Aktien Blog 2022

Ansichten eines Aktienanlegers
Rheinmetall: zwei Charts, eine Erkenntnis.

Lage & Szenarien vom 14.8.2022

Gewinne oder Geschwätz

Von Frank Sauerland

Da muss ich mich entscheiden. Will ich Gewinne oder will ich Geschwätz. Börsengeschwätz unterhält wunderbar, keine Frage. Zum Beispiel die Diskussion darüber, ob die Wirtschaft in eine Rezession rutschen wird oder bereits in ihr ist oder gerade wieder herauskommt. Gern diskutiert wird auch, ob die Inflation anzieht oder fällt oder bleibt. Alles ist möglich, und wenn alles möglich ist, herrscht die höchste Spannung. So funktioniert eine gute Erzählung, und gehe ich so an die Börse heran, ist sie genau das: eine gut geschmierte Erzählung, eine lang laufende, verflixt spannende Netflix-Serie; mit gekonnten Cliffhangern zum Tagesende, so dass ich dem nächsten Börsenmorgen entgegen fiebere.

Das unterhält, bringt jedoch keine Gewinne.

Wie Börsengewinne für mich funktionieren

Börsengewinne funktionieren anders, relativ einfach, geradezu unspannend. Die Ökonomie kann zum Beispiel eine Rezession signalisieren und trotzdem treten Aktien zur Rallye an. Besser ist meist, ich höre auf die Aktien. Das zahlt sich mehr aus.

Auch wenn ich mich schlauer fühle, das gebe ich zu, wenn ich verstanden habe, warum gerade Rezession ist oder Stagflation oder was auch immer. Aber solche Schlauheiten sind eben keine Gewinne, die Gewinne bei der Aktienanlage werden, nunja eben mit Aktien gemacht. Das DAX-Papier Rheinmetall mag zur Erläuterung dienen.

Oben ist ein Doppelchart der Aktie zu sehen. Links im Bild ist die Kursentwicklung mit Tageskerzen notiert, rechts sind die Wochenkerzen. Der linke Chart reicht bis in den Februar diesen Jahres zurück. Der rechte Chart geht zurück bis in den April 2020. Eingeblendet ist links zusätzlich die 50-Tagelinie, rechts die 50-Wochenlinie. Die Linien glätten die Kursverläufe und können als erste Orientierung dienen. Vielleicht reicht die Auflösung des Bildes nicht ganz, um letzte Details zu erkennen — umso besser, es geht um Trends und man verliert sich so nicht in Frickelkram.

Archäologische Grabungen im Chart

Ich wische sämtliche Informationshäppchen von Kollegen, Foren, Medien beiseite und konzentriere mich auf die Charts. Ein Archäologe gräbt nach Knochen und Scherben, um das Leben früherer Menschen zu verstehen. Ein Chartianer braucht nicht graben, alles ist ihm nett aufgezeichnet. Im übertragenen Sinne gräbt er dennoch, nach vergangenen Entscheidungen von Investoren, so gewinnt er Orientierung für die Zukunft. Im Februar springt Rheinmetall hoch. Im Chart links sieht man den Anlauf, dann den Sprung.

Aufmerksame Anleger sahen den Anlauf, handelten schnell und nahmen den Sprung mit.

Die Zuspätkommer brauchten sich nicht grämen. Solange sie Entschlusskraft besaßen, das heißt investierten, nachdem der große Sprung gemacht war.

Wenige werden dazu die Nerven gehabt haben. Gerade darum funktionierte es und funktioniert immer wieder. Das ist logisch. Im Markt hat die Mehrheit unrecht, weil sie recht hat. Das klingt verknotet. Dennoch ist es richtig, und wer für sich den Knoten gelöst bekommt, der wird belohnt:

Da die Mehrheit glaubte, der Kurs wäre ausgereizt und sie wäre zu spät dran, um sich noch einzukaufen, fühlten sich die Frühkäufer gut und hielten an ihren Stücken fest, denn sobald sie Stücke zu leicht niedrigeren Kursen zum Verkauf stellten, wurden sie ihnen aus den Händen gerissen. So waren sie dazu natürlich immer weniger bereit, verlangten immer mehr.

Alles ist im Chart zu sehen, links im obigen Bild, wir sind im Märzanfang und die Unterseiten der Kerzen werden immer kürzer … Die Frühkäufer krallen sich geradezu fest an ihren Stücken und die Zuspätkommer wollen immer dringender etwas abhaben. Sie haben sehr recht mit ihrem Dringlichkeitsgefühl, denn wuushhh, es geht weiter aufwärts in der zweiten Märzhälfte. Nun kommt die Plateauphase.

Im Mai wird abgebaut, im Sommer geht es wieder hoch, aber nicht mehr über die alten Höhen hinaus. Anfang Juli dann ein Durchsacker, einige Tage verschnaufen und orientieren und rrumms, erneut rutscht der Kurs bergab: Unten ist ein „E” eingezeichnet, das ist eine Markierung dafür, dass an diesem Tag von der Rheinmetall-Geschäftsführung ein Quartalsbericht veröffentlicht wurde. Offensichtlich kam der bei den Anlegern nicht gut an.

Ich kann, aber brauche den Bericht nicht zu lesen. Ich kann, aber brauche zu den Firmenverlautbarungen keine Meinung zu haben. Als Aktienkursbeobachter sind für mich die Kursreaktionen auf äußere Ereignisse interessant. Hier ist die Reaktion der Investierten auf den Quartalsbericht: verkaufen.

Erhellend sind auch die Tage nach dem Bericht, ich habe dort einen Kringel eingezeichnet: Der Kurs berappelt sich zwar vor dem Absacker und gibt nicht weiter nach, aber nach oben geht es auch nicht. Die Kraft ist weg.

Die 50-Tagelinie bestätigt die Beobachtungen. Seit Februar liegt der Kurs über der Linie. In einem eher mechanischen Ansatz wäre die Aktie hier ein Kauf. Im Mai schneidet der Kurs die Linie, mehrmals auch im Anfang des Sommers, oben habe ich das Plateauphase genannt. Ein klarer Kauf ist die Aktie hier nicht mehr, ein Verkauf noch nicht. Das erste starke Verkaufssignal erscheint am Beginn des Julis, nun bleibt der Kurs dauerhaft unter der Linie: Verkauf.

Oben recht ist wie gesagt dieselbe Aktie mit Wochenkerzen notiert. Bin ich längerfristig unterwegs, kann hier die 50-Linie für mich als Zeichengeber funktionieren; das Einstiegssignal käme früher, der Ausstieg später, ich wäre ruhiger unterwegs.

Das Bild rundet sich

Ich kann nun eine weitere Entscheidungsebene einblenden.

Nötig mag das nicht sein und Chartvegetarier werden das ablehnen. Ich sehe das lockerer, einige einordnende Gedanken können ein Bild abrunden und mehr Entscheidungssicherheit geben. Die Grenze zur Geschwätzigkeit ist überschritten, sobald Zusatzinformationen, Forenmeinungen und Info-Häppchen nicht mehr aufklären und einordnen, sondern unterhalten und das Analysebild vernebeln.

Jahrelang spielt das Thema Verteidigung in der öffentlichen Diskussion keine große Rolle, der Kurs der Aktie dümpelt im Wochenchartbild vor sich hin. Anfang des Jahres ändert sich das, der Kurs verlässt die Seitwärtsphase, obwohl sich das Thema in der öffentlichen Wahrnehmung noch nicht nach vorn geschoben hat. Doch wache Marktakteure kaufen bereits. Der anziehende Kurs enthüllt es, er ist zuverlässiger Anzeiger.

Mit dem Ausbruch des Ukraine-Krieges Ende Februar schießt die Aktie hoch, das Thema Rüstung kommt auf die Titelseiten. War alles Militärische zuvor ein Nicht-Thema, sind Militärexperten jetzt allgegenwärtig und ihre Ansichten werden über TV und Netz verbreitet. Aufmerksamkeitsinhaber in Politik und Medien, die man bisher als dem Pazifismus nahestehend einschätzte, drängen auf Waffenlieferungen an die Ukraine. Das Ansehen der Bundeswehr steigt innerhalb von Wochen auf eine Höhe, das es in den Jahrzehnten zuvor nicht erreicht hat. Der Kanzler verkündet ein 100-Milliarden-Programm für die Soldaten. Der Rheinmetall-Kurs erklimmt in dieser Phase seinen Gipfel, und der Marktbeobachter fühlt sich erinnert an die Kriegsbegeisterung in Deutschland im August 1914. Natürlich ist die Dimension heute eine andere.

Damals endete eine Epoche, ein Weltkrieg begann, Soldaten des deutschen Staates drangen über Grenzen im Westen in andere Staaten ein. Heute führt eine Immer-noch-Supermacht Krieg gegen einen einzelnen Staat, das Kriegsgebiet ist hunderte Kilometer entfernt, deutsche Soldaten sind nicht beteiligt. Aber im Land läuft womöglich ein überraschend ähnlicher Massen-Mechanismus ab wie damals. Das Volk folgt. Es begeistert sich und wird begeistert. Der Rheinmetall-Kurs spiegelt das, und er spiegelt auch den weiteren Ablauf des Mechanismus’:

Die Begeisterung flaut ab. So war es damals, so ist es heute. Die Realität hält Einzug, der Einzelne besinnt sich, die Masse kühlt ab, die Kosten werden deutlich, man ahnt, man beginnt zu fürchten. Der Aktienkurs kommt zurück.

Dennoch, siehe Wochenchart, steht der Rheinmetall-Kurs höher als zu Beginn des Ukraine-Kriegs. Wehrhaftigkeit wird, so urteilt der Markt, in Zukunft eine größere Rolle spielen als in der Vergangenheit. Insofern sind wir doch in eine neue Epoche eingetreten, zumindest in ein neues Epöchlein.

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