Ansichten eines Aktienanlegers

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Das Superaktienproblem

Wir werden die Amazon & Apple-Nachfolger nicht finden - aber es gibt eine Lösung

Erschienen am 5.9.2020

Ich bin nicht genial.

Kann ich zum Ausgleich mangelnder Genialität wenigstens in die Zukunft schauen? Das wäre schon praktisch für einen Aktienanleger.

Nein, auch das In-die-Zukunft-schauen beherrsche ich nicht.

Trotzdem maße ich mir an, immer wieder über die Börse zu schreiben? Ohne Genialität und mit nicht vorhandenen Prognosefähigkeiten!?

Nun, hüstel, eine Vorhersage zumindest traue ich mir zu: Ich werde das nächste Amazon und das nächste Apple nicht entdecken.

Das ist eine Selbsterkenntnis und eine der werthaltigsten Vorhersagen, die man machen kann. — Weder überblicke ich den Weltmarkt, noch schaue ich in die Köpfe von nachwachsenden Nerds, die gerade in den Garagen ihrer Eltern the-next-big-thing zusammenschrauben. Vielleicht produzieren die zwei Nerds und Steve-und-Woz-Wannabes auch nur den nächsten Rohrkrepierer. Der das Garagentor wegbläst und das Sparkonto ihrer Eltern. Solch ein Rohrkrepierer ist wahrscheinlicher als das next-big-thing.

Viel wahrscheinlicher.

Es existiert noch eine dritte Möglichkeit für die Garagenschrauber: der Blindgänger. Explodiert nicht, macht nicht mal puff. Der Blindgänger macht gar nichts. Für Gesundheit und Garagentor ist das gut, für mich als Investor ist es trotzdem unschön:

Blindgänger verursachen Opportunitätskosten; das heißt, ich mache zwar keinen Verlust mit einer Investition in ein Asset, welches sich nicht entwickelt: Der Kurs steigt nicht, er fällt auch nicht. Aber die Investitionssumme kann ich nur einmal investieren; sie fehlt jetzt woanders, wo sie Rendite bringen würde.

Die Chancen stehen also gegen mich, dass ich das nächste amazonstarke Aktienunternehmen, den nächsten Garagen-Nerd, der Apple gründet, finde und auf diese Weise unglaubliche Kurssteigerungen in meinem Depot erlebe. Selbst Investment-Legende Warren Buffett sagt, solche Chancen gäbe es nur eine Handvoll im Leben. Und wenn sie da sind, erkennt man sie nicht … — Ausgerechnet ich Ungenialer soll ein solches Superaktienunternehmen entdecken … Da dürfte ich mich geschnitten haben, und würde ich mich dennoch darauf versteifen, eine derartige Anlageperle gefunden zu haben und hielte sie durch dick und dünn, dann ist es wahrscheinlicher, dass ich nach Jahren erkenne: So toll ist das Unternehmen doch nicht, und ich werde mit einer null-Rendite oder einem Verlust aus dem Investment aussteigen.

Vermögen baue ich als durchschnittlicher Typ anders auf. Indem ich von der Seite, auf welcher die Chancen gegen mich stehen, auf welcher ein Erfolg unwahrscheinlich ist, auf die andere Seite wechsele. Auf welcher die Chancen größer sind, und ich eine Wahrscheinlichkeit von 51 Prozent habe, richtig zu liegen.

So ein kleiner statistischer Vorteil reicht aus, um Vermögen aufzubauen. Ein Supertreffer, das Finden der nächsten Amazon- oder Apple-Aktie, deren Kurse über Jahre nach oben steigen, ist unnötig. Falls es doch passiert, so unwahrscheinlich es ist, dann ist das wunderbar, man nimmt es einfach mit.

Das Geheimnis des Erfolges ist das Compounding, das Zusammensetzen, das Aufschichten. Ich nehme eine Aktie, die ich aufgrund meiner Analyse für aussichtsreich halte. Von mir aus hat sie auf den ersten Blick Apple- oder Amazonpotential. Ich darf das hoffen, aber ich weiß es nicht, ich schaue nicht in die Zukunft, ich kann weder das Potential des Produkts, noch des Managements, noch des Marktumfeldes für die nächsten zehn Jahre einschätzen. Also verheirate ich mich auch nicht mit der Aktie. Erfüllt ihr Kurs in einem gesetzten Zeithorizont meine Erwartungen nicht, dann stutze ich die Position zurück, bis hin zum Komplettverkauf. Umgekehrt, übererfüllt der Wert meine Erwartungen, schichte ich auf, kaufe hinzu.

Das Verfahren brauche ich nicht auf einen Wert beschränken. Ich kann mit einem ganzen Aktienkorb so verfahren. Ich verkleinere Positionen, wenn es nicht läuft, ich tausche aus. Ich verstärke Positionen, wenn sie hochlaufen. Das eigentliche Ziel ist immer, den Depotwert möglichst weit oben zu halten. Auf die Art baue ich mir im übertragenen Sinn meinen eigenen, zusammengesetzten Amazon-Wert und bin nicht darauf angewiesen, dass Ausnahmeunternehmer wie Bezos oder Jobs/Cook die Kohlen für mich aus dem Feuer holen. Die Auswahl der richtigen Aktien für meinen Korb kann ich anhand der vergangenen Kursentwicklung der Werte vornehmen. Kurse lügen nicht, sie sind ein Anzeiger für die Qualität eines Unternehmens, und eine Reihe mit Kursdaten aus der Vergangenheit erzählt viel über ein Unternehmen. So wie ein Lebenslauf in einer Mappe oder einem Emailanhang viel über einen Bewerber erzählt.

Wie ich einen Kurs analysiere, um das richtige Unternehmen und den richtigen Zeitpunkt zum Kauf oder Verkauf zu finden, erkläre ich regelmäßig an aktuellen Aktienwerten in meinen Emails hier.