Aktien Blog 2022

Ansichten eines Aktienanlegers

Viele Umfragebeteiliger haben ihre Prognosen mit spannenden und fundierten Überlegungen erläutert, und zu Anfang habe ich zurückgemailt, dass ich darauf im Einzelnen am heutigen Sonntag eingehen werde. — Da ahnte ich noch nicht, dass die Lawine der Rückmeldungen erst am Anschwellen war … In den folgenden Tagen wurde mir klar, dass nicht das Eingehen auf einzelne Thesen, Beobachtungen und Begründungen den größten Nutzen für uns alle als Privatanleger bringen würde. Sondern die Gesamtschau, der Eindruck.

S+P 500, der US-Leitindex: Pfeil und Bögen zeigen den Trend.

Lage & Szenarien vom 8.1.2023

Der Bär auf der Schaukel

Von Frank Sauerland

Das hat mich überwältigt. Die Beteiligung an der kleinen Umfrage in der Lage & Szenarien-Ausgabe vom Neujahrssonntag war riesig.

Zwei Fragen stellte ich. a) Im Vergleich zum Jahresbeginn 2023: Um wie viele Prozent höher oder tiefer wird der amerikanische Börsenindex S+P 500 am Jahresende 2023 stehen? b) Gleiche Frage, aber bezogen auf den deutschen Leitindex DAX.

Die Antworten hatten eine enorme Bandbreite, von minus 50 Prozent bis plus 50 Prozent war alles dabei, und ein Leser traute sich sogar, bis auf die zweite Nachkommastelle zu prognostizieren. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob das ernst gemeint war …

Dabei ist mir und ist uns bewusst, dass eine solche Umfrage keinerlei Meinungsinstitutsstandards genügt, soziologisch fragwürdig ist und wissenschaftlichen voll daneben … Betrachten wir die Umfrage und die Plauderei darüber als Sonntagsunterhaltung für Börseninteressierte, als freihändige Meinungsstichprobe mit interessant-verbogener Beteiligungsstruktur.

Jeder Teilnehmer hat offensichtlich die letzte Lage & Szenarien-Email geöffnet und gelesen, das heißt er ist am Thema überdurchschnittlich interessiert. Die allerallermeisten Umfrageteilnehmer sind männlich, stehen sowohl von der Lebensjahrezahl wie auch den privaten Umständen mitten im Leben. Sie dürften das Geschehen an den Börsen mit größerem Interesse verfolgen als der Bevölkerungsdurchschnitt. Ebenfalls über dem Durchschnitt wird bei den Umfragemitmachern die Aktienanlagequote liegen.

Die weit überwiegende Zahl der Teilnehmer äußert sich sowohl für den S+P 500 wie für den DAX optimistisch: Die Indices werden am Ende des Jahres höher stehen als zu Jahresanfang.

Die Prognose wird unterschiedlich begründet, durchweg intelligent und überzeugend. Die Mehrheit der Optimisten schätzt den Anstieg der Indices auf 5 und 8 Prozent.

Die langjährige Durchschnittsrendite von Aktienanlagen liegt bei rund 7 Prozent. So betrachtet wäre das Ergebnis der Umfrage konventionell. — Aber wir haben ein außergewöhnliches Aktienjahr hinter uns, ein außergewöhnlich verlustreiches Aktienjahr. Für Big Tech-Aktien war es sogar ein verheerendes Jahr, und der Abwärtstrend ist weiterhin intakt. Insofern ist unser umfragemäßig geäußerter Mehrheitsoptimismus (ich schließe mich ein) erstaunlich, vielleicht sogar besorgniserregend? Denn eine Baisse, so geht in etwa eine alte Börsenweisheit, ist erst zu Ende, wenn die Mehrheit der verlustverprügelten Anleger sich angewidert abwendet vom Thema Aktien. Das ist bei uns eindeutig nicht der Fall. Der Gedanke könnte einen beschleichen, dass die Baisse also noch lange nicht zu Ende ist …

Es ist aber auch die fast gegenteilige Sichtweise möglich: Wir sind hier bei Lage & Szenarien der übriggebliebene „harte Kern”; rundherum haben die Normalo-Anleger das Thema „Aktienanlage” längst für sich beiseite gelegt; in Büros und Kneipen und Umkleidekabinen sind Aktien kein Smalltalk-Thema mehr. — Das könnte bedeuten, der Anstieg beginnt jetzt oder zumindest ist der Tiefpunkt erreicht und ein erfreuliches Jahr liegt vor uns.

Die Zukunft wird es zeigen, es bleibt spannend.

Viele Anleger der neuen Generation haben noch keinen Bärenmarkt durchlebt. Die Finanzkrise von 2007 ist kaum noch in Erinnerung, der Covid-Crash war … eben ein Crash und kein Bärenmarkt. Die Notenbanken fluteten die Märkte danach mit Geld und die Kurse stiegen sofort mit der künstlich erzeugten Flut. Nun aber, seit dem Beginn des Jahres 2022, also seit über 12 Monaten, geht es abwärts und zwar auf typische Bärenmarktmanier: in einer fortgesetzten Schaukelbewegung.

Ich habe sie oben im Chart des S+P 500 mit den roten Bögen eingezeichnet. Immer wieder reißt es die Kursnotierung markant hoch und wir denken, nun ist der Abwärtstrend zu Ende, wir lassen uns in den Markt ziehen, der prompt die Kursgewinne nicht ausbauen kann, sondern zurückfällt und zwar auf ein tieferes Niveau als zuvor.

So entsteht im übergeordneten Bild ein Abwärtstrend, ich habe ihn mit dem Pfeil verdeutlicht. Während es im Wochengetümmel immer wieder den Eindruck macht, als wäre der Boden erreicht, geht es auf höherer Zeitebene weiter abwärts.

Erst am vorgestrigen Freitag, dem derzeit letzten Handelstag, trat die Situation wieder auf; der S+P 500 machte einen spektakulären Tagesgewinn von 2,3 Prozent. Die gereichte Begründung für den Optimismus: Neue US-Daten zeigen einen nachlassenden Druck beim Anstieg der Gehälter. Also könnten die Zinserhöhungen der US-Zentralbank Fed bald an ein Ende kommen, die bisher Wirtschaft und Aktienkurse belasten.

Ob der Optimismus über das Wochenende hinausreicht, das weiß niemand. Der vorletzte Bogen, den ich eingezeichnet habe, markierte sein Tief im Oktober 2022; der aktuelle Bogenboden liegt höher. Wir sehen eine Entspannung, während der Trend nach unten weiter Bestand hat. Rational ist daher, wenn ich im Augenblick nicht zu optimistisch werde und hektisch investiere. Es reicht, aufmerksam zu sein: Die Lage kann sich nun ändern, aber noch gilt der Abwärtstrend.

Nach einem katastrophalen Aktienjahr ist das zu Beginn des neuen Jahres immerhin keine katastrophale Ausgangslage. Es beginnt eine Zeit des Sortierens, des Zurechtlegens von Einzelwerten. Damit man vorbereitet ist, wenn sich die Lage klärt und ein neuer Trend sich etabliert.

Regelmäßig am Sonntagvormittag vor der anbrechenden Handelswoche schreibe und verschicke ich die kleine Marktvorbereitung Lage & Szenarienhier auf meinem privaten Emailverteiler eintragen und Lage & Szenarien am Sonntagmorgen im eigenen Email-Postfach haben. — Lebenspraktischer Hinweis für Inhaber eines Email-Accounts von T-Online oder GMX: Die zwei Anbieter unterlassen es in den meisten Fällen, meine automatische Bestätigungsmail auf deine Newsletteranmeldung in dein Email-Postfach zu legen. Ohne einen Klick deinerseits auf den Button in der (nicht zugestellten) Bestätigungsmail bist du nicht auf meinem privaten Verteiler, erhältst kein sonntägliches Lage & Szenarien. Bitte melde dich in solch einem Fall formlos per Email bei mir, ich setze dich von Hand auf die Liste.