Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 1.11.2020

Eine rätselhafte Maschine

Das Ding auf dem Bild da oben ist für mich eine rätselhafte Maschine. Für die meisten Bauern dürfte es ein selbstverständliches Gerät sein.

Der Aktienmarkt der vergangenen Woche war ebenfalls eine Maschine: eine bösartige Maschine. Welche Gewinne zermalmte und gerupfte Anleger ausschied.

Ist ein solcher Aktienmarkt auch eine rätselhafte Maschine? - Das sollte er nicht sein. Wenn ich als Anleger am Markt bestehen will, werde ich zumindest versuchen, das Funktionieren seiner Maschinerie zu begreifen. Niemals werde ich sein komplettes Räderwerk durchdringen, aber das grobe Prinzip erkannt zu haben, das würde schon helfen. Um einen giftigen Markt, wie wir ihn in der vergangenen Woche hatten, in den Griff zu bekommen, beschreibe ich mir zunächst, was ich sehe.

Eine Korrektur sehe ich.

Der Ablauf einer Korrektur ist in der Mehrzahl der Fälle ähnlich. Sie hat geradezu ein Muster. Für mich sind Muster ein zentraler Begriff, um mich in der Marktmaschine zurechtzufinden. Finde ich ein Muster, finde ich Wahrscheinlichkeiten, finde ich Sicherheit. Das Muster geht so:

Tagelang, wochenlang, manchmal monatelang geht es bergauf mit den Kursen. Man fühlt sich gut, man hat das Geheimnis des Marktes endlich geknackt und die Gewinne häufen sich an. Endlich. Und man fasst Zutrauen, nimmt schwächere Markttage mit, ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen. Die kleinen Tagesgewinne stapeln sich zu größeren Gewinnen. So muss es sein. Dann, plötzlich, kommt die Korrektur.

Plötzlich ist das zentrale Wort. Ein zweites zentrales Element kommt hinzu, was die Korrektur so schmerzhaft macht: Gewinne, die man über lange Zeit angehäuft hat, werden innerhalb von Tagen aufgefressen.

Die Korrekturmarktmaschine spuckt einen gerupft und entnervt aus. Mit einem Mal bin ich nicht mehr der Aktionär, der den Markt begriffen hat. Ich bin das gerupfte Huhn.

Das ist das Muster. Des Marktes und der eigenen, dazugehörigen Psychologie.

Habe ich die Beschreibung der Situation, frage ich mich, wie ich darauf angemessen reagiere. Wenn der Aufstieg langsam ist und der Abstieg schnell. Dann existieren zwei Reaktionsmöglichkeiten.

  • Ich kann schon während des Aufstiegs meine Positionen immer weiter verkleinern. Mir drohen dann allerdings Gewinne zu entgehen, falls der Aufstieg gegen alle (vermeintliche) Vernunft weitergeht und weitergeht und weitergeht. 
  • Ich kann den Aufstieg mitgehen, immer weiter und trotz aller volkswirtschaftlich wohlbegründeten Warnungen (”Eine Blase, das ist eine Blase, der Crash kommt!”). Ich bin bis zum Gipfel dabei … und dann … die Korrektur.

In ihr verkaufe ich. Ich bin schon wieder herunter vom Gipfel, ich gebe Gewinne ab. Die Kunst ist nun vom Pflegma-Modus des Aufstiegs in den Abrupt-Modus zu wechseln und Verluste hart zu begrenzen. Durch Verkäufe. Dabei verkaufe ich nicht alles auf einmal, denn ich weiß nicht, wie weit die Korrektur laufen wird. Aber es werden substantielle Teile in den Markt gegeben.

Ziel ist es, am Ende der Korrektur mit mehr Gewinn dazustehen, als wenn ich den Aufstieg erst gar nicht oder kaum mitgemacht hätte.

Als engagierter Aktionär ist das für mich der beste Weg. Ein Irrweg wäre, die ganzen Tage, Wochen, Monate des (grundsätzlich unsicheren) Aufstiegs an der Seite zu stehen. Zumindest für einen Aktionär wäre das ein Irrweg, ich wäre dann eher ein Sparer, was legitim, aber ein anderes Business ist. Als Aktionär jedenfalls bin ich die meiste Zeit mit meinem Kapital an Unternehmen beteiligt und gehe nach Möglichkeit ihre volle Gewinnstrecke in einem von mir definierten Zeitraum mit. Der Preis sind Abgaben am Gipfel, die Kunst ist, die Abgaben durch entschlossene Reaktionen in einer Korrektur so gering wie möglich zu halten.

Hierfür kann man sich durchaus prozentuale Grenzwerte für Abgaben setzen, die man sich selbst erlaubt. Solche Grenzwerte sind wie Leitplanken, sie dienen der Sicherheit des eigenen Kapitalstockerhalts. Zehn Prozent Verlust des Depotwerts vom Gipfelpunkt aus gesehen wäre ein möglicher Richtwert. Je nach individueller Situation sind natürlich andere Werte möglich.

Lage. Nach dem ausführlichen Präludium kann ich die Beschreibung kurz halten. Die Kurse sinken. Denn es fehlen Käufer. Schließlich warten alle auf das Ergebnis der US-Wahl. Ich werde mit etwaigen Investitionen genauso warten. Für mich gilt weiterhin, was ich im "Lage & Szenarien" vom letzten Sonntag zur Wahl bereits geschrieben habe.

Szenarien. Sobald das Wahlergebnis klar wird, aber genauso, wenn es nicht klar wird, setzt der Markt sich in Bewegung. Das ist der Moment, als Anleger zu reagieren, in die eine wie in die andere Richtung.

Warten und lauern. Ist die Devise.

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