Ansichten eines Aktienanlegers

Analysen aktuell | Analysen 2020 | Grundlagen | Newsletter

Lage & Szenarien vom 6.9.2021

Amerika, Amerika, Amerika

Die Stirn runzeln und Bedenken haben. Amerikas Abstieg vermuten, Amerikas Fehlschläge, Probleme aufzählen.

Das fällt mir leicht, Themen und Schnellurteile drängen sich auf.

Die Grundlage für meine privaten Finanzentscheidungen dürfen solche Urteile nicht sein, die letztlich auf Nachrichten beruhen aus Medien, die eigenen ökonomischen Notwendigkeiten folgen, welche ihre Nachrichtenauswahl beeinflussen, mir die Wirklichkeit vernebeln können, statt sie nahezubringen.

Als Investor habe ich Instrumente, die den Nebel lichten, zumindest auf dem Feld der Wirtschaft.

Der animierte Chart oben zeigt Vergangenheit, Gegenwart und erlaubt einen Blick auf wahrscheinliche Zukunft: genau das, was ich als Investor brauche.

Die Aussage des Charts, für schnelle Leser, ist brutal klar. Amerika, Amerika, Amerika.

Die Details: Der Chart besteht aus drei Linien. Die markante schwarze Linie stellt den Kurs des S+P 500 dar. Es ist ein US-Leitindex, in welchem die 500 großen nordamerikanischen Unternehmen versammelt sind. Er hat ein leichtes Übergewicht in den Technologie-Papieren.

Die graue Linie verfolgt die Kursentwicklung des EWG-ETF, des iShares MSCI Germany index funds. Er bildet in etwas den deutschen DAX ab, dient mir als Instrument, den deutschen Aktienmarkt hier vergleichbar zu machen.

Die blaue Linie ist der VWO-ETF, der FTSE Vanguard Emerging Markets. Er zeigt den Kurszustand der aufstrebenden Märkte der Restwelt einschließlich China an. Zur Verfügung gestellt wird der Chart freundlicherweise von Tradingview.

Das schwarze Kreuz im Chart ist meine Computermaus, welche den Chart über den Bildschirm zieht, während der Bildschirm gefilmt wird. Für die Analyse irrelevant ...

Der Sieben-Sekunden-Kurzfilm spielt in Endlosschleife.

Die drei Linien enden rechts am augenblicklich letzten Handelstag, Freitag, 3.9.2021. Links beginnen sie an verschiedenen Handelstagen, das ist die Animation. Ihre zunächst überraschende Aussage: Egal an welchem Tag ich in der Vergangenheit investierte, der US-Markt hätte im Durchschnitt die besten Erträge geliefert.

Warum das so ist?

Dazu kann ich beliebig viele Analysen lesen von Leuten, die schlauer sind als ich und mehr von der Sache verstehen.

Ich darf es mir als Sonntagsinvestor auch einfacher machen, und die Tatsache lediglich zu Kenntnis nehmen: Amerika funktioniert. Wirtschaftlich gesehen. Von den Vergleichsmärkten her gesehen.

Das Szenario ist:

  • Was funktionierte, wird mit erhöhter Wahrscheinlichkeit weiter funktionieren: Der S+P 500 bildet eine fast mustergültig aufsteigende Linie von links unten nach rechts oben.
  • Im Durchschnitt stiegen die Aktienkurse im maximal betrachteten Vergleichszeitraum in allen drei Teilmärkten.
  • Am größten waren im Durchschnitt die Gewinnmöglichkeiten im US-Markt.

Drei griffige Punkte — und doch nur ein mögliches Szenario. Auch das steckt in der Animation, wenn ich genauer hinschaue, wenn mich nicht nur Wahrscheinlichkeiten interessieren, ich auch begreifen will, wie sie entstehen und wo Grenzen ihrer Möglichkeiten liegen.

Die Grenze ist der letzte Freitag. Danach beginnt das Unbekannte. Schön zu sehen im Chart: Alle Betrachtung geht von diesem Punkt aus und zurück und versucht, daraus eine Zukunft abzuleiten. Der freitägliche Kurs des S+P 500 ist in der Animation der Fixpunkt. Die anderen Kurse werden dazu ins Verhältnis gesetzt. Das heißt, die anderen können nicht gewinnen. Das Ergebnis des Rennens ist fest, ich schaue „nur” zurück. Wobei die Rückschau immer links unten endet, dort ist für alle Kursbetrachtungen zu jedem gegebenen Zeitpunkt immer der gemeinsame Nullpunkt, der gleichmachende Ausgangspunkt auf dem jeweiligen Tageskurseinstieg des S+P 500, er schafft Vergleichbarkeit. Die Rückschau ist wertvoll, aber sie engt mich auch ein, verleitet, andere damalige Möglichkeiten im Nachhinein als unmöglich auszuschließen, da sie eben nicht eingetreten sind.

Betrachte ich die blaue Kurslinie des VWO, wäre ich im richtigen Moment eingestiegen, im richtigen Moment ausgestiegen, hätte ich die Performance des S+P 500 weit hinter mir gelassen. Zu erkennen ist das in dem Film am blauen Berg, der eine Zeitlang oberhalb der schwarzen S+P 500-Linie notiert. Im VWO sind einige der großen China-Aktien enthalten, die in den letzten Monaten einen fantastischen Lauf hatten, bevor die KP ihre Tech-Unternehmen aus macht- und sozialpolitischen Gründen einbremste, ihre Kurse in den Boden rammte und das Vertrauen internationaler Investoren verlor.

Es gab also in der Vergangenheit Phasen, wo der Ruf „Amerika, Amerika, Amerika” weniger glaubhaft gewesen wäre. Da hätte es vielleicht geheißen: China, China, China … und man hätte mit der Marschrichtung böse falsch gelegen, rein auf Basis des VWO betrachtet. Von heute aus betrachtet. Der Kurshöhepunkt des VWO war Mitte Februar, seitdem läuft da wenig.

Nun habe ich mir meine schöne Amerika, Amerika, Amerika-Geschichte selbst kaputt gemacht?! — Aber von wegen. Der schnelle Leser hat oben eine klare Richtung bekommen. Wer weiter schmökerte, sich die Komplikation erlas, wird sie nicht mit einem neuen Nebel verwechseln, der sich über die Wirklichkeit legt. Die Komplikation ist Schärfung der eigenen Erkenntnis, gut für uns als Investoren:

Ich schaue vom heutigen Tag aus zurück. Er gibt mir die Maßstäbe für meine Urteile über die Vergangenheit und mein geplantes Zukunftsverhalten. Maßstäbe ändern sich jedoch wie die Kurse, mit jedem Tag, den wir in der Zukunft voranschreiten. Das ist die zweite Erkenntnis neben „Amerika, Amerika, Amerika”, die länger richtige und wichtige Erkenntnis für mich als Investor. Die Maßstäbe ändern sich in die Zukunft hinein, die Kurse ändern sich, ich sehe das, ich ändere meine Urteile.

Ich sehe im Februar, März, der VWO hat seinen Hochpunkt gehabt, er fällt seitdem. Daraufhin ändere ich meinen Maßstab und meine Beurteilung: ein lernendes System, es lernt an der eintretenden Zukunft. Das Gegenteil wäre ein starrer Ansatz, in welchem ich eine Ansicht habe, begründe und beibehalte, auch wenn sich die Wirklichkeit in eine andere Richtung entwickelt.

Meine aktuelle Aktienmarktanalyse Lage & Szenarien für die jeweils kommende Woche verschicke ich immer schon sonntags über meinen Emailverteiler → hier auf dem Verteiler eintragen