Ansichten eines Aktienanlegers

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Ansichten anderer Anleger

Wer Angst hat, nutzt niedrige Kurse nicht zum Kauf

9.9.2021 - Ein Gespräch mit Sascha Huber. Er ist Experte für Kryptowährungen und Technologie-Aktien bei der BörseGo mit den Angeboten Godmode-Trader und Guidants. Die Fragen stellt Frank Sauerland, Autor von Depoleon.

Wie bist Du zur Börse gekommen?

Eine längere Geschichte, die ich mal kurz zu fassen versuche. Ich wohnte (und wohne) ja in der Nähe von Luxembourg und daher konnten wir schon in den 1980er Jahren, als der Sender noch sehr klein war, RTL empfangen. Damals gab es dort eine Nachrichtensendung namens „7 vor 7“ mit Hans Meiser. Am Ende dieser Nachrichtensendung wurde immer ein Blick auf den Goldpreis geworfen und ich bemerkte so schon als Kind, dass dieser zwar kurzfristig eher wenig, aber mittelfristig zum Teil doch stark schwankt.

Später verfolgte ich die Nachrichten dann eher via n-tv und hier gab es die „Telebörse“. Diese weckte dann mein Interesse für die Finanzmärkte noch mehr. Mein Problem war nur, dass ich zwar gerne investieren wollte, aber noch kein Geld dazu hatte. Ergo trug ich unter anderem die Lokalzeitung „Trierischer Volksfreund“ aus und kam so zu einem gewissen Startkapital. Daher legte ich mir ein Wertpapierdepot bei der Sparkasse im Ort an, was gar nicht so einfach war. Denn der gute Bankberater hatte nach eigenen Angaben wohl schon 20 Jahre kein neues Depot mehr eröffnet und musste erst einmal die Formulare dafür zusammensuchen.

Letztlich klappte es aber doch und ich kaufte meine ersten vier Aktien: Continental, McDonald’s, Microsoft und Nike. Ich hielt mich also an den Tipp nur Aktien von Unternehmen zu kaufen, deren Geschäft ich verstand und deren Produkte ich nutzte. Die Conti-Aktie war jedoch eher ein Rohrkrepierer, Nike sogar noch schlechter. Aber McDonald’s lief gut und zahlte quartalsweise eine Dividende, die mein Taschengeld aufbesserte. Microsoft dagegen konnte sich seinerzeit sogar verdoppeln. Alles in allem lief es von Anfang an sehr gut. Übrigens war ich damals gezwungenermaßen Investor, denn eine Order (Kauf wie Verkauf) kostete 50 DM.

Zu meinem 18. Geburtstag gab es dann einen Boost, was meinen Kapitalstock betraf. Denn zum Abitur schenkte mir meine Oma ein Sparbuch, das Sie bei meiner Geburt für mich angelegt hatte. Dort hatte Sie jeden Monat fünf D-Mark (ja, die gute alte Deutsche Mark) eingezahlt. Da es seinerzeit auch noch Zinsen gab, wurden so im Laufe von 18 Jahren knapp 3.000 DM daraus. Ich war bereits 1997/1998 auf den Neuen Markt aufmerksam geworden und wollte dort „mitspielen“. Daher eröffnete ich ein Depot bei comdirect und verkaufte die drei amerikanischen Aktien. Bei Conti waren mir die Kursverluste zu hoch, um sie zu realisieren.

Am Neuen Markt war ich sehr erfolgreich und machte mit Aktien wie Intershop ein kleines Vermögen. Auch schaffte ich den Ausstieg ziemlich gut. Aus 3.000 DM waren so über 100.000 Euro sowie ein 320er BMW Coupé geworden. Leider stieg ich jedoch dann zu früh wieder in den untergehenden Neuen Markt ein und verlor am Ende doch noch etwas Geld. Trotzdem war der Neue Markt für mich eine tolle Sache und ich bin der Meinung, dass uns so etwas heute fehlt. Aber aus anderen Gründen, nicht wegen meiner (Geld)Gier. ;)

In den letzten Monaten haben viele junge Menschen die Themen Aktien und Kryptowährungen für sich entdeckt. Hast du einen Rat zum Einstieg?

Ja. Viele kommen dann zur Börse, wenn die Kurse stark steigen. Sie haben, rückblickend stellen Sie das auch fest, wenig bis keine Ahnung, aber machen gleich hohe Gewinne. Daraus schließen sie dann, dass Börse ja einfach ist, eine Gelddruckmaschine. Sie halten sich für Börsengötter und fragen sich wie andere so dumm sein konnten und können kein Geld an der Börse zu machen. Das ist sehr kritisch. Denn irgendwann kippt der Markt und aus Börsengöttern werden Pleitiers.

André Kostolany sagte mal, dass man sich erst Börsianer nennen könne, wenn man drei Mal pleite war. Ganz so krass würde ich es vielleicht nicht formulieren. Aber im Kern trifft es die Sache. Zwar war ich nie pleite, weil ich nie auf Kredit spekuliert habe (und davon auch ganz klar abraten würde). Aber auch ich habe nicht nur tolle Phasen erlebt, sondern auch massive „Drawdowns“, insbesondere als ich zu früh wieder in den Neuen Markt zurückkehrte.

Wer ein Auto fahren möchte, braucht einen Führerschein. Das hat gute Gründe. Wer aber sein Geld an der Börse anlegen möchte, kann einfach drauflos handeln. Grundsätzlich bin ich ein großer Fan von Freiheit und Demokratie und in manchen Dingen wird der Anlegerschutz auch übertrieben. Aber grundsätzlich wäre es wohl nicht ganz verkehrt, wenn man mit Eröffnung eines Depots auch so eine Art „Börsenführerschein“ machen müsste.

Welchen Fehler sollte man beim Anlegen vor allem vermeiden?

Normalerweise antwortet man auf diese Frage mit Floskeln wie „Niemals alle Eier in einen Korb legen“. Die sind auch nicht falsch. Ich würde es aber gerne allgemeiner fassen. Der größte Feind eines (erfolgreichen) Anlegers sind Angst und Gier. Wer Angst hat, nutzt niedrige Kurse nicht zum Kauf und verpasst die Hausse. Wer gierig ist, kauft unüberlegt jeden Schrott und fällt früher oder später auf die Nase. Daher zitiere ich an dieser Stelle lieber mal Warren Buffett, der in der Finanzkrise 2007-2009 in einem Zeitungsartikel schrieb:

„Sei gierig, wenn andere ängstlich sind und ängstlich, wenn andere gierig sind!“.

Wer nämlich doch alle Eier in einen Korb legt, tut dies wohl in erster Linie aus Gier.

Wie wird man ein guter Anleger?

Auch hier gibt es eine Börsenweisheit, die da lautet: „Die Börse ist ein Ort, an dem einige Anleger Geld mit Ihrer Erfahrung machen. Die anderen Anleger dagegen machen Erfahrungen mit Geld.“. Das trifft es ganz gut. Denn nichts dürfte an der Börse wichtiger sein als die Erfahrung. Nur dann nämlich hat man schon hektische Marktphasen erlebt und überlebt und kann in Stresssituationen den notwendigen kühlen Kopf bewahren.

Was sind die Börsensegmente, in welchen zurzeit die Zukunft gehandelt wird — und wo wird eher Vergangenheit verwaltet?

Naja, die großen Megatrends sind ja kein Geheimnis, selbst die Politiker philosophieren ja stets gerne darüber. Automatisierung, Digitalisierung etc. Natürlich liegt die Zukunft eher im Bereich Biotechnologie oder Internet/IT/Software als im Bereich der industriellen Produktion. Dennoch kann es sein, dass man auch in vermeintlich langweiligen Bereichen eher das ein oder andere Schnäppchen schießen kann als im Hightech-Sektor.

Denn wenn schon Politiker darüber philosophieren, weiß das jeder. Oft werden aber auch alte Technologien vorschnell abgeschrieben. Ich glaube beispielsweise an das Elektroauto. Dennoch glaube ich ebenso, dass wir in 20 oder 30 Jahren wohl noch mindestens genauso viel Öl verbrauchen werden wie heute. Ob sich Elektroautos nun durchsetzen oder nicht. Daher würde ich Unternehmen/Aktien wie Chevron oder Exxon nicht vorschnell abschreiben. Denn auch an der Börse gilt oft: „Totgesagte leben länger!“

(Das Foto zeigt Sascha Huber. Mit freundlicher Genehmigung von Sascha Huber.)