Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 30.4.2020

Wirtschaftslage katastrophal, aber Kurse steigen: ein Widerspruch?

Lage. Die Lage der Wirtschaft ist katastrophal. Für die Börsenkurse ist das eine wunderbare Ausgangslage. - Hört sich das irre an? Bestimmt. Ist es aber nicht, zumindest nicht in meinen Augen. Gestern sprach Jerome Powell, der Chef der amerikanischen Federal Reserve, auf einer News Conference, er sagte, der Anstieg der Arbeitslosigkeit sei „heartbreaking” (!). Er versprach, ich zitiere nach der NYT, „the Fed would push its powers to their limit to help the economy, keeping rates low and funneling credit into crucial markets.” — Es ist das berühmte „whatever it takes”. Vor den Fed-Äußerungen war die Börse schon stark, das war Vorfreude auf die Conference, nach Powells Äußerungen steigerte sich die Laune noch, geradezu ein Kaufsturm fegte durch den Markt. — Irre?

Szenarien. Nein, das ist nicht irre. Irren tun nur diejenigen, die an der Seitenlinie stehen und ungläubig zuschauen. An der Börse wird nicht verhandelt, wie schlecht es um die Wirtschaft gerade steht, wie schlimm Corona ist, wie hoch die Arbeitslosigkeit aktuell ist. Börse handelt Zukunft. Die Aussichten sind es, welche die Kurse bewegen, und es ist echtes Geld, hart verdiente Dollars, die dort in den Markt gegeben werden. Nur Zocker spielen, Wallstreet-Investoren jedoch sind Profis, sie investieren und zwar rational. Das Geld im scheinbar chaotischen Kaufsturm fegt erstaunlich zielgerichtet durch den Markt, es gibt Muster, die ich mit dem geeigneten Instrumentarium für mich sicht- und damit nutzbar machen kann.

  • Der Chart unten zeigt die Korrelation von IWM zu SPY. Das eine ist ein ETF auf den Russell 2000, welcher die kleinen Aktienunternehmen Nordamerikas gut abbildet. Das andere ist ein ETF auf den S+P 500, der die großen US-Unternehmen repräsentiert. Die Daten werden durcheinander geteilt, heraus kommt ein „synthetischer” Chart, der tiefen Einblick in den Markt erlaubt. Jede Kerze stellt einen Tag dar, der Chart läuft von Ende 2019 bis gestern.
  • Ich sehe den Einschlag der Corona-Krise ab März. Davor ist lediglich eine leichte Abwärtsbewegung zu sehen. Sie bedeutet: Die großen Unternehmen (Microsoft, Apple, Google, übliche Verdächtige) haben gegenüber den kleinen Firmen etwas besser performt. Oft ist das ein erstes Zeichen für einen überschießenden Markt. — Die weitere, „naturgegebene” Entwicklung werden wir aber nie erfahren, da dann, wie gesagt, die Corona-Krise kam.
  • Nun, nach dem Einschlag, passiert Bemerkenswertes. Die Tageskerzen des Charts etablieren zunächst eine schaukelnde Seitwärtsbewegung. Seit drei Tagen bricht die Bewegung nach oben aus, verlässt den Seitwärtskanal oder die "Tasse". Übersetzt: Die kleinen Firmen erzielen im Verhältnis stärkere Kursgewinne als die großen Firmen; der Markt setzt sich also in seiner Breite in Bewegung. Zumeist ist das der Beginn eines Trends, nicht das Ende.

Das ist keine Vorhersage. Ich kenne die Zukunft nicht. Ich versuche lediglich, für mich Wahrscheinlichkeiten herauszuarbeiten. Der Chart zeigt mir die erhöhte Wahrscheinlichkeit eines Szenarios. Das reicht mir, mehr ist nicht machbar. Alles andere muss ein Risikomanagement richten. - fs