Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 22.4.2020

Anlegerpsychologie: Wie ich mich verhalte, wenn es an der Börse bergab geht

Lage. Gestern ging es an den Märkten bergab. Teilweise sogar heftig und an der New Yorker Börse in voller Breite; dort fielen 2352 Werte, nur 585 Werte stiegen. Gründe? Lassen sich immer finden. Hinterher. Der Ölpreis, die Pandemie usw. — Aber was mache ich, wenn ich, mitten im Abrutschen der Kurse, in mein Depot schaue. Überall flackert es rot … kann doch nicht sein … draußen Sonnenschein … und auf dem Schirm ein Massaker. Das erhöht die Herzfrequenz.

Szenarien. Bei solcher Lage gibt es davon unterschiedliche 😊

  • Der Profi. Börse ist Überraschung. Auch Profianleger werden überrascht. Da der Profi das weiß, hat er sich mit einem Szenario oder Setup vorbereitet. Das ziemlich unbekannte Fachwort Setup bedeutet, dass der Profi vor dem Einstieg in eine Aktie einen Plan vorbereitet hat, wie er auf verschiedene Situationen reagieren wird. Panik kommt hier nicht auf, gestern jedenfalls nicht, alles war im Rahmen, der Profi arbeitet den Plan ab …
  • Der Amateur I. Er schaut ins Depot und erstarrt, da er sieht, wie schnell die Verluste sich vor seinen Augen ausweiten. Schnell rutschen einzelne Positionen so stark ins Minus, dass er sie jetzt einfach nicht mehr verkaufen kann. Denn das wäre das endgültige Eingeständnis, einen großen Fehler gemacht zu haben. Also: Position halten, das kommt schon wieder. Der erfahrene Anleger Hari hat hierfür einen schönen Begriff geprägt: Der Anleger beginnt, Hopium zu atmen. - Häufig, vielleicht in den meisten Fällen, bestraft der Markt solches Hoffen, und die Verluste weiten sich aus. Womöglich nicht am nächsten Tag. Die Börse hat ausgefeilte Foltermethoden. Zunächst lässt sie einen Erholungstag folgen (heute, DAX 😁 womöglich) … Und dann: Buuhm, wieder herunter, aber so richtig. Mehr Hopium inhalieren ...
  • Der Amateur II. Er wird wie Amateur I. von der Kursentwicklung überrascht, aber er handelt. Wenn er angesichts der ungewohnten Höhe der Verluste in Panik geraten sollte, so ist das eine völlig menschliche Reaktion und in Ordnung. Er wird selbst registrieren: Ich bin panisch, aber ich darf nicht in eine Erstarrung geraten. Mitten im Getümmel sollte ich handlungsfähig bleiben. Manchmal hilft es, einfach irgendwas zu verkaufen. Nicht die gesamte Position, einen Teil … Das hört sich wenig fundiert an. Aber die Psychologie dahinter ist erstaunlich. Den Verkaufsknopf drücken … die Erleichterung spüren … und sehen, wie der Kurs weiter nachgibt, aber man nicht mehr dabei ist. If you panic, panic first, heißt es an der Börse. Aus der Erstarrung ist man in den Handelmodus gelangt, jederzeit könnte man nun zurückkaufen — und wundert sich, wie selten man tatsächlich zurückkauft, da die eben verkaufte Aktie mit neuem Blick, unbelastet gesehen wird. Man ist nicht mehr investiert, auch nicht mehr emotional, man sieht das Papier kühl und hinterfragt.

Es gibt noch den Sonderfall des Amateurs, der die Lage „gerochen”, sich also richtig positioniert hat. Er ist der schönste Fall, schlägt aber hier aus der Art, da es nach dem gestrigen Tag um die Anlegerreaktion auf Verluste geht. Ich gönne dem glücklichen Anleger von Herzen seine richtige Ahnung und seine Gewinne. Sein Selbstbewusstsein ist nun groß. Der Markt liebt sie, die Selbstbewussten. Denn er braucht sie. - fs