Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 30.8.2021

Drei Punkte und eine Erkenntnis

Lage. Jerome Powell hat geliefert. Der FED-Vorsitzende wählt bei der Jackson Hole-Onlinekonferenz der Notenbanker am Freitag (27.8.2021) die richtigen Worte. Der Herr des Geldes stimmt die Börsianer auf eine Verknappung des FED-Geldzuflusses („Tapering”) ein, aber so geschickt, Zinserhöhungen in die Ferne schiebend, dass die Börsianer danach zugreifen: Aktien kaufen, Kurse hochschieben.

Ohne Zweifel ist Powell, nach mühsamem Start 2018, zum Kommunikationsprofi gereift. — Aber was bedeutet das für mich als Investor?

Szenarien. Es bedeutet: Es geht mit Wahrscheinlichkeit aufwärts. Die Gründe:

• Die großen Entscheider von der Wallstreet sitzen zur Zeit in Mehrheit nicht in ihren Büros in Manhattan. Sie urlauben in den Hamptons oder sonstwo. Natürlich existieren Telefon und Netz, um die Stallwache anzuweisen … aber der Kopf, die Gedanken, sie sind nicht voll auf das Handelsgeschäft konzentriert, man ist nicht synchronisiert mit dem Markt. Völlig zu recht übrigens. Urlaub tankt auf, ist Familie, ist Leben.

• Die drei Indices oben im Chartbild zeigen Potential. Der Index A ist der NASDAQ 100, hat seinen Schwerpunkt in US-Technologieaktien. Index B ist der Russell 2000, dargestellt mit Hilfe des ETF IWM. Index C ist der deutsche Kurs-DAX, also der DAX ohne eingerechnete Dividendengewinne, um ihn mit den anderen Indices vergleichbar zu machen.

Der NASDAQ ist in Stäbchenform dargestellt, jedes Stäbchen ist ein Tag; die anderen Indices sind Linien. Die Bildbetrachtung beginne ich beim Corona-Einbruch im März 2020, ende mit dem derzeit letzten Handelstag, dem vorgestrigen Freitag.

Bei (1) ist Absturz und Nullpunkt, A-NASDAQ entwickelt sich seitdem am besten. Die Amerikaner können Technologie, Arbeitsmarkt, Impfen, Gelddrucken. Der deutsche C-DAX steigt ebenfalls, nur moderat jedoch, die großen Gewinne werden woanders gemacht.

Bei (2) wird den Börsianern klar, dass eine Impfung möglich ist, die Biontech/Pfizer-Nachrichten treffen auf den Markt. Die drei Indices machen einen Freudensprung, doch nur B-Russell schließt eine bemerkenswerte Aufholjagd an. Das ist logisch: In ihm sind die kleineren Aktienunternehmen versammelt, die zunächst von der Pandemie besonders gebeutelt wurden und die nun gerade profitieren würden, wenn die Pandemie aufgrund von Impfungen abflaut, die Geschäfte sich wieder normalisieren.

Die Aufholjagd von B-Russell erreicht die Stäbchenlinie des A-NASDAQ — und kommt aus der Puste, steigt nicht länger, schafft es gerade, sich seitwärts zu halten. Ein Grund dafür ist die neue Delta-Variante des Virus’, sie verunsichert die kleineren, oft traditioneller aufgestellten B-Unternehmen, kehrt das Virus etwa zurück … dann würden die A-NASDAQ-Tech-Unternehmen wieder profitieren; die legen prompt in den letzten Wochen wieder zu.

Bei (3), also am Freitag, spricht Powell, die Kurse springen allgemein an, ein starkes Zeichen.

Die Entscheider noch in den Hamptons, Powell gibt ein „go”, der Russel 2000 mit Nachholpotential: Die Wahrscheinlichkeit für Kursgewinne ist höher als für Abgaben. Die Wahrscheinlichkeit, am Jahresende im Vergleich zu heute im Durchschnitt mit Kursgewinnen dazustehen ist erhöht. Verschreckende Rumpler auf der Strecke, auch in den nächsten Wochen, gehören natürlich dazu. Und:

Genaue Leser mögen gemerkt haben, dass ich oben das Wort Szenarien benutzte, was ich in den Monaten zuvor oft getan habe, in den letzten Wochen jedoch verwendete ich eher das Wort Szenario. Szenarien bedeutet, es gibt mehrere Möglichkeiten. Ich akzeptiere, dass es mehrere Möglichkeiten gibt, ich bin kein Vorhersager der Märkte, ich wäge Wahrscheinlichkeiten. Die Zukunft ist offen.

Tritt das gerade geschilderte Szenario nicht ein, wäre es die falsche Reaktion, würde ich auf ihm beharren. Die stattfindende Zukunft hat schließlich immer recht, nicht das Szenario. Das bleibt immer Holzschnitt, kann nie alle Faktoren berücksichtigen, welche sich in der Zukunft materialisiert haben werden. Sollte es auch nicht, denn solch ein Szenario wäre unlesbar, dicker als die Bibel, und würde trotzdem das Unmögliche nicht ermöglicht haben: die Zukunft vorherzusagen. Wichtig für meinen Anlageerfolg ist, ein Szenario „B” parat liegen zu haben: Es geht abwärts. Dann entscheide ich partiell und entschlossen, welche Werte ich je nach ursprünglich vorgesehenem Anlagezeithorizont (teil-)verkaufe (...)

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