Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 4.10.2020

Das Drama um den Präsidenten und was das mit den Börsen zu tun hat

Ich zitiere die New York Times von heute, es spricht der Präsident der Vereinigten Staaten:

“You don’t know, over the next period of a few days, I guess that’s the real test,” he said. “So we’ll be seeing what happens over those next couple of days.” - Quelle

Unabhängig von Börsenimplikationen und mit dem kalten Herz des Analytikers geschrieben: ist das nun ganz großes Kino.

Der Anführer der freien Welt, der mächtigste Mann auf Erden, nachdem er monatelang seine Truppen mit mäßigem Erfolg in den Viruskrieg geschickt hat, steht nun selbst und in offener Arena Auge in Auge dem aktuell gefährlichsten Feind der Menschheit gegenüber und kämpft mit allem, was er hat, um das ihm irdisch Höchste, Macht und Leben.

Mehr Drama geht nicht.

Hat das Auswirkungen auf die Börse?

Natürlich.

Aber: Je länger die Infektion und Donald Trumps Kampf gegen sie dauert, je geringer wird die Gefahr von ruckartigen Verwerfungen bei den Kursen. Zuerst sind wir schockiert, dann gewöhnen wir uns an das Thema, haben die Wendungen durchgespielt, die der Fight gegen das tückische Virus nehmen kann. Der Schockmoment ist vorbei, der Alltag setzt ein. Ein solches Verhaltensmuster ist menschlich. Alle sind wir Menschen, auch die einflussreichsten Börsianer der Welt: an der Wallstreet, auch sie sind - natürlich - normale Menschen. Okay, vielleicht nicht komplett normal 😊 … aber menschliche Wesen sind sie bestimmt.

Das Virusdrama um den US-Präsidenten wird also in der nächsten Woche Auswirkungen auf die Börsenkurse haben. Aber der Schockmoment ist vorbei, die Leitbörse an der Wallstreet hat die Sache am Freitag recht gut verdaut; es ist unwahrscheinlich, dass es in den nächsten Tagen zu einem abrupten Strömungsabriss bei den Kursen kommt. Wir können uns zurücklehnen und den Sonntagskaffee schlürfen. Das ist die erste Erkenntnis: Es bleibt Zeit, die

Lage zu würdigen. Am Freitag kam es nicht zu einem Abverkauf, der sich über die Breite des Marktes erstreckte. Das Bild oben zeigt die Kurse der größten börsennotierten nordamerikanischen Unternehmen vom letzten Freitag (2.10.), zusammengefasst im Index S+P 500, den wir als Leitindex für die westliche Wirtschaftswelt betrachten dürfen. Die Größe der einzelnen Kästen spiegelt die Größe der jeweiligen Firmen wieder. Wir sehen eine diagonale Teilung des Marktes. Im oberen Dreieck dominiert das Rot, also der Verkaufsdruck und daraus folgende Kursverluste. Im unteren Dreieck dominieren neutrale und grüne Töne. Oben sind die größeren, häufig Richtung Online und Technik orientierten Firmen (”Big Tech”), unten eher kleinere, traditioneller orientierte Unternehmen.

Es ist ein zweigeteilter Markt und damit ein anderer als im Februar und März, als es wegen Corona mit den Kursen heftig abwärts ging. Damals gab es keinen sicheren Hafen, alle wollten raus aus Aktien. Am Freitag blieben die Händler kühl, sortierten, überlegten, verkauften und kauften. Business as usual fast.

Szenarien. Fasse ich die Lage für mich zusammen und bedenke die menschliche Natur, also den Gewöhnungseffekt auch an unerfreulichste News, dann sehe ich für die kommenden Tage einen rationalen Markt. Die Händler werden Neuigkeiten zur Gesundheit des Präsidenten und seiner Entourage, zur Gesundheit des Herausforderes zur Kenntnis nehmen, bewerten und einordnen: Ist das wirklich wichtig für die Wirtschaft und wenn, für welche Bereiche?

Der Markt wird neue Informationen schrittweise abarbeiten. Ich werde mich also hinter den Markt stellen und reagieren. Das ist die zweite Erkenntnis. Es ist nicht die Zeit, um große Vorhersagen zu machen und auf diese wackligen Vorhersagen Geld zu setzen. Dies ist eine Marktphase, die einen reaktiven Ansatz verlangt.

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