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Lage & Szenarien vom 10.10.2021

Das sind Aussichten!

Der eine Börsianer gräbt sich durch Exceltabellen, die er in Geschäftsberichten findet, er wertet Kennzahlen und studiert Gewinnerwartungen, dann kauft er für gut befundene Aktien, ihr Kurs steigt … Der andere Börsianer verzichtet auf das Bilanzstudium. Er nutzt Charts. Sie sind das in Linien gezeichnete Verhältnis von Herdenverhalten und Zeit: Eine Herde sammelt sich, sie hat ein Ziel, sie wird größer, wird zur Stampede, die Hindernisse niedertrampelt, nur eine Richtung kennt — solange kein Cowboy mit Colt-Knallerei die Herdenführer erschreckt und dem Gesamtverband eine neue Richtung gibt.

Im Chart oben sehe ich eine Stampede und eine grasende Herde.

Die Tageskerzen markieren den Kursverlauf des NASDAQ 100. In ihm sind die 100 größten US-Aktienunternehmen exklusive Finanzunternehmen versammelt, notiert ohne Dividenden, rein der Kurs. Naturgemäß liegt der Schwerpunkt auf den großen, bekannten Technologieunternehmen.

Die Linie im Chart ist der Russell 2000, in welchem 2000 kleine US-Aktienunternehmen versammelt sind. Der Index wird von Anlegern häufig als Abbild einer eher bewährten, beständigeren, weniger fortschrittsorientierten Produktionswelt begriffen. — Die Darstellungsart Kerze vs. Linie dient hier nur der besseren Unterscheidbarkeit, bringt ansonsten keine Aussage.

Seit März diesen Jahres, obiger Chart: Der Kerzenkurs des NASDAQ 100 steigt, der Russell 2000-Linienkurs grast in der Ebene. So meine grobe Ansicht, mit halbgeschlossenen Augen. Erste Interpretation: Big Tech läuft besser als traditionelle Unternehmen.

Weite ich den Blick mit dem nächsten Chart, bekommt die Sache mehr Tiefenschärfe:

Links unten im Chartbild ist der Kursabsturz aufgrund der Covid-Pandemie gemeinsamer Ausgangspunkt (März 2020) für Kerzen-NASDAQ 100 und Linien-Russell 2000. Oben rechts enden beide wiederum an einem gemeinsamen Punkt. Erste und vielleicht wichtigste Erkenntnis: Ich kann mir mit einem Chart Sachen beweisen, wie ich sie gerade brauche. Hier nämlich scheint Big Tech nun nicht besser zu laufen als Normalo-Amerika wie im ersten Chart ganz oben. — Ich sollte mir einen Chart grundsätzlich mit eingeschaltetem Verstand anschauen, um mich nicht selbst aufs Glatteis zu führen.

  • Der erste Chart oben belegt eben nicht: „Big Tech läuft besser als traditionelle Unternehmen.” Er gibt lediglich her: Big Tech läuft seit März 2021 besser als traditionelle Unternehmen. Mehr zeigt er zu dieser Fragestellung nicht.
  • Der zweite, erweiterte Chart zeigt nicht „Beide laufen gleich gut”, sondern nur: Sie fangen im betrachteten Zeitabschnitt am selben Punkt an und hören gemeinsam an einem höher liegenden Punkt auf.

Das eigentlich Interessante passiert auf dem Weg dazwischen. Nach Ausbruch der Pandemie lief Big Tech besser. Im November 2020 wurde klar, dass es eine Impfung gibt, der Russell 2000 holt auf, überholt Big Tech. Seit März diesen Jahres stagniert der Russell 2000 wieder und Big Tech zieht langsam hoch.

Okay, das erste Zurücktreten vom Chartbild hat etwas gebracht, was passiert, wenn ich einen weiteren Schritt zurücktrete:

Zu sehen ist die Entwicklung beider Indices seit 2019. Schaue ich mir die Periode bis 2020 an, so performt Big Tech besser als Traditions-Amerika. Der Anstieg beschleunigt sich noch bis zum Moment des Covid-Abbruchs. Neustart im März 2020, wieder zieht der NASDAQ 100 davon, und die Wiederaufholjagd des Russell 2000 vom November bis März ist zwar zu sehen, aber abgeschwächt, während das Stagnieren des Indexkurses seitdem deutlich ist. Der Nasdaq 100 endet weit oberhalb des Russell 2000.

Mögliche Erklärungen, da der Verstand sich alles zu erklären versucht: Fortschritt führt.

  • Investoren wollen in Zukunft investieren, nicht in ausgereizte Geschäftsmodelle.
  • Die Notenbanken produzieren so viel Geld wie nie zuvor. Nicht alle Anleger sind Finanzfachleute, sie kaufen einfach, was gut gelaufen ist, was alle kaufen, was angesagt ist — und so steigt der NASDAQ 100-Kurs weiter.

Letztlich brauche ich nicht unbedingt Erklärungen. Genauso wie ich nicht die Schnuppernase eines Bilanztrüffelschweins brauche. Es reicht, gewöhnlicher Bratenriecher zu sein: Auf lange Sicht lohnt es sich, in Fortschrittsunternehmen zu investieren. Auf kürzere Sicht hat der Russell 2000 Nachholpotenzial — immerhin läuft er seit über einem halben Jahr seitwärts.

Dazu kommt: Rechts an der Seite, in allen drei Charts zu sehen, ist der NASDAQ 100 in letzter Zeit zurückgekommen. Von daher, wer von Übertreibung redet, der übertreibt. Wir sind im traditionell stärksten Quartal des Jahres, Aktien scheinen kaum zu weit gelaufen.

Das sind Aussichten.

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