Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 2.8.2021

Übertriebene Erwartungen

Aktienmarkt ist Wettbewerb. Entschließe ich mich zum Kauf eines Papiers, so trete ich an der Börse, wo der Kauf getätigt werden soll, gegen tausende und abertausende Käufer und Verkäufer an. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass viele von ihnen intelligenter sein werden als ich. Sie werden besser informiert sein als ich. Erfahrener sein.

Die Annahme ist keine falsche Bescheidenheit. Sie ist überschlägige Wahrscheinlichkeitsrechnung und Realismus.

Wenn jemand bereit ist, mir seine Aktie zu verkaufen, dann sieht er einen Vorteil für sich darin. Meine Interessen sind ihm egal, mir will er nichts Gutes tun. Oft wird der Vorteil für den Verkäufer sein, dass er glaubt, der Kurs der Aktie werde in Zukunft sinken. Der Verkäufer will mir, im übertragenen Sinn, einen faulen Apfel verkaufen.

Nun kann er mit seiner Einschätzung falsch liegen. Der Apfel ist gut, ich kaufe ihn, er reift sogar noch nach, wird wertvoller.

Wenn allerdings mehrere Verkäufer mir dringend ihre überreifen Äpfel verkaufen wollen, der Kurs infolge des großen Angebots sinkt … warum sollte ich annehmen, dass ich recht habe und ein gutes Geschäft machen werde, indem ich kaufe? Die Verkäufer sind in der Überzahl, mit Wahrscheinlichkeit sind schlauere, erfahrenere Menschen unter ihnen als ich es bin.

So ist es ratsam für mich, demütig zu sein, die Realität zu akzeptieren, ihre Zeichen zu lesen, statt über sie hinwegzugehen. Sinkt ein Kurs, ist das ein Signal: selten das Signal zu kaufen, da ein Sonderangebot kurzzeitig in die Auslage kommt. Eher ist es das Signal, aufmerksam zu werden, ob im Kern des Angebots etwas faul sein könnte. Etwas was der intelligente Verkäufer entdeckt hat, während ich mich noch von der polierten Angebotsschale blenden lasse.

Der Kurs wird damit für mich als Normalo-Anleger zur Prothese, die hilft, gegenüber informierteren, überlegenen Marktteilnehmern aufzuschließen. Sinkt der Kurs eines Aktienunternehmens, so unterlasse ich es, reflexartig zuzugreifen. Im Zweifel beobachte ich. Sinkt der Kurs weiter, so entsteht ein Trend: Es gibt tiefer sitzende Gründe, warum viele Besitzer sich entschließen, Aktien eines Unternehmens verkaufen zu wollen. Ich muss als Normalo-Anleger die Gründe nicht kennen, mir reicht der Kurs als Anzeiger.

Bei sinkenden Kursen besteht die Gefahr, dass ich in Schnäppchenstimmung komme. Da scheint im Augenblick etwas günstig im Angebot zu sein … Nein, ist es in den meisten Fällen nicht. Es gibt Gründe für den Kursverfall, ein übergroßes Angebot, und ich werde nicht in den Wettbewerb eintreten, der da lautet: „Ich bin der Schlauste, ich habe am tiefsten Punkt gekauft.”

So etwas interessiert äußerst vielleicht die Social-Media-Blase. Das Depot jedenfalls kümmert es nicht. Der Jahresperformance schadet es. Der Markt registriert es nicht mal.

Sinkt der Kurs, besser noch: sinken die Kurse, so ist das …

  • a) … eine große Chance. All die Aktien, die ich nicht besitze, aber schon immer besitzen wollte, sie werden nun günstiger …
  • b) … sodann ist es auch eine Herausforderung, an meine Geduld. Die muss ich haben. Jetzt, da die Kurse nachgeben, geht es weder darum, schnell zu sein, noch geht es um Timing auf den Punkt. Vielmehr geht es eben um Geduld. Was ideal ist für Anleger, die damit hadern, vermeintlich grundsätzlich zum falschen Zeitpunkt einzusteigen. Gute Nachricht für uns Schlecht-Timer: Wir können uns zurücklehnen, wir gucken geduldig zu …
  • c) … wie sich ein Trend entwickelt. Ich schaue zu, wie der Kurs fällt, wie er den Boden findet, dort unten kämpft. Registrierte ich schließlich mehr als ein Kurszucken, scheint der Kurs also zurück in die Spur zu finden, so werde ich aufmerksam, mehr noch nicht. Erst wenn der Kurs sich wirklich und belastbar vom Boden hebt, anzusteigen beginnt, dann erst trete ich einer Kaufmöglichkeit näher, dann erst ist nämlich ein erneuter Trend nach oben zu erkennen. Das kann Tage, Wochen, Monate dauern.

Jahre dauert es nicht. Eine Firma, die Jahre nach dem verlorenen Erfolgsweg sucht, wird ihn mit Wahrscheinlichkeit nicht mehr finden. Sollte sie ihn wider Erwarten doch finden, erfahre ich aus den Medien davon und spare mir den Aufwand des jahrelangen selbstaktiven Beobachtens.

Statt zu versuchen, den Kursboden zu erwischen, springe ich erst aufs Surfbrett, wenn die Welle sich bereits am Erheben, der Trend etabliert ist. Nun ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass die Welle sich weiter aufbaut, weiter rollt, ich kann sie surfen. Die ersten Prozentpunkte eines möglichen Gewinns habe ich zwar „verpasst”. Dafür habe ich mir viele Fehlversuche gespart, die ins Geld gehen. Den weiteren Anstieg mache ich mit. Irgendwann bricht die Welle. Dann sollte ich vom Brett absteigen. Dabei eine möglichst gute Figur machen, doch das ist ein anderes Thema.

Die Lage. Es wird holprig, ein erstes Schlagloch schüttelte die Kurse am Freitag (30.7.) durch. Irgendwo dahinten auf der Wegstrecke droht nun auch das Sommerloch. Gründe:

  • Übertriebene Erwartungen an Big Caps. Die zwar außerordentlich gute Quartalszahlen lieferten, aber bei ihren kommenden Herbstgeschäften nach Meinung vieler Marktteilnehmer beeinträchtigt sein können von neuen Covid-Varianten. Die Finviz.com-Illustration oben zeigt das entsprechende, durchwachsene freitägliche Handelsergebnis im marktbreiten amerikanischen Index S+P 500. Modellfall Amazon: extreme Anlegererwartungen, tolle Zahlen, trotzdem 7 Prozent (!) verloren wegen des Ausblicks.
  • Hervorgeholt wird von Marktakteuren im Vorfeld des traditionellen Notenbanker-Auftriebs zu Jackson Hole (26.8.) immer wieder das Inflations- und Taperingthema. Es kann wie die China-Problematik von Kapitalfluss-bestimmenden Adressen zum Anlass genommen werden, Aktien zu verkaufen. Geben dann Kurse großer Namen wie Apple, Amazon usw. nach, droht der Markt in Breite einige Prozente abzugeben. Käufer werden rar sein. Die einen trauen sich kein Engagement zu (aus guten Gründen, siehe oben). Die anderen sind im Sommerurlaub.

Handlungsanweisung für mich: Mit leichtem, kompakt gezurrten Gepäck geht es in den Hochsommer. — Meine aktuelle Aktienmarktanalyse Lage & Szenarien für die jeweils kommende Woche verschicke ich immer schon sonntags über meinen Emailverteiler → hier auf dem Verteiler eintragen