Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 26.9.2021

Vorhersage und Verantwortung

Lage: Gut.

Szenario: Nächste Woche notieren Aktienkurse höher.

Meine zwei Doppelpunktzeilen stillen ein Anlegerbedürfnis. Sie bringen in knapper Form eine klare Aussage zum Markt. Sie „kommen auf den Punkt”.

Vorhersage und Verantwortung: Die Zukunft ist vorhergesagt, die eigene Verantwortung ist an den Vorhersager abgegeben. Irrt er, ist er schuldig, weniger der Gläubige, welcher dem Vorhersager glaubte. 

Der Gläubige gewinnt auf jeden Fall. Entweder er vereinnahmt den vorhergesagten Kursgewinn, oder er wird sich emotional entlasten, indem er dem irrenden Vorhersager seine falsche Vorhersage vorhält. Egal wie die Vorhersage ausgeht, der Anleger ist immer auf der Gewinnerseite, wenn er sich an einen knapp und klar sprechenden Vorhersager hält.

Der Chart oben zeigt den Verlauf zweier Indices vom August letzten Jahres bis zum bislang letzten Handelstag am Freitag, 24.9.21. Die obere Kurshistorie stammt vom S+P 500, jedes Stäbchen ist ein Tag. Im S+P 500 sind die großen US-Titel versammelt, Technologie bildet einen Schwerpunkt im Index. Der Index dient mir als Anzeiger für den Zustand des US-Aktienmarktes, der zugleich zentral für die Weltwirtschaft ist. Zum Vergleich läuft unten als Linie der deutsche DAX mit, in seiner Ausformung als KursDAX, das bedeutet, die Dividenden sind herausgerechnet, so ist er mit dem S+P 500 besser vergleichbar.

Ich beginne mit dem DAX, denn seine Story ist schnell erzählt. Offensichtlich performt der Anzeiger deutscher Unternehmen der A-Kategorie schlechter als der S+P 500, schlimmer noch, er gerät immer weiter ins Hintertreffen. Der blaue Pfeil, welchen ich eingezeichnet habe, mag die Tendenz verdeutlichen: Der softe Anstieg flacht ab, kommt zum Erliegen, ich könnte gar auf die Idee kommen, er würde in einen sanften Sinkflug übergehen.

Der Charakter des S+P 500 ist anders, aggressiver. Der Chart ist Anzeiger einer vitalen Volkswirtschaft. Entwicklungsfreude, Optimismus, Fortschritt fordernde Kapitalkraft werden angefacht durch billiges FED-Geld und Konsumschecks an US-Bürger. Mein oranger Aufwärtspfeil zeigt das charakteristische „Hoppeln” des Index-Kurses: Zunächst keimt Optimismus, dann wachsen Bedenken und Gewinne werden gesichert, wieder Optimismus und Zurückkaufen … das Muster wiederholt sich seit Monaten.

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass es so weitergeht. Aus zwei Gründen: Zum einen ist es zur Zeit das Muster des Marktes. Zumeist setzt sich ein etabliertes Muster fort. Zum anderen rücken die traditionell kursstarken Jahresendmonate schnell näher. Da wollen viele dabei sein, kaufen sich ein, treiben die Kurse.

Aber auch eine andere Lesart ist möglich, für sie habe ich den roten Abwärtspfeil gesetzt. Wir haben das Top gesehen, die schlauen Anleger verkaufen bereits, die Kurse sind unter Druck, der Pfeil zeigt den Trend … und einen Grund finden wir auch, Anleger brauchen immer einen Grund, um sich das Geschehen zu erklären oder eine Entschuldigung zu finden, warum sie sich aus dem Markt verabschieden: Der Government Shutdown bietet sich an, der US-Verwaltung geht das Geld aus, sie stößt in den nächsten Wochen an die gesetzlich festgelegte Verschuldungsgrenze. Der drohende Shutdown wird die Schlagzeilen zunehmend bestimmen.

Für mich ist Variante 1 wahrscheinlicher, der hoppelnde Anstieg. Billiges Geld, Saisonalität sprechen dafür. Außerdem war US-Finanzministerin Janet Yellen bei der FED der Amtsvorgänger von Jerome Powell. Sie kennt Aufgaben und Bedrängnisse von FED und US-Wirtschaft zu genau, sie hat als Finanzministerin kein Interesse daran, den amerikanischen Aktienmarkt abzuschießen. Um den Shutdown wird es Polittheaterdonner geben, schließlich aber wird Yellen die Parteien zur Vernunft rufen, wohl wissend, dass der mächtigste Mann der Erde, der amerikanische Präsident, hinter ihr steht und das mit Wohlwollen.

Wer bis hier gelesen hat, ist kein Wald- und Wiesenanleger. Er ist kein Einfache-Vorhersagenglaubender. Sondern er wägt als Investor aufgrund von gegebenen Informationen und Einschätzungen die Wahrscheinlichkeiten. Er weiß, dass ein Szenario ein Modell ist, das eintreten kann, aber nicht muss.

In vielen Fällen ist ein Szenario eine Fortschreibung der Vergangenheit. Gerade darum kann es ein teurer Fehler sein, sich als Investor darauf zu verlassen.

  • Kupferdrähte wurden in der Gemeinde verbuddelt, zehn Jahre später ist klar, es hätte Glasfaser sein sollen.
  • Ein Gaskraftwerk wurde auf die Wiese gestellt, kurz darauf wird es stillgelegt, da sich die politische Lage geändert hat. Das moderne Kraftwerk mutiert zum Millionenschaden für die Investoren.
  • In Colorado wurde für 45 Millionen Dollar ein Damm gebaut, um Flussüberflutungen zu verhindern. Als der Damm nach Jahren fertig ist, ist der Fluss nur noch ein Bächlein, der Damm unnötig.
  • Umgekehrt: Im Ahrtal gab es seit Jahrzehnten keine Überschwemmung mehr. Dieses Jahr passierte es.
  • Seit 1918 gab es keine große Pandemie mehr, 2020 kam Corona.

Jedem fallen weitere Beispiele ein. Zu kleine Flughäfen hier, Geisterflughäfen da. Straßen, bei denen sich nach wenigen Jahren herausstellt, dass sie zu eng geplant wurden. Zu schmale Brücken, zu knapp dimensionierte Abwasserrohre. Auch leere Büroflächen, Fabrikhallen zeugen davon, dass sich die Wirklichkeit anders entwickelt hat als das Szenario, welches zum Zeitpunkt der Planung für das wahrscheinlichste gehalten wurde.

Infrastrukturentscheidungen werden oft unter der Annahme gefällt, die Zukunft ergäbe sich linear aus der Gegenwart. Entwicklungssprünge nach vorn oder nach hinten sind nicht einkalkuliert. Können es auch nicht. Sprünge sind unvorhersehbar, Überraschungen entziehen sich einer Planung. Sprünge und Überraschungen treten immer auf. Das ist im Unplanbaren die Konstante. Gerade mit ihr kann ich rechnen.

Als Aktieninvestor ziehe ich aus der Entdeckung der Konstante des Unplanbaren einen Vorteil. Einem kommunalpolitischen Gremium fällt das schwerer. Es hat Infrastrukturentscheidungen zu treffen, die anschließend für Jahrzehnte betoniert werden. Als Aktieninvestor betoniere ich nicht, ich handele Firmenanteile. Mit einem Fingertippen auf dem Gorilla Glass meines Handys nutze ich die Konstante, welche Unsicherheit, Unplanbarkeit bilden. Kein Beton begrenzt mich, nur meine Gedanken. Ich verkaufe Aktien oder ich kaufe sie, sobald ich einen Sprung entdecke. Der Sprung überrascht mich zunächst, wie er alle anderen überrascht, aber ich bin - wie weitere Wahrscheinlichkeiten wägende Investoren - gedanklich vorbereitet auf die Überraschung, da sie eben Konstante ist, wir können reagieren und wir reagieren.

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