Ansichten eines Aktienanlegers

Analysen aktuell | Analysen 2020 | Grundlagen | Newsletter

Lage & Szenarien vom 20.12.2020

Drei Aktienchancen und eine Markteinschätzung

Nachfolgend Ausschnitte aus meiner Email an Privatinvestoren

(...) Gleich auf mehreren Ebenen haben die drei Papiere Ähnlichkeiten. Die Unternehmen haben sämtlich ihren Sitz auf dem „alten” Kontinent Europa. Es sind auch „alte” Unternehmen mit weniger innovativen, dafür umso länger erprobten Geschäftsmodellen. Und: Die Charts der drei Unternehmen ähneln sich in gewissen Abschnitten.

(…) und nun: Die Kurse aller drei Unternehmen reißt es vor drei Handelstagen markant nach oben. Das Signal ist: old school investments are back. Warum formuliere ich das im merkwürdigen Denglisch? Weil es bei Marktteilnehmern die Vermutung gibt, dass Investoren aus der Neuen Welt zum Einstieg bei den Traditionsunternehmen im alten Europa geblasen haben. Bei Aktienschwergewichten, großen Aktienfirmen wie Allianz und ähnlichen, ist es immer das Big Money, welches die Kurse bewegt. Wir kleinen Privatanleger richten wenig aus. Also geht das Spiel: Wir schauen, wohin das große Geld fließt und hängen uns an. Investiert Big Money, so macht es das nicht an einem Tag; zu hoch sind die Summen, sie werden über Tage und Wochen gestückelt und ein Trend entsteht.

Noch etwas kann man an dem Kursausschlag sehen. Kurse machen Nachrichten. Nicht umgekehrt. „Nachrichten machen Kurse” ist nicht immer falsch, aber oft.

Die Erklärung dafür ist einfach und doppelt:

  • Wir lieben Geschichten, wir brauchen sie. Können wir eine Kursbewegung nicht erklären, machen wir eine Geschichte dazu, welche die Erklärung liefert.
  • Falls uns keine Geschichte einfällt, nehmen wir die Geschichte, die andere dazu präsentieren. Weil Menschen Geschichten lieben und brauchen, werden sie am laufenden Band von Medien produziert und den Menschen verkauft. Es ist ein Geschäft (früher für Zeitungen, heute im Netz).

Börsianer sind besonders gute Kaufkunden für Geschichten. Da sie echtes Geld im Markt bewegen, Nerven zeigen, Angst haben und nach Erklärungen, also Geschichten gieren, die ihnen die Angst nehmen.

Ein guter Investor lernt, wann eine Geschichte erklärt und wann sie nur nachgereichte Salbe für die Anlegerseele ist. Ich überlasse jedem, ob die Geschichte „Geld aus Übersee” für den Kursanstieg der drei Aktien (und einiger ähnlicher Papiere) nun Salbe ist oder Erklärung.

Tatsache bleibt, dass die Kurse zuerst ansprangen, dann die Erklärung kam. In diesem Fall gilt also: Kurse machen Nachrichten. Der nachträgliche Erklärversuch ist nett zu erfahren, er kann abgespeichert werden, ins Gesamtbild einfließen, ein Szenario ermöglichen: Die Überseeinvestoren werden weiter investieren … — aber die Wahrheit ist der Chart.

Der zeigt in den beiden Folgetagen: ein Luftholen, ein Verharren — siehe Chartbilder oben (nur in der Mail zu sehen). Es gibt keine Erklärungen für das Verharren. Es braucht auch keine. So geht ein Investor mit dem Bild um: Er sieht die Gesamtlage, er sieht das Anspringen der Kurse, kennt die erste Analyse dazu, das Szenario, und er entscheidet, sich zu engagieren (oder auch nicht). Da er sich einkauft, hat er aufgrund seines gestellten Szenarios eine Grundlage, wie er weiter vorgehen wird. Er weiß, dass er aufgrund des Anspringens gekauft hat und er wird verkaufen, falls sich seine Annahme — dass der Anstieg sich fortsetzt — als falsch herausstellt.

Er ist also nach oben dabei, er wird aber größere Verluste zu vermeiden versuchen, indem er sein Engagement zügig beendet, wenn der Anstieg zusammenfällt.

So einfach ist Investieren und Gewinnen am Aktienmarkt.

Scheinbar.

Tatsächlich ist es sauschwer.

Denn es nützt wenig, eine Marktsituation sauber zu analysieren, aber dann nicht danach zu handeln, sondern die Handlung zu unterlassen. Das auftretende Phänomen ähnelt dem sogenannten Omission Bias, zu deutsch heißt das in etwa Unterlassungsirrtum. Der Mechanismus funktioniert in etwa so:

Der Aktienkauf in eine unsichere Zukunft hinein wird als unangenehm empfunden, denn er erzeugt Angst. Die Angst ist unmittelbar, während der Kursgewinn und damit das Glücksgefühl unsicher sind und in der Zukunft liegen.

Dabei kann der Fast-Aktieninvestor eine schnelle, kleine Erleichterung sofort ernten: Indem er die Handlung, den Kauf unterlässt. Schließlich hat er die Marktsituation erkannt und verstanden (Glücksgefühl I.) und da er die Handlung des Kaufs unterlässt, verschafft er sich Erleichterung (Glücksgefühl II.).

Dass er die Chance auf einen Gewinn verpasst, den er einen Monat später haben könnte, das ist ihm zwar klar, aber er nimmt lieber (dieses eine Mal nur, bestimmt!) das kleine sichere Glück, statt den größeren, späteren, unsicheren Gewinn. So kann man eine ganze Investorenkarriere zubringen oder vertändeln und wundert sich, dass die Rendite nicht stimmt. — Mehr dazu (und wie man den Mechanismus für sich abstellt) in den nächsten Mails. Nun aber schnell und knackig zur Lage, bevor auch der letzte, geduldigste Leser abgesprungen ist …

Lage. Der Markt ist stark. Er macht was er soll. Ich schrieb es oben bereits. Er ist in den letzten Wochen berechenbar gewesen — warum sollte er seinen Charakter ausgerechnet jetzt ändern?

Szenarien. Aus zwei Gründen: Um weiterzulesen, trage dich auf meinem privaten Emailverteiler ein.