Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 20.6.2020

Warum ich Wirecard frühzeitig aussortiert habe

Lage. Mein heutiges Lage & Szenarien dreht sich um Wirecard. Die Aktie war für mich bisher kaum ein Thema, eigentlich war sie es nur, wenn ich den Nachrichten nicht ausweichen konnte, die Wirecard zuverlässig produzierte. Seit Monaten geriet ich nie in die Versuchung, Wirecard näher zu treten. Habe ich etwa mehr gewusst, als alle anderen, war ich schlauer?

Im Gegenteil. Ich war genauso schlau oder unschlau wie alle anderen.

Szenario. Das Wissen all der anderen, die genauso schlau oder beschränkt waren wie ich, es offenbart sich im Chart. Der Chart von Wirecard spiegelt die Mehrheitsmeinung. Sogar mehr als das, die Mehrheitsmeinung ist im Chart hart unterlegt. Die Investoren meinen nämlich nicht nur (wie in Umfragen oder Kommentaren), sie setzen auch Geld auf ihre Meinung. So entsteht der Kurs, welcher im Chart nachgezeichnet wird. Der Kurs ist unbestechlich, er meint nicht, er hofft nicht, er ist objektiv. Ich bringe hier zwei Charts von Wirecard, und sie zeigen schnell und klar, warum ich mich nicht für die Aktie interessiert habe.

  • Der Chart mit den zwei leicht nach unten gerichteten Pfeilen und der Rasterfläche dazwischen ist der Wochenchart von Wirecard. Bis September letzten Jahres ging es mit dem Kurs von Wirecard bergauf: Die Aktie konnte für Investoren interessant sein. Dann gab es eine Topbildung und dann über Wochen und Monate hinweg einen Abwärtstrend. Den Korridor des Abwärtstrends habe ich mit einem Raster gekennzeichnet. Ein Abwärtstrend, so einfach ist das, bedeutet ein schlechtes Chance/Risiko-Verhältnis. Für mich gab es daher keinen Grund, dem Papier näher zu treten. Für diese Entscheidung brauchte ich keine Nachrichten, ich brauchte nur den Chart. Offensichtlich waren mehr Anleger der Meinung, ihr hart verdientes Geld aus Wirecard abzuziehen, da sie keine gute Zukunft sahen. Die Folge der Mehrheitsentscheidung war, dass die Kurse sanken.
  • Das Papier war also raus aus meiner Beobachtungsliste. Die Liste eng zu halten, spart mir Zeit. Dennoch, das gebe ich zu, existierten auf kürzerer Zeitebene einige Argumente im Chart und in den Nachrichten, in Wirecard selbst in einem übergeordneten Abwärtstrend zu investieren. Auch Geld konnte man natürlich verdienen. Wenn man kurzfristiger unterwegs war und den Chart, also die Mehrheitsmeinung, zu lesen wusste. Der zweite Chart zeigt die Tagesansicht, jede Kerze bedeutet einen Tag. Wir sehen den Abwärtstrend im Februar (linker Pfeil), bis in den März hinein. Der sollte natürlich skeptisch machen … Aber dann kam der rasante Aufstieg im April, der sich am Schluss noch beschleunigte. Verführerisch, ja, da konnte man mitziehen. Aber jeden Tag musste man gucken, ob die Sache weiterlief, denn der rasende Abstieg im Februar zeigte schon, wie anfällig der Kurs ist. So kam es dann auch. Ein heftiger Einbruch am 27. April (rechter Pfeil). Er schreit uns an: raus, raus, raus. Wer noch hoffte, wurde am nächsten Tag gezüchtigt, ein weiterer Einbruch. Verkaufen! Es wird geradezu alarmgeklingelt zum Ausstieg. Nächster Tag: runter, und immer wieder, wenn auch geringer nun, geht es bergab, die Aktie kommt nicht mehr auf die Beine: Die Nachzügler suchen den Ausgang. Es folgt ein zaghafter Anstieg. Dieser lahme Anstieg nach den Einbrüchen ist ein weiteres Signal: Es gibt kein Vertrauen mehr bei der Mehrheit der Anleger, sie befürchten etwas. So kam es dann auch. Crash.

Die übergeordnete Entscheidung auf Wochensicht war also immer: Das ist kein Papier, welchem ich näher trete. Auch auf Tagessicht war die Entscheidung klar, das Chancen/Risiko-Profil sprach gegen ein Engagement. Okay, das ist die Vergangenheit. Klug geredet. Aber wie geht es weiter mit Wirecard? — Ich weiß es nicht. Aber der Monatschart hat sich nicht geändert. Der Tageschart hat sich nicht geändert. Das Chancen/Risiko-Profil hat sich nicht geändert. Die Mehrheitsmeinung hat sich nicht geändert. Bin ich schlauer als alle anderen? Bist du schlauer?