Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 12.9.2021

Die großen Langweiler sind die großen Gewinner

Ich werde nach konkreten Aktientipps gefragt. Nach Geheimtipps. Nach den großen Gewinnern, ich müsste es wissen, ich schriebe Analysen zum Aktienmarkt.

Dabei ist es wie in einer der frühen Kriminalgeschichten, in welcher die Polizei einen belastenden Brief überall im Haus eines Erpressers sucht, in den verrücktesten Zimmerverstecken nachforscht, alles vergeblich, der Brief bleibt für die Kriminalsuchspezialisten unauffindbar. Es stellt sich heraus, er ist für sie zu offensichtlich platziert, auf dem Schreibtisch des Erpressers. Ein vom Polizeipräfekten zur Hilfe gerufener Privatdetektiv mit frischen Augen entdeckt ihn sofort.

Über die großen Aktiengewinner wird recht wenig berichtet. Für mich sind große Gewinner solche Unternehmen, die über einen langen Zeitraum zuverlässig Kursgewinne erzielt haben. In sie kann ich besser, mit realistischeren Erfolgsaussichten investieren als in Überraschungsgewinner und Kursraketen, die dann mit Orbit verglühen. Der Erfolg der konstanten Standardgewinner ist offensichtlich, es war recht leicht, als Privatinvestor daran teilzuhaben, so dass sich keine aufmerksamkeitsstarke Entdeckergeschichte daraus schnitzen lässt. Die gewinnträchtigen Aktienunternehmen sind seit Jahren im Markt und beständig in ihrem Erfolg, damit ist ihre Story geradezu langweilig, sie taugen nicht als Geheimtipp. Vielleicht werden sie zu einem, da sie in der aktieninteressierten Öffentlichkeit zu sehr beschwiegen werden? Fünf Beispiele.

Deutsche Post. Logistik ist angesagt. Wir lassen uns mehr Pakete nach Hause schicken als früher. Das Unternehmen ist gut geleitet. Es hat seinen Sitz in Deutschland, was bedeutet, die Geschäftsentwicklung lässt sich leicht verfolgen. Das Chartbild der Post ist oben zu sehen, jedes Stäbchen repräsentiert eine Woche, bei den anderen Charts ist es genauso. Ich habe einen Trendpfeil beim Postchart eingezeichnet. Der Pfeil hat einen Knick, dort ist der Covid-Einbruch im Kurs. Denke ich mir den Einbruch heraus, hätte es kein Covid gegeben, wäre die Aufstiegslinie makellos. Mein Schluss daraus: Die Post ist auf Spur. Oben rechts scheint eine Abschwächung des Trends zu sein … oder ist es eher ein Beweis der Stärke? Die Aktie hat einen steilen Anstieg hinter sich, würde gern verschnaufen, korrigieren, doch die Anleger lassen sie bislang nicht, kaufen immer weiter.

Halma. Warum nur kaufen die Anleger immer weiter, auch bei Halma? Weil Anlagenotstand herrscht. Die Notenbanken sprechen neuerdings von Tapering, pflichtschuldigst. Sie drücken jedoch weiter Geld in die Märkte. Geldscheine bringen keine Zinsen. Sichteinlagen kosten Zinsen. Verrückte Welt. Nie dagewesen. Anleger reagieren rational auf die Verrücktheit. Die aufblähende Geldmenge wird in Bluechips gesteckt, also bewährte Standardwerte. Sie können noch am besten die Geldflut aufnehmen, ohne kurstechnisch völlig die Bodenhaftung zu verlieren. Halma ist ein britisches Unternehmen, seit Jahren erfolgreich in Medizin- und Sicherheitstechnik unterwegs.

ASML. Ein Ausnahmeunternehmen aus den Niederlanden. Längst kein Geheimtipp mehr, sondern ein Dauerläufer. Die Niederländer bauen mit zur Zeit nahezu konkurrenzlosem technischen Know-how abnorm große Druckmaschinen. Die führenden Halbleiterhersteller der Welt gehören zu den Kunden von ASML. Auf ASML-Boliden drucken sie Schaltungen in ihre Mikrochips. Sieht man die Mikrochip-Industrie im Zentrum der Weltwirtschaft des 21. Jahrhunderts, so sitzt ASML in ihrem Kern. Trendbeschleunigung im Chart, aber wo ist die Alternative? Kerniger als Kern geht kaum.

Thermo Fisher Scientific. Amerikanischer Laborausstatter, ein Dauerläufer im Chart, ein großes, gut geführtes Unternehmen, welches Produkte anbietet, die teilweise schwer von der Konkurrenz nachzubauen sind. Wie bei der Deutschen Post ist der Covid-Einbruch im Chart zu sehen. Denke ich ihn mir weg, geht die aufsteigende Linie glatt durch, bis zum November letzten Jahres, dann folgt eine Pause, seit dem Sommer wieder aufwärts, das heißt die Erfolgsgeschichte scheint fortgesetzt zu werden.

Adyen. Ein Zahlungsabwickler aus den Niederlanden. Natürlich hat er von der Pandemie profitiert, wie der überwiegende Teil der Aktienunternehmen, die Online-Lösungen anbieten. Doch der Bedarf an moderner Zahlungsabwicklung wird bleiben und wachsen, ob mit weiterlaufender Pandemie oder ohne. Der Chart ist mustergültig. Ein nachhaltiger Anstieg, dazwischen Beschleunigungen, auf welche Pausen und Rücksetzer folgen, bevor es erneut nach oben geht. Zur Zeit ist wieder eine Konsolidierung angesetzt. Der Trend bleibt intakt.

Was ich aus den Beispielen mitnehme: Die Chartstrukturen ähneln sich. Sie laufen, über Monate und Jahre betrachtet, von links unten nach rechts oben. Das macht die Papiere zu „Langweilern”. Aufregend dagegen ist, den richtigen Einstiegspunkt zu erwischen, sowie den Punkt, an dem man sagt: „Ciao und tschüss”, Teilverkauf oder Komplettverkauf: Dieser Herausforderung widme ich mich bei Lage & Szenarien häufiger, indem ich versuche, die jeweils aktuelle Aktienmarktlage zu begreifen und mögliche Szenarien daraus zu entwickeln. Derart aufwändig braucht man als Privatanleger nicht unbedingt vorgehen. Man kann seine Anlagetechnik auch so entwickeln, dass es weniger auf Ein- und Ausstiegspunkte als auf Durchschnitte ankommt. Damit vermählt man Dauerläufer, sogar Trendbeschleuniger mit einem nervenschonenden Anlagestil.

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