Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 23.8.2021

Das Gespenst der Inflation

Es ist Sommer, die Handelsvolumen an den Börsen schrumpfen. Viele Händler urlauben. Zu recht, die Sommermonate sind auf der Nordhalbkugel kurz und wollen genutzt werden. Ich halte meine Analyse knapp und beginne für schnelle Leser gleich mit dem Ergebnis:

Szenario | Die Notenbanker treffen sich ab 26.8. in Jackson Hole. Im Banne dieses Treffens stehen in der nächsten Woche die Börsianer. Von ihnen wird jede Äußerung des US-Notenbank-Präsidenten Jerome Powell analysiert und in Kurse umgesetzt werden. Die Frage aller Fragen lautet, wird Powell das Wort Tapering aussprechen oder nicht? Also die Märkte auf eine Zinserhöhung durch die FED einstimmen? Kräftige Kursausschläge in beide Richtungen sind in der nächsten Woche möglich. Ende des Jahres aber werden die Aktienkurse im Durchschnitt mit größerer Wahrscheinlichkeit auf einem höheren Kursniveau sein als heute.

Der schnelle Leser stoppt seine Lektüre hier, genießt weiter und verdient den Sommer. — So bin ich zu meiner Einschätzung gekommen:

Lage | In vier Bildern:

- Eins. Die Lage bei der Inflation ist weniger eindeutig als gedacht. Szene im Baumarkt: Abflussrohre sind ausverkauft, Nachlieferungen unsicher, Holz ist teuer, selbst Holzabfälle werden nicht mehr umsonst abgegeben, sondern gehen zum Listenpreis des Ursprungsprodukts über die Theke. Verkäufer und Käufer tauschen sich darüber weltwirtschaftswissend aus, die Masken stören bei der Plauderei längst nicht mehr, man hat sich gewöhnt: Die Chinesen, die Amis kaufen alles auf, dazu Corona, Chipknappheit undsoweiterundsoweiter. Wirtschaftswissen ist in der Breite angekommen. Aber es ist von gestern. Die Märkte sind weiter. Der Chart oben zeigt den ETF LBS. Der ETF notiert die Preise für Holz in den USA. Wie die anderen Charts unten so zeigt auch dieser die Kurse ab Juli 2017 bis hin zur am letzten Freitag abgeschlossenen Handelswoche. Jedes Stäbchen stellt eine Woche dar. Mehr noch als bei uns in Deutschland wird Holz in Amerika zum Bauen verwendet, ist damit Signalgeber für Knappheiten, Konjunktur, Inflation. — Während Baumärkte und Handwerksmeister, die ihr Geschäft verstehen, über Lieferengpässe klagen und höhere Preise begründen, während Online-Gazetten finanzinteressierte Mittelschichtsdeutsche mit ihrem Lieblingsgruselthema der drohenden Inflation bedienen, ist die Realität ... nun ja, realistischer, komplizierter. Der Holzpreis fällt. Er stürzt. Gerade ist er exakt an dem Punkt (Pfeil rechts), an dem er war, als die Märkte Corona realisierten (Pfeil links). Obwohl seitdem Milliarden an frischem Geld in den Markt gegeben wurden.

- Zwei. China. Aus, aus und vorbei. Es ist seit Monaten abzusehen, ich schreibe es seit Wochen. Das Thema chinesische Tech-Aktien ist durch. Als Anleger hat man bereits lange verkauft oder man hat lange Verluste. — Ein Chart sagt mehr als tausend Worte. Der Invesco China Technology ETF (oben) versammelt die großen China-Techs und er stürzt vor sich hin. Die Gründe liegen in der Politik. China ist heute dort, wo das Kaiserreich unter Wilhelm II. damals war: gefühlt in der zweiten Reihe. Wie das Kaiserreich glaubt es, in die erste Reihe zu gehören. Für das Aufrücken, auch nur den Versuch, ist ein hoher Preis zu zahlen. Clevere Privatinvestoren (die Profis sowieso) zahlen ihn nicht, sondern steigen aus. Denn die Restwelt schließt die Reihen gegenüber China. Der vermeintliche Platz an der Sonne (Kanzler Bülow 1897) ist für aufstrebende Imperien schwer zu erreichen, und schon mancher hat seine Kräfte überschätzt. — Auch Amerikas missglückter Afghanistan-Feldzug hilft den Kursen chinesischer Aktienunternehmen nicht. Gerade weil Afghanistan-Nachbarstaat China sich als Nutznießer der Niederlage Amerikas fühlen kann. Umso stärker wird Amerikas Polit- und Entscheiderelite darauf drängen, Chinas Finanz-, Wirtschafts- und Technologiekraft in die Schranken zu weisen.

- Drei. Momentum-Werte. Der Lack ist ab. Der Quantitative Momentum ETF (oben) versammelt große Momentumwerte. Das sind Aktien, die einen Lauf haben, von denen sich spekulativ orientierte Investoren eine große Zukunft versprechen. Defensivere Titel, nicht in dem ETF enthalten, setzen eher auf etablierte Geschäftsmodelle mit beständigeren, leider beschränkteren Gewinnmöglichkeiten. Jedenfalls: Das Momentum erlahmt. Trotz des vielen frischen Geldes.

- Vier. Läuft: US-Wirtschaft. Der QQQ ETF enthält 100 Top-US-Aktienunternehmen, technologisch orientiert. Er gibt mir einen Eindruck vom Zustand der amerikanischen Wirtschaft. Seit dem Corona-Tief im März letzten Jahres steigt der Index. Zuletzt schwächer, hält inne. Aber die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass er weiter steigt. In Mehrheit hat keiner der an Machtpositionen sitzenden Entscheider der westlichen Welt, kein Händler, Produzent, Bürger Interesse an weniger Innovation, erstrebt wird im Gegenteil eine bessere Produktion für ein besseres Leben.

Nachsatz: Deutschlands Aktienmarkt orientiert sich an den USA, er ist Anhängsel. Weiß ich, was in Amerika läuft, weiß ich, wie es den Kursen in Deutschland geht.

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