Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 8.11.2020

Bidens Sieg und die sechs Schritte zum Aktiengewinn

„Sobald das Wahlergebnis klar wird, aber genauso, wenn es nicht klar wird, wird der Markt sich in Bewegung setzen. Das ist der Moment, als Anleger zu reagieren.”

So schrieb ich (zugegeben, in etwas ungelenker Formulierung) im vorigen Lage & Szenarien und so kam es. Wer als Aktionär Lage & Szenarien gelesen hatte und entsprechend reagierte, der machte Gewinne.

Ich erkläre in sechs Punkten, was genau passierte, warum es passierte und welche Lehre ich daraus für die Zukunft (= künftige Gewinnchancen) ziehe.

Die genannten Punkte beziehen sich auf den Chart oben, welcher den S+P 500 zeigt, der die Kurse der 500 großen US-Unternehmen bündelt, mithin einen summarischen Überblick zum amerikanischen Aktienmarkt bietet. Jede Kerze zeigt einen Tag, ich betrachte hier nur die vergangenen sechs Handelstage und - natürlich - die Zukunft. Welche für Aktionäre am interessantesten ist. Die Vergangenheit liefert für sie (tatsächlich für beide, Aktionäre und Prognose) die nötigen Korsettstangen. Die sechs Punkte:

  1. Freitag, 30.10. - Dienstag wird die Wahl sein. Oh, höchste Unsicherheit, was wird passieren …? Und das Wochenende steht vor der Tür. Lieber etwas Risiko rausnehmen = verkaufen. Folge: Die Kurse fallen auf einen mehrtägigen Tiefpunkt und weil das im Laufe des Handelstages absehbar wird, entschließen sich weitere Marktteilnehmer zu verkaufen, fast das Gefühl einer Minipanik kommt auf.
  2. Montag, 2.11. - Man hat ausgeschlafen, ist erfrischt, sieht die Lage objektiver, Freitag war doch etwas übertrieben, mehr verkauft wird nicht. Folge: Kurslage stabilisiert sich.
  3. Dienstag, 3.11. - Wahltag. Wir sind ja clever als erfahrene Aktionäre. Keiner kennt zwar das Wahlergebnis, die Wahllokale sind ja kaum zu, aber was wird passieren? Natürlich wird die Unsicherheit morgen ausgepreist werden und damit steigen die Kurse. Hehe, da kauf ich doch schon heute, um mich morgen über die Gewinne zu freuen, wenn die anderen erst aufwachen. Folge: Die Kurse steigen schon am Dienstag mitten im Fog of War.
  4. Mittwoch, 4.11. - Trump krallt am Amt, will Auszählungen anfechten. Die Medien berichten breit. Jedoch: Wallstreetiers reagieren kühl. Für sie zählt: Keine Unruhen, Auszählungen laufen geregelt, ein Kandidat (Demokrat Biden) liegt vorn und die Demokraten scheinen zugleich zu schwach zu sein, um im Senat und Repräsentantenhaus die Mehrheit zu bekommen. Was bedeutet, dass ein eventueller Präsident Biden nicht durchregieren kann. Er würde schon beim Amtsantritt im Januar eine Lame Duck sein. Besser geht es kaum, Geschäftsleute wollen Geschäfte machen und ansonsten von der Politik, neuen Gesetzen, neuen Steuern verschont werden. So zünden die mittwöchlichen Kursraketen …
  5. Donnerstag, 5.11. - Die Politaussichen des Mittwochs verfestigen sich und nun muss dringend verstärkt Cash an die Arbeit gebracht werden. Kaufen und kaufen und nichts verpassen. Folge: Die zweite Raketenstufe zündet.
  6. Freitag, 6.11. - Brennschluss Stufe 2. Gewinne ins Wochenende hinein sichern, Folge: Kurse halten an.

Alles lief logisch, geradezu vorhersagbar ab. Ein besseres Szenario kann einem Aktieninvestor kaum vor die Flinte kommen.

Warum habe ich die Nachricht des Wochenendes bisher nicht erwähnt, welche doch für die nächste Börsenwoche wichtig sein wird? Biden hat gestern (Samstag, 7.11.) die nötige Wahlmänneranzahl erreicht, kann sich zum Präsidenten wählen lassen.

Nun, der Markt erwartet das seit Tagen. Die Nachricht ist in den Kursen bereits verarbeitet. Die „Biden wird Wahlsieger”-Gewinne sind in der vergangenen Woche gemacht worden. Das ist nun schade, mag mancher denken, bin ich wie so oft zu spät zur Party gekommen.

So ist es aber nicht :-)

Denn einige andere Herren sind ebenfalls spät dran. Die mit den Anzügen und den tiefen Taschen: die Fondsverwalter. Sie haben immer sehr viiiel Abstimmungsbedarf, Zoom-Meetings, Research, Bedenken ("Aber Corona!", "Aber die Wirtschaftszahlen!") — und sie haben zunehmend das Jahresende im Blick. Dort droht der Tag der Wahrheit, da sie ihren Investoren gegenübertreten, okay, in Coronazeiten auch nur per Zoom ... Dennoch. Die Herren (und Damen, klar) müssen darlegen, dass sie ihr Gebührengeld und ihre Boni wert waren. Natürlich haben sie die richtigen, die Gewinneraktien im Depot gehabt und sie haben zumindest die Rendite eingefahren, welche Investoren auch mit einem einfachen ETF auf den S+P 500 gemacht hätten.

Am Wochenende haben die Herren nachgedacht, sind im Geiste ihre Fondsdepots durchgegangen, werden sich nächste Woche noch besprechen … sich in die Augen sehen und zuflüstern, welche Gewinneraktien dummerweise doch noch fehlen, weil es einfach zu heiße Reifen waren für so seriöse Fonds … und die Rendite, das Jahr war wirklich verrückt … jedenfalls, man muss sich strecken, um den S+P 500 noch zu erreichen, da muss also doch noch etwas unternommen werden … — Das ist der Moment, da die Hände aus den tiefen Taschen genommen werden, die Zeigefinger endlich die Kaufknöpfe finden, Millionen kurz davor sind, in die Märkte zu fließen … Millionen? Milliarden. - Was wird wohl mit den Kursen passieren?

Stopp. Gier schaltet Hirn aus. Ich schilderte ein Szenario. Es kann in den Wochen bis zum Jahresende eintreten. Ich billige ihm, Stand heute, eine höhere Wahrscheinlichkeit zu als anderen Szenarien. Aber andere Verläufe sind möglich. An der Börse wird die Zukunft verhandelt (sie ist dummerweise unbekannt) und mit dem Werkzeug der Wahrscheinlichkeitskalkulation das Geld verdient.

Jedenfalls ist der für mich zur Zeit wahrscheinlichste Verlauf ein schönes Szenario für Privatanleger, die glaubten, zu spät zur Party zu kommen und sich nun noch kurz vor dem endgültigen Partyende durch die Eingangstür drücken. Um zu entdecken, das sich drinnen gerade alle bereit machen für die After-Show-Party.

Ich plane, im Laufe der Woche noch einige Aktientipps zur herbst/winterlichen Börsenhochsaison zu versenden, ohne großartige Erklärungen, dafür mit Charts. - Hier geht es zu meinem privaten Emailverteiler..