Aktien Blog 2022

Ansichten eines Aktienanlegers
Deutsche Telekom: Zwei Pfeile zeigen die Richtung des Kurses.

Lage & Szenarien vom 17.7.2022

Wie es weitergeht

Von Frank Sauerland

Ich nehme den marktbreiten US-Aktien­index S+P 500 als General­anzeiger, um mir sommerlich knapp über die Situation an den Märkten klar zu werden. Fünf aufeinander folgende Handels­tage verzeichnete der S+P 500 Verluste. Um am Freitag, dem derzeit letzten Handelstag, um 1,9 Prozent nach oben zu schnappen: maximale Verwirrung bei den Markt­teilnehmern, was denn nun?! Hoch oder runter, wie geht es weiter?

Nun ja, es ist geradezu die Aufgabe des Marktes, für Verwirrung zu sorgen. Nur wenn die Mehrheit verwirrt ist, kann eine Minderheit Gewinn machen. Wenn alle dieselbe Meinung haben, also glauben, unverwirrt zu sein, dann haben sie sich schließlich schon entsprechend am Markt positioniert. Sie haben zum Beispiel alle bereits gekauft. Und damit steht die unverwirrte Mehrheitsgruppe zuverlässig auf der falschen Seite: Die Kurse werden sinken, denn die Mehrheit hat gekauft, es fehlen weitere Käufer. Äh, verwirrt das jetzt?! … Ich wollte sommerlich kurz bleiben, also:

Brad McMillan ist Chefinvestor beim Commonwealth Financial Network, und er sagt dem Wall Street Journal am Freitag, dass die Kurse nun näher an den erwarteten Gewinnen der Unternehmen seien: „Wir sind in einem Bodenbildungsprozess.”

Lässt sich im Pflichtleseblatt der Moneymänner ein renommierter Wallstreet-Börsianer tagesaktuell zitieren, so dürfte seine Äußerung mit Chance dicht bei der Mehrheitsmeinung der Händler im Weltfinanzzentrum liegen.

Die Meinung wird nicht falsch sein, sie ist wohlbegründbar. Ende letzten Jahres lagen die S+P 500-Kurse beim 21-fachen der erwarteten Firmengewinne über die nächsten 12 Monate.*) Aktuell liegt der Wert nur noch bei 12. Der Boden scheint nah.

Aber, wie gesagt, das dürfte die Mehrheitsmeinung sein …

Soweit zur Lage, das sich für mich ergebende Szenario ist einfach, und der Chart oben verlangt geradezu danach. Das Szenario passt auch zur Urlaubssaison; es lautet: Anschauen — und Urlaub machen.

Man versäumt nichts. Der freitägliche Snapper war der typische „Huch, es geht hoch, ich will dabei sein”-Hochreißer, viele nervöse Zeigefinger tippten auf den Kaufenknopf, um nichts zu verpassen. Natürlich kann es durchaus sein, dass es von nun an hoch geht. Im Chart oben ist der Freitag aber lediglich ein Zucken. Fast nur ein Zückchen. Sollte sich ein Aufwärtstrend etablieren, über Tage und Wochen, vorher ist es kein Trend, dann bleibt mir genügend Zeit, mich zu engagieren. Derzeit gilt der Abwärtstrend, vielleicht eine Bodenbildung, und die Meinung der Mehrheit oder eines Wallstreet-Börsianers nehme ich gern zur Kenntnis. Überzeugen werden mich Fakten: hartes Geld, welches Kurse hochkauft.

*   *   *

Noch ein Nachklapp, falls die Frage auftaucht, was es mit der dünnen Linie auf sich hat, welche im S+P 500-Chart abwärts läuft, die Kerzen ab und zu durchschneidet. Es ist die 50 Tage-Durchschnittslinie. Sie wird aus den jeweils letzten 50 Tagen berechnet, visualisiert den Durchschnitt und glättet optisch den Kursverlauf. Gern wird sie als Primitivhinweisgeber genutzt, wo wir uns gerade befinden: Sind die Kurse unterhalb der Linie, so sind wir im starken Abwärtstrend. Sind sie oberhalb der Linie, befinden wir uns im bestätigten Aufwärtstrend. Alles sehr holzschnittartig und fraglich und einfach. Ich mag einfache Dinge und fragliche noch mehr. Spannend sind übrigens die Schnittpunkte zur Kerzenlinie. Sie können Signale zum Einstieg/Ausstieg sein — oder es sind Fehlsignale. Da ist die Sache dann nicht mehr so einfach, sie wird kitzlig … — Zur Zeit jedenfalls gibt die Linie keine Hinweise, in übertriebenen Aktionismus zu geraten.

*) Zur Erklärung: In der Immobilienbewertung existiert eine ähnliche Bewertungsmethode. Man bemüht sich, den Kaufwert eines Zinshauses einzuschätzen, indem man die Gesamtmonatsnettokaltmiete multipliziert. Daraus wird versucht abzuleiten, ob ein Kaufpreis aktuell „teuer” oder „billig” ist. Ein Haus mit Kaufangebotspreis einer 12-fachen Kaltmiete wäre günstiger als ein Haus mit 22-facher Kaltmiete. Bei dem einen wartet man 12 Jahre, beim anderen 22 Jahre, bis der Kaufpreis durch Mietennahmen erreicht ist.

Immer sonntags vor der anbrechenden Handelswoche schreibe und verschicke ich die kleine Marktvorbereitung Lage & Szenarienhier auf meinem privaten Emailverteiler eintragen und Lage & Szenarien am Sonntagmorgen im eigenen Email-Postfach haben. — Lebenspraktischer Hinweis für Inhaber eines Email-Accounts von T-Online oder GMX: Die zwei Anbieter unterlassen es in den meisten Fällen, meine automatische Bestätigungsmail auf deine Newsletteranmeldung in dein Email-Postfach zu legen. Ohne einen Klick deinerseits auf den Button in der (nicht zugestellten) Bestätigungsmail bist du nicht auf meinem privaten Verteiler, erhältst kein sonntägliches Lage & Szenarien. Bitte melde dich in solch einem Fall formlos per Email bei mir, ich setze dich von Hand auf die Liste.