Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 10.7.2020

Die große Übertreibung

Lage. Seit dem Corona-Einbruch sind die Märkte gut gelaufen. Sehr gut sogar. Dennoch erkenne ich in den amerikanischen Indices S+P 500 (führende Unternehmen), Russell (kleinere Unternehmen) auf den ersten Blick keine Übertreibung, keine Blasenbildung. Und: Die Stimmung der privaten amerikanischen Anleger ist nicht euphorisch, eher ein klein wenig skeptisch. Quelle: Anlegerstimmung

Da Privatanleger im Markt mehrheitlich „zu spät” kommen, sowohl im Aufschwung wie im Niedergang, sind das für den weiteren Verlauf gute Zeichen. Eigentlich …

Szenario. Denn die Frage ist, ob S+P sowie Russell oder andere bekannte Indices den Markt überhaupt noch richtig abbilden. Beziehungsweise ob sie die Teile des Marktes richtig abbilden, in welchen die Zukunft verhandelt wird. Denn wer gestreut in S+P-Werte investierte oder in Russell-Werte, der machte ordentliche Kursgewinne. Wer aber in Tech-Werte, in Corona-Werte, in Homeoffice-Werte investierte, der machte fantastische Gewinne. Verzichtete man in seinem Portfolio auf Unternehmen mit alten Geschäftsmodellen, so verzichtete man auf Bremsklötze, das Portfolio raste los, mit Raketenbeschleunigung, und der Pilot brauchte sich bloß ordentlich festhalten und in den Fahrtwind blinzeln, ob nicht irgendwo da vorn eine Mauer auftauchte. Bisher tat sie es nicht …

Das Schaubild zeigt die Werte des S+P 500. Jeder Kasten repräsentiert einen Wert. Je größer ein Kasten, ja höher ist die Marktkapitalisierung, die „Marktschwere” des Wertes. Je grüner ein Wert erscheint, desto höher ist sein Kursgewinn. Je roter, je größer ist der Kursverlust. Ich habe in dem Schaubild zwei Zeitebenen ineinander geblendet. So wird einerseits die schwache Abbildungsleistung des S+P 500 deutlich. Andererseits sehe ich, was wirklich passiert. Die eine Zeitebene ist der Tagesgewinn/Verlust von gestern, die andere Zeitebene ist die aktuelle Gesamtwoche.

  • Der S+P spaltet sich auf. Es gibt die Old-Economy, die nicht recht vom Fleck kommt, teilweise Verluste einfährt; und es gibt die Tech-Werte, die unglaubliche Kursgewinne machen und aufgrund ihrer Marktschwere den gesamten Index mit nach oben bringen.
  • Schaue ich mir als Beispiel Amazon an, so sehe ich, dass gestern im Tagesverlauf (es sind keine Endkurse) 1,5 Prozent Gewinn auftauchen. Schön, respektabel. In der Woche aber gewann die Aktie 11 Prozent dazu. In einer Woche! - Wie lange kann auch der tollste, profitabelste Tech-Wert solche Steigerungen durchhalten? 

 Als Anleger stehe ich hier vor einem Dilemma. Die Tech-Werte machen alles richtig. Sie haben die Geschäftsmodelle für die Zukunft. Sie sind die Zukunft. Sie werden alte Unternehmensmodelle zerstören, Märkte aufrollen. Insofern macht es kaum Sinn, in Industrien mit wenig Aussichten zu investieren. - Aber das wissen auch alle anderen Marktteilnehmer; deren Cashbestände sind durch die Notenbanken prall gefüllt, und sie kaufen sich in die Zukunftsbranchen ein, koste es, was es wolle.

Klare Aussage: Die Kurse der gehypten Unternehmen sind übertrieben. Alternativen sind dennoch schwer zu finden, denn es gibt nur eine Zukunft, die sich materialisieren wird. So kann, gerade im umsatzschwachen Sommer, jederzeit der Rückschlag kommen. Er wird auch die Kurse der anderen S+P-Unternehmen mit nach unten ziehen. Das ist mein Szenario, und es bedeutet, weiter mitzuspielen. Bis es auf einmal endet. Dann heißt es, schnell zu reagieren. Um nicht als der typische Privatanleger zu spät mitzubekommen, dass die Party vorbei ist.