Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 8.8.2021

Ein aufschlussreicher Index-Vergleich

Erfolg am Aktienmarkt ist kein Hexenwerk. Es braucht nur zwei Werkzeuge. Sie kommen nacheinander zum Einsatz.

  • Werkzeug 1: Aktientitelauswahl
  • Werkzeug 2: Aktienmengenauswahl

Beides sind Entscheidungswerkzeuge, ihre Anwendung ergibt Antworten. Welches aktiennotierte Unternehmen? Wie viele Aktien von dem Unternehmen?

Die zwei Werkzeuge werden von mir immer wieder hintereinander angewandt. Es ist ein einfaches Verfahren. Zumal eine der zwei Fragen deutlich wichtiger ist als die andere. Tatsächlich ist die erste Frage „Welche Aktien?” weniger entscheidend. Zunächst klingt das provokant, alles dreht sich doch immer um die "richtige" Auswahl, ich werde das gleich versuchen zu erklären. Jedenfalls ist die Frage, die auf "Welche Aktie" folgt, die wichtigere: „Wie viele davon?”

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass ich aus der Aktienauswahl selbst keine Wissenschaft machen muss. Ich darf fröhlich entscheiden. Auch darf ich öfter falsch liegen oder eine Aktien erwischen, die sich mäßig entwickelt. Alles bleibt entspannt, solange ich Werkzeug Nummer 2 gekonnt verwende.

Natürlich ist es schön, wenn ich ein gutes Händchen bei der Aktienauswahl habe. Aber ich kann auch gute Aktien auswählen und dennoch arbeitet die aktuelle Marktströmung gegen mich: Vielleicht hat ein Notenbanker einen Satz gesagt, welcher die Kurse auf breiter Front sacken lässt oder die Nachricht eines OPEC-Beschlusses oder eines Anschlags taucht auf.

In allen Fällen hilft Werkzeug 2, die Mengenauswahl, ich könnte auch sagen: das Geldmanagement. Es steuert mein Risiko. Das darf nie zu hoch werden. Gerade bei guten und für solide gehaltenen Aktien ist es überraschend hoch. Wenn ich zum Beispiel das Witwen- und Waisenpapier XYZ-Tollwerk in meinem Bestand halte, welches seit Jahren beste Ergebnisse lieferte und auch gerade wieder geliefert hat … und ich deswegen schon vor Jahren, wieder vor Monaten einige der Papiere dazugekauft habe … sie mittlerweile einen merkbaren Teil des Depots ausmachen … nun aber trotz der wiederum guten Geschäftsergebnisse und Nachrichten die Kurse des XYZ-Tollwerks abknicken … mir unerklärlicherweise ... dann habe ich ein Problem.

Zunächst ein geldliches Problem. Zumeist summieren sich Kursgewinne langsam auf, über Wochen und Monate. Verluste dagegen treten schnell auf. Innerhalb von Tagen sind Wochengewinne verdampft. Bei einer großen Positionen im Depot reißt das ein Finanzloch und tut weh.

Hinzu kommt ein psychologische Problem. Da ich das Papier für eine sichere Sache hielt, ist mir die XYZ-Tollwerk-Position im Verhältnis zum Gesamtdepot zu groß geworden, und nun fühle ich den Schmerz des in meinen Augen ungerechtfertigten Geldverlustes ("Es ist doch eine so sichere Aktie!"), ärgere mich über meinen Fehler, will den Schmerz umgehend abstellen, der Druck verleitet zu emotionalen Reaktionen. Vielleicht versuche ich, durch „Rache”-Trades die Verluste wettzumachen. Das gelingt natürlich nicht. Oder ich schaue dem Verfall der vermeintlichen sicheren Aktien-Position über Tage zu, ungläubig und unfähig zu reagieren, was die Sache schlimmer und schlimmer macht. Jedenfalls: Die eigene emotionale Balance ist verloren gegangen, der rationale Entscheidungsprozess in Gefahr.

Der Fehler hier liegt nicht in der Aktientitelauswahl, liegt auch nicht im schlechten Timing, an den schlechten Nachrichten, der Saisonalität usw.

Der Fehler liegt in der Aktienmengenauswahl. Es ist ein Problem des eigenen Risiko- oder Geldmanagements, das auf Performance und Psychologie durchschlägt. Der Investor George Soros prägte den Satz: „Es geht nicht darum, ob du richtig oder falsch liegst. Sondern darum, wie viel Geld du machst, wenn du richtig liegst und wie viel du verlierst, wenn du falsch liegst.”

Darin ist Wahrheit. Eine Aktie, die verliert, verkaufe ich. Eine Aktie, die gewinnt, kaufe ich. Zu definieren habe ich zuvor lediglich die Zeitdauer, auf welcher ich eine Aktie beurteilen und halten will. Bin ich ein Investor, der ein ruhigeres Depot bevorzugt und eine gute Aktie Monate oder Jahre halten möchte, so werde ich die Kursentwicklung meiner Aktie auf Wochensicht zur Beurteilung heranziehen. Bin ich aktiverer Investor, so schaue ich auf Tageskurse. Die zwei genannten Werkzeuge und ihre Handhabung bleiben auch bei unterschiedlichem Zeithorizont gleich.

Ich wähle nach bestem Wissen gute Titel. Ich steuere mein Risiko durch die Menge an Aktien, die ich halte. Steigt der Kurs, aus welchen Gründen auch immer, so spricht das für Behalten und eventuell Nachkauf. Fällt der Kurs, werde ich Risiko reduzieren. Nach Soros: Ich strebe danach, Verluste schnell zu realisieren und damit zu minimieren, Gewinner aber zu halten und auszubauen.

Es ist ein mechanischer Ansatz und das ist gut. Der Feind beim Börsenerfolg ist zu oft die Emotion. Je kühler der eigene Entscheidungsprozess ist, je besser gelingt es, Fehler zu vermeiden. Die Qualität der Aktienauswahl im Depot steigt bei dem Verfahren automatisch, das ist eine zwangsläufige, willkommene Nebenwirkung.

Lage. An den Weltbörsen gibt die amerikanische Wallstreet den Takt vor. In den USA bilden die verbleibenden Augustwochen den Höhepunkt der Feriensaison, in den New Yorker Handelsräumen sitzt nun, symbolisch gesprochen, nur die Stallwache, das Handelsvolumen dünnt aus. Kursausschläge können deutlicher werden, grundsätzliche Entscheidungen trifft die Stallwache kaum. Ich konzentriere mich daher auf einige großen Linien.

Arbeitsmarkt, Corona, Inflation sind zur Zeit diskutierte Themen. Die Nachrichten vom US-Arbeitsmarkt waren am Freitag besser als erwartet, das Thema ist damit abgeräumt. Einerseits belasten steigende Coronazahlen die Kurse (z.B. Tourismus), andererseits befeuern sie die Kurse (z.B. Tech). Inflationsbefürchtungen belasten, da als Reaktion steigende Zinsen befürchtet werden, was als schlecht für Aktienkurse eingeschätzt wird. Das heißt aber nicht, dass steigende Zinsen tatsächlich schlecht wären für die Kurse, es ist nur eine erste Erwartung.

Der Chart ganz oben bildet meine kurze Analyse ab. Zu sehen ist als Stäbchenfolge die tägliche Entwicklung der 100 großen US-Aktienwerte ohne Finanztitel. Darstellungsvehikel ist der ETF QQQ.

Enthalten sind in ihm als größte Positionen Apple, Microsoft, Amazon, Facebook, Alphabet (Google), Tesla, Nvidia, PayPal, Adobe.

Der QQQ-Index ist als Abbildung der US-Wirtschaft fortschrittsorientiert, hat einen Schwerpunkt in Hochtechnologie. Startpunkt des Charts ist der Jahresbeginn 2021. Es geht aufwärts, wir sehen dann eine breite Seitwärtsbewegung von Mitte Februar bis Mitte Juni und seitdem geht es hoch, zuletzt mit abgeschwächter Tendenz. Neu aufkommende Ängste vor Corona-Varianten helfen Tech- und Biotech-Aktien.

Zum Vergleich habe ich als gezackten Strich den Verlauf des deutschen Aktienmarktes eingeblendet. Im Chartbild startet der deutsche Index EWG am gleichen Punkt wie der QQQ zum Jahresbeginn 2021.

Der EWG ist ein ETF, der wie der QQQ in Dollar berechnet wird. Der EWG stellt den breiten deutschen Aktienmarkt dar, enthalten sind grob gesprochen DAX- und MDAX-Werte, Dividenden werden wie beim QQQ nicht eingerechnet, so kann ich die Entwicklung beider Märkte recht gut vergleichen.

Größte Positionen des EWG: SAP, Siemens, Allianz, Daimler, BASF, Adidas, Telekom, Post, Bayer, Infineon.

Die Wertentwicklung ist im Vergleich zum US-Markt schlecht. Im Moment, da der US-Index zum Ausbruch ansetzt, verharrt der deutsche Index, fällt dann zurück. Ein Bündel von Gründen ist denkbar. Innovationsmüdigkeit, Lockdown-Gefahr wegen steigender Coronazahlen, aufkeimende Unsicherheit vor der Bundestagswahl. Das sind Spekulationen, man kann sich in Ursachendiskussionen verlieren. Als Aktieninvestor auf der Suche nach Rendite bei vertretbarem Risiko ist der deutsche Aktienmarkt zur Zeit jedenfalls nicht die erste Adresse.

Szenario. In den USA wird aus Investorensicht einiges richtig gemacht, in Deutschland und China (siehe Lage & Szenarien von letzter Woche) weniger. Der US-Chart weist eine leichte Ermüdung in den letzten Tagen auf. Der Trend jedoch ist bisher nicht gebrochen. Die Wahrscheinlichkeit ist da, dass es nach einer Pause weiter hinauf geht.

Meine aktuelle Aktienmarktanalyse Lage & Szenarien für die jeweils kommende Woche verschicke ich immer schon sonntags über meinen Emailverteiler → hier auf dem Verteiler eintragen