Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 20.4.2020

Was heute ein Vergleich von Eurostoxx und S+P 500 bringt

Lage. Aktienpessimisten sagen: 25 Millionen Nordamerikaner sind plötzlich ohne Arbeit, Stillstand (”Lockdown”) herrscht in großen Teilen der entwickelten Welt. Die Optimisten sagen: Erste Firmen werden bereits wieder hochgefahren. Dazu kommen die unvorstellbaren Geldmengen, welche Notenbanken in den Markt geben; die wirtschaftliche Schwächephase wird bald überwunden sein, schnell sollte man noch Aktien kaufen, bevor die Kurse endgültig hochschießen. — Was stimmt denn nun? Die Antwort für mich ist: Ich weiß es nicht. Nun könnt ihr sofort aufhören zu lesen 🙂 Der Frank weiß es also auch nicht. - Aber ihr verpasst die wichtigsten zwei Schlussfolgerungen, die man für den Aktienmarkt daraus ziehen kann und ziehen muss: Die Zukunft ist unbekannt,

  • weil niemals zuvor FED, EZB usw. so viele Billionen Dollar und Euro als Stützung ausgegeben haben.
  • weil solch eine Pandemie niemals zuvor da war. Die Pest im Mittelalter war anders, der Erdball damals im Vergleich zu heute kaum besiedelt. Die Spanische Grippe im zweiten Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts traf auf eine Welt, in der Massen noch nicht schnell reisten, der internationale Warenaustausch im Vergleich zu heute klein war.

Aktienanalysten und -vorhersager können also keine (Erfahrungs-)Werte haben, aus welchen sie Zukunftsmodelle extrapolieren. Dennoch präsentierte Modelle haben - für mich jedenfalls - nur wolkige Aussagekraft. Dennoch brauche ich, um am Aktienmarkt agieren zu können, ein Szenario ...

Szenarien. Es kann nur ein Szenario sein, das Unsicherheit einkalkuliert. Das hört sich wenig befriedigend an, aber für mich ist es wichtig, mir bewusst zu machen, dass ich mich in einer historisch einmaligen Situation befinde, die von hoher Unsicherheit gekennzeichnet ist. Anhaltspunkte, wo wir uns innerhalb der Unsicherheitswolke befinden, kann ein Blick auf den obenstehenden Chart geben. Die Tageskerzen im Chart zeigen den Eurostoxx 50, einen Index großer europäischer Werte. Die Linie im Chart zeichnet den S+P 500 nach, welcher die 500 großen US-Aktienwerte repräsentiert.

  1. Ich starte die Betrachtung im August 2017, beide Indizes setze ich auf eine Wertentwicklung von 0 Prozent. 
  2. Im Jahr 2018 entwickelt sich der amerikanische Markt besser, abzulesen im Chart. Wenn ich genau schaue, sehe ich, dass 2019 die Entwicklung von Europa und USA im Großen und Ganzen gleich gut verlief.
  3.  Nach dem Februar/März-Absturz in diesem Jahr jedoch erholt sich der S+P 500 viel steiler als der Eurostoxx. Europa und USA leiden ähnlich unter der Corona-Pandemie. Aber offensichtlich hat Europa ein zusätzliches Problem …

Schlussfolgerung: Was auch immer Europas Problem sein mag (darüber lässt sich spekulieren), als Investor könnte der amerikanische Markt für mich jetzt interessanter zu sein. Dann scheint also alles klar zu sein — wo ist die länglich geschilderte Unsicherheit? Hier ist sie und zentral: Nur weil die Börsen in der Breite in Europa schlechter laufen als in den USA, heißt das nicht, dass es in den USA nun fortgesetzt aufwärts geht. Es existiert lediglich die höhere Wahrscheinlichkeit, dass es in Europa weiterhin schlechter läuft als in den USA. Das ist für sich schon eine wertvolle Erkenntnis; bei der Beurteilung von Aktienmärkten geht es schließlich um das Einschätzen von Wahrscheinlichkeiten. - fs