zeichnung (Brehms Tierleben, Künstler Wilhelm Kühnert) ist über 100 Jahre alt, sie macht ein Jahrtausende altes, weiter aktuelles Verhalten anschaulich. Sie ist Wahrheit, Muster und Börse.

Schrecken und Furcht verbreitet ein auftauchendes Raubtier. Überlebensstrategie: Denken ausschalten, Beine in die Hand und weg. Auch an der Börse taucht das Muster auf. Ist es einem bewusst, lässt es sich nutzen.

Wenn die Kurse absolut und so gar nicht dahin wollen, wohin man sie gern hätte. Wenn sie im Gegenteil genau in die andere Richtung gehen. Dann wird für mich als Privatanleger das Risikomanagement des Depots zentral. Zum Risikomanagement gehört das Entscheidungskriterium des definierten Zeithorizonts sowie das Thema Kapitalerhalt.

Ohne Kapital habe ich als Anleger - frei nach Marx - keine Anteile mehr an Produktionsmitteln, mir fehlt das Arbeitsmaterial. Besser ist es daher, ich fahre meine Produktionsmittel nicht auf Verschleiß.

Um Verschleiß zu vermeiden, schone ich das Material.

In einem Aktienmarkt, der zu einer Korrektur ansetzt, tendieren Kurse einzelner Werte häufig dazu, sich in ähnlicher Weise zu verhalten. Sie fallen gemeinsam.

Im ersten Moment erscheint das unverständlich. Wie kann es sein, dass die tollen Unternehmen, die ich für mein Depot handselektiert habe, nun gleichzeitig im Wert verfallen und das auch noch ähnlich stark wie die Schwachwerte, die ich doch bewusst nicht für mein Depot ausgewählt habe?

Die Erklärung ist: Die Gehirne der Marktakteure verhalten sich ähnlich, insbesondere dann, wenn Gefahr droht. Wenn das Raubtier aus dem Gebüsch hervorbricht, dann laufen alle weg. Im Stammhirn ist das urverdrahtet, da wird nicht überlegt, da wird das Leben gerettet. Gefahr - Angst - Flucht. Wenn die Aktienkurse einbrechen. Droht Vermögensverlust. Also wird verkauft.

Schaue ich als Privatanleger in solchem Moment ins Depot, gerate ich womöglich in eine Schockstarre, muss ich doch live und in Farbe mit ansehen, wie langwierig erzitterte Gewinne verdampfen und Verluste entstehen, und draußen am Markt fallen die Kurse weiter …

Um aus der Schockstarre in einen Modus des Handelns zu gelangen, kann es richtig sein, Positionen zu verkleinern, also zu verkaufen. Auch wenn man weiter an seine Aktien glaubt.

Der Verkauf tut weh. Es fühlt sich an, als gestehe man sich einen Fehler ein.

Aber ich spüre nach dem Verkauf die Erleichterung. Die Starre ist überwunden, ich handele, ich reagiere auf die Situation und baue eine Barreserve auf, mit welcher sich einkaufen lässt, wenn sich die Lage beruhigt hat.

Nichts ist teurer, als geschockt und untätig dabei zuzusehen, wie sich Gewinne zuerst in Verluste verwandeln und Verluste in katastrophale Verluste. Der Verkauf ist die Versicherung gegen katastrophale Verluste.

Zurückkaufen kann ich jederzeit. Zu einem niedrigeren Kurs, dann habe ich gespart. Nerven wie Geld.

Oder auch zu einem höheren Kurs. Dann war der Differenzbetrag die Versicherungsprämie, die ich bezahlt habe, um einen möglichen Riesenverlust zu vermeiden.

Ein Verkauf muss nicht digital sein, er bedeutet kein Alles-oder-Nichts. Ich kann Teilpositionen verkaufen; die Transaktionskosten sind bei den meisten Banken und Brokern heutzutage so gesunken, dass sie bei einer Verkaufsentscheidung kaum noch eine Rolle spielen. Psychologisch ist ein Teilverkauf geschickt, da es dazu gefühlt eine kleinere Entscheidung braucht als bei einem Komplettverkauf.

Habe ich entsprechend meines Zeithorizonts verkauft, habe ich mich emotional entlastet. Ich sehe das Unternehmen, von dessen Anteilen ich mich getrennt habe, mit einem Mal objektiver. Auch erlebe ich den Markt nun mit kühlerem Gefühl, kann mich in ihm neu orientieren. Ich habe geldliches und emotionales Kapital aufgebaut.

Steigen die Kurse nach einer Korrektur wieder, so ist es häufig so, dass sich neue Favoriten herausbilden. Meine vermeintlichen Depotstars, die doch so ungerechtfertigt unter die Räder gekommen waren, müssen sich in der folgenden Markterholungsphase keineswegs zu neuen oder auch nur alten Höhen aufschwingen. Ein bisschen ist es wie mit der Kleidermode, eine neue Saison bringt zumeist einen neuen Stil. Zum Handwerk des Anlegers gehört es, den neuen Stil zu erkennen, sich ihm anzupassen, ob er gefällt oder nicht.

Nicht jeder Wiederanstieg bedeutet schon das Ende der Korrektur. Ganz im Gegenteil.

Typisch für eine Korrektur sind heftige Zwischenerholungen. Genau dann, wenn mich der Markt überzeugt hat, dass nun das Gröbste überstanden ist und ich mich wieder engagiere, auch weil ich befürchte, sonst etwas zu verpassen: Genau dann fällt der Markt wieder zusammen.

Eine Korrektur zermürbt die Optimisten. Sie mahlt sie klein. Sie nimmt ihnen das Geld ab.

Wenn schließlich die optimistischen Käufer aufgegeben haben, entnervt sind, ohne Kapital und Initiative, dann zieht der Markt an und davon. Nun erst engagieren sich die institutionellen Anzugträger mit den Langweilergesichtern. Sie sind Profis, sie haben tiefe Taschen und kennen die geschilderte Psychologie des Marktes. Beide Mittel nutzen sie jetzt, und ihre grauen Gesichter sind bloße Masken. Hinter solcher Maske verbirgt sich der moderne Jaguar. Der kleinanlegende Tapir ahnt es nicht mal. → Jeden Sonntag schreibe ich zu meiner Vorbereitung auf die kommende Börsenwoche die Analyse "Lage & Szenarien" und verschicke sie als Email an interessierte Privatanleger.


Aktienmarkt Grundlagen

Verluste vermeiden I.

Falsche Hoffnungen, Kurskatastrophen. → Wie ich ihnen ausweiche.

Verluste vermeiden II.

Heftige Zwischenerholungen, tiefere Tiefs: Zeichen einer Korrektur. → Jetzt richtig verhalten.

Verluste vermeiden III.

Wenn morgen Verluste drohen: Der erfahrene Aktionär weiß es schon heute. Aufgrund eines einfachen Alarmgebers. → Das ist er.