Aktien Blog 2022

Ansichten eines Aktienanlegers
Die Holz-Futures ins Verhältnis gesetzt zum S+P 500-Index: ein Gewinngebirgsmassiv.

Lage & Szenarien vom 20.11.2022

Das Kurs-Gebirge

Von Frank Sauerland

Wie die Zeichnung eines Gebirges sieht das obige Chartbild aus. Jedes Stäbchen steht für eine Woche, die Reihung der Stäbchen ergibt den Kursverlauf des Holz-Futures in den USA. Nun scheint der amerikanische Holzpreis für einen deutschen Privatmann mit Aktieninteressen ähnlich wichtig zu sein wie der bekannte Sack Reis, welcher in China umkippt. Doch damit wäre der Holzpreis unterschätzt.

Für mich ist er ein praktischer Marktanzeiger. In ihm konzentrieren sich Knappheiten, Geldpolitik und Erwartungen in einem Kurs. Bei der Preisbildung des Holz-Futures kämpfen menschliche Verzagtheit und Zuversicht auf der Börsenbühne miteinander. Das Hin-und-her-Wogen des Kampfes ist spannend. Sobald der Holzpreis ins Verhältnis gesetzt wird zu Aktienkursen, gibt die unorthodoxe Verbindung Einblicke in Markt­befindlichkeiten und erlaubt einen Ausblick darauf, wie es weitergehen kann am Markt. Einen wahrscheinlichen Ausblick wird ein Investor immer als Gewinnchance begreifen.

Ich beginne die Gebirgsbesteigung auf der linken Chartseite im Februar 2020 kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie. Der Holzpreis startet bei null Prozent. Holz wird in den USA mehr noch als bei uns beim Bau von Einfamilienhäusern benutzt sowie ähnlich wie bei uns zur Konstruktion von Hallen und Dachstühlen. Holz wird nachgefragt, wenn Zuversicht herrscht, wenn Unternehmer etwas unternehmen, da sie glauben, in der Zukunft mit ihrer Unternehmung Gewinn zu erwirtschaften. Als das Corona-Virus sich ausbreitete, war der Glaube an die Zukunft erschüttert und Gewinne in Non-Softwarebranchen waren schwer vorstellbar, der Holzkurs brach ein, innerhalb von vier Wochen um 40 Prozent.

Übrigens startet zum Vergleich als türkisfarbene Linie im obigen Chart und ebenfalls bei Null wie der Holzpreis der S+P 500-Index, welcher die 500 größten US-Aktienunternehmen versammelt. Der S+P 500-Index ist mein Standardsammelanzeiger für den US-Aktienmarkt. Ich könnte ihn sogar als Anzeiger für den Zustand der Aktienmärkte der westlichen Welt ansehen. Wie der Holzpreis so stürzt auch der Aktienindex in Folge der Pandemie ab, innerhalb von vier Wochen um über 20 Prozent. An den Märkten herrscht im Corona-Jahr 2020 zunächst Heulen und Zähneklappern.

Die Angst vor einem Zusammenbruch der Wirtschaft geht um, die US-Notenbank Fed startet ein nie dagewesenes Rettungsprogramm. Man hat Lehren gezogen aus der Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre des vorigen Jahrhunderts, der Ölkrise der 70er-Jahre, der Finanzkrise der 2000er. Die Fed gibt auf verschiedenen Wegen Geld in den Markt und nennt es Quantitative Easing. Die US-Regierung lässt Barschecks an die Bevölkerung verschicken. In der EU wird sich bald mit ähnlichen Maßnahmen angeschlossen. Daraufhin schießen die Aktienkurse hoch. Im Chart oben ist das kaum zu sehen, da der S+P 500-Index im Bild mit dem Holzpreis konkurriert und dessen Preisentwicklung übertrifft die Aktienkurse bei weitem. Der Holzpreisanstieg zum ersten Gipfel im August 2020 ist steil, der Abstieg danach ebenso, aber es ist nur ein schmales Tal, dann türmt sich ein wahres Kursmassiv auf. 300 Prozent Gewinn sind es nach dessen Erstürmung auf dem Gipfel, und schon geht es wieder herunter mit dem Holzpreis … um erneut anzusteigen auf 200 Prozent.

Ich brauche die Preisgipfel nicht mit einzelnen Nachrichten, mit vergangenen Aufgeregtheiten abzugleichen. Es reicht zu wissen, dass frisch geschaffenes Geld die Kurse angetrieben hat, die Zuversicht von Unternehmern und Konsumenten befeuert hat und Materialknappheiten in der angespannten Coronazeit-Logistik verstärkt hat. Der Holzpreiskurs zeichnet den psychologischen Zustand der Marktteilnehmer überschießender und damit deutlicher als der gesammelte Aktienmarkt.

Der Holzkurs dokumentiert auch, wie die Pandemie ihren Schrecken verliert; die Fed signalisiert einen Kurswechsel, sie beginnt, die Zinsen zu erhöhen: Im März diesen Jahres fängt der Abstieg aus dem Holzpreisgebirgsmassiv an. Ab Mai habe ich mit einigen Strichen eine interessante Struktur verdeutlicht. Der Holzpreis normalisiert sich. Der Kurs kommt zurück, seine Ausschläge werden immer geringer, die Aufgeregtheit verschwindet und nun ist der Preis bei null Prozent angelangt. Das heißt, er ist da, wo er sich bereits kurz vor der Pandemie befand.

Währenddessen steht der S+P 500, nach allerlei nervenzerrenden Aufstiegs- und Untergangsfantasien, immerhin 20 Prozent höher als damals. Meine Schlussfolgerungen:

  • Besser als Rohstoffe eignen sich Aktien zur langfristigen Vermögensbildung.
  • Quantitative Tightening, das Einsammeln des Geldes durch die Fed, funktioniert zur Zeit. Die Preise kommen zurück, der Aktienmarkt akzeptiert es.

Das sind Erkenntnisse, die nicht für Schlagzeilen taugen. Sie bringen keine Aufmerksamkeit in sozialen Medien, dort wäre eine knackige Untergangsprophezeiung wirkungsvoller. Aber für das eigene Depot sind die entspannenden Erkenntnisse geldwert.

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