Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 25.10.2020

Was mir ein Chart über die Aktienkurse nach der US-Wahl verrät

Geschichte sagt mir die Zukunft nicht voraus. Aber Geschichte gibt mir Maßstäbe. Die Grafik oben zeigt den S+P 500 und zwar gefiltert, so dass die Maßstäbe für mich gut sichtbar werden.

Der S+P 500 ist ein Index der großen US-Aktienwerte, er bildet den breiten Markt ab. Die Grafik zeichnet den Jahresdurchschnitt des Indexverlaufs nach und zwar in den Jahren, in welchen ein US-Präsident gewählt wurde. Das sind die Jahre 1952, 1968, 1976, 2004, 2012, 2018. Ausgeschlossen sind Wahljahre, in denen nach volkswirtschaftlicher Definition eine Rezession geherrscht hat, also die Jahre 1960, 1980, 2000, 2008. Die Nulllinie unten markiert einen Indexstand von 100, die obere Rasterkante des Bildes markiert einen Indexstand von 114. Der Pfeil zeigt auf den Tag der Wahl.

Unschwer zu sehen: Nach der Wahl ging es im Durchschnitt der Wahljahre aufwärts. Ging es aufwärts. Vergangenheitsform. Geschichte verrät keine Zukunft. Geschichtliche Maßstäbe jedoch bieten mir Wahrscheinlichkeiten. Als Investor bin ich in der Entscheider-Branche tätig. Als Investor strebe ich danach, rational zu entscheiden. Das heißt, ich beachte Wahrscheinlichkeiten.

Lage. Es ist noch eine gute Woche bis zur US-Wahl. Drei Ergebnisse sind möglich.

  1. Biden gewinnt
  2. Trump gewinnt
  3. Es entsteht Unklarheit, wer gewonnen hat.

Szenarien. Fall 1) und 2) könnten die Börsen mit Erleichterung quittieren; eine Entscheidung ist gefallen, man kann sich darauf einstellen, weiß woran man ist.

Fall 3) wäre von Übel. Investoren mögen keine unsicheren Rahmenbedingungen, hielten sich zurück, wenn das administrative System stotterte, den Sieger erst aushandeln müsste. Zögernde Investoren bedeuten sinkende Kurse.

Wenn ich drei mögliche Ergebnisse habe und nur eines davon ist schlecht, so habe ich eine 2:1 Wahrscheinlichkeit für ein investorenfreundliches Ergebnis. Das ist eine ungewöhnlich hohe Wahrscheinlichkeit an der Börse. Hinzu kommt: Fall 3), eine Lähmung des Systems, ist schon für sich genommen ein unwahrscheinlicher Ausgang. Ihn hat es in der amerikanischen Geschichte gegeben, aber selten. Der Fall ist so etwas wie die Null beim Roulette.

Für Freunde des Gedankenexperiments: Es existiert eine weitere Komplexitätsstufe. Nehmen wir als gegeben hin, dass ich leider auch nicht mehr Kerzen auf der Torte habe wie die Mehrzahl der Investoren rund um den Erdball. Dann dürften andere Aktionäre meinen Gedankengang ebenfalls bereits gehabt haben. Er ist common sense, die Mehrheit der in der Entscheider-Branche Tätigen denkt so.

Die Mehrheit kann am Markt allerdings niemals recht haben. Nur eine Minderheit erzielt die ersehnten Gewinne, das liegt in der Natur des Marktes.

So gesehen erscheint die Situation nun doch kompliziert …

Dafür ist die Schlussfolgerung für uns einfach.

In der kommenden Woche berichten zahlreiche führende Tech-Unternehmen über ihre Quartalsergebnisse in Corona-Zeiten. Ebenfalls wird es in der Woche womöglich immer wieder News über ein eventuelles US-Konjunkturpaket geben. Das Kursverhalten auf Quartalsberichte und die Reaktion auf eventuelle Konjunkturpaket-News zeigen mir an, in welcher Verfassung der Markt vor der Wahl ist. Ich stelle mich hinter den Markt. In Abhängigkeit des Zeithorizonts einzelner Investitionen reagiere ich auf den Markt.

Wer nicht so engmaschig auf den Markt eingehen will, wer einfach wissen will, wie es wahrscheinlich mit seinen Aktien weiterläuft, der schaut nach unten, auf die Grafik: Ein Bild sagt womöglich mehr als (bis hierher) 500 Frank-Worte. Der S+P 500-Chart der vergangenen Wahljahre zeigt zwar nicht die Zukunft, aber er setzt bemerkenswerte Maßstäbe. 

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