Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 19.7.2021

Bogen überspannt

Das Wesen eines Trends ist oft, dass er länger dauert, als man glauben mag. Die Verlagerung des Handels vom örtlichen Händler zum Onlinehändler ist andauernd, noch nicht abgeschlossen. Das sind Voraussetzungen für weiter steigende Kurse bei den üblichen, börsennotierten Verdächtigen.

Trete ich einen Schritt zurück, kommen mehr Flüsse in den Blick. Nicht nur börsennotierte Onlinehändler profitieren von Geldzuflüssen zukunftsorientierter Anleger. Seit dem Coronaschock im März letzten Jahres steigt der Gesamtmarkt. Oben zu sehen im Chartbild des S+P 500, dem Index des breiten US-Marktes.

Finanzanalysten haben den Anstieg analysiert und tiefenverstanden, zergliedert, wieder zusammengesetzt und schlaue Gründe für den Anstieg gefunden. Ich muss das nicht so kompliziert machen. Käufer kaufen Aktien, weil sie Aktien haben wollen. Es geht so simpel um Angebot und Nachfrage wie beim Einzelhändler um die Ecke. Bei dem bröselt das Geschäft, an der Börse brummt es. Weltweit schwimmen Anleger in frischem Notenbankgeld, sie haben Anlagebedarf. Sie wissen, dass Aktien teuer sind. Aber es gibt wenig Alternativen. Also kaufen sie weiter.

Männer in den besten Jahren, die gutes Geld verdienen, müssen es ausgeben, auf dem Konto drohen Negativzinsen. Sie kaufen teure Aktien, sie kaufen teure Immobilien.

Junge Menschen haben den Aktienmarkt in der Coronazeit als Freizeitbeschäftigung entdeckt und teilweise enorme Gewinne gemacht. Sie bleiben dabei, lernen die Tücken des Marktes immer besser zu beherrschen, kaufen Aktien.

Professionelle Händler könnten die Nase rümpfen über junge und mittelalte Privatanleger, die scheinbar naiv noch immer Geld in den Markt geben. Die Kennzahlen der Profis sagen längst und deutlich: Aktien sind zu teuer.

Jedoch werden solche Zahlen aus Daten der Vergangenheit berechnet, ihre optische Exaktheit und ihre mathematische Herleitung verführen dazu, sie für das Bild der Realität von Morgen zu halten. Es sind aber nur Berechnungen. Hergeleitet aus Zahlen von gestern mit Formeln von gestern, welche die Zukunft zu modellieren versuchen. Die Bloomberg-Analystin Tracy Alloway sieht derzeit ein Umfeld, in welchem der Geldfluss sich über Kennzahlen und fundamentale Daten hinwegsetzt. Die neuen, jungen Marktteilnehmer haben womöglich ein besseres Gespür als kennzahlenorientierte Portfoliomanager dafür, in welche Aktien künftig Geld fließen wird.

Die erfolgsgetriebenen Fondsmanager lernen jedoch schnell, sie sehen den neuen "Kennzahlen-sind-von-gestern"-Trend, werden ihn adaptieren und damit verstärken.

Das ist rational und irrational zugleich. In Zukunftsformeln pressen lässt sich das jedenfalls nicht.

Es wird weitergehen mit dem Kursanstieg. Auch wenn Aktien zu teuer sind.

* * *

Eine wichtige Information fehlt im vorigen Absatz: der Zeithorizont, in welchem der Anstieg stattfindet.

Abgebildet ist der S+P 500, also der breite amerikanische Markt, welcher die Weltaktienmärkte führend beeinflusst. Jede Kerze zeigt den Kurs eines Tages, verfolgt wird die Entwicklung seit Jahresbeginn, statt wie oben im ersten Chartbild seit der Corona-Krise im März letzten Jahres. Auch seit Jahresbeginn geht es immer noch aufwärts, in Etappen. Um das zu verdeutlichen, habe ich Bögen über den Etappen eingezeichnet. Im Rückblick sieht es leicht aus: Immer dabeibleiben wäre das richtige Anlageverhalten gewesen. Aber am Ende jedes Bogens hätte es auch anders kommen können. Jeder temporäre Tiefpunkt oder „Verschnaufer” zeigt eine Erschöpfung an, ein Ausbleiben von Käufern, ein Aufkeimen von Zweifeln. Hätten sich keine neuen Käufer gefunden, wären die Zweifel schnell größer geworden und … huih, es wäre kräftig herunter gegangen, denn wer will sich schon nach Fallobst bücken, wenn gerade ein Gewitter niedergeht.

Genau an einer solchen Stelle stehen wir wieder, der letzte Bogen zeigt es …

Steige ich tiefer in die Analyse ein, so sehe ich eine bemerkenswerte Entwicklung.

Auf dem Chart wird in Stäbchen oder Kerzen die Kursentwicklung des NASDAQ verfolgt. In dem Index sind die US-Technologiewerte versammelt, sozusagen die großen Fortschrittswerte der Welt. Die gezackte Linie blendet dagegen den IWM ein, in ihm sind 2000 kleinere Aktienwerte aus den USA versammelt: ganz ungefähr das, was in Deutschland als mittelständisches Unternehmertum bezeichnet wird, nur dass in den USA alles ein bisschen größer ist. Grob von mir vereinfacht, wie gesagt. Wichtig sind die zwei Schnittpunkte, ich habe sie mit Pfeilen markiert.

Im November schneidet der IWM den NASDAQ. Die „kleinen” Firmen laufen Big Tech den Rang ab. Grund: Die Impfmöglichkeiten gegen Corona wurden verkündet. Online war out, "echte" Wirtschaft in. Und wwuush schossen die Kurse der kleineren Gesellschaften hoch.

Nun aber kommen sie zurück, Big Tech holt auf, wieder sind wir am Schnittpunkt. — Ich zoome ins Bild hinein:

Gleicher Chart, Startpunkt ist nun aber der 1.1.2021 und dadurch verschieben sich die Verhältnisse, der Trend wird deutlicher. Die kleinen Aktiengesellschaften (Linie) haben Januar bis März ihren Aufstieg gehabt, dann ging es nicht mehr voran und nun, auah … abwärts.

Big Tech verläuft fast umgekehrt, seit Mai zieht das Ding sämig hoch, bekommt jetzt aber auch Schwierigkeiten. Irgendwas stottert *)

Zähle ich nun zusammen: Amerikanischer Mittelstand läuft nicht so recht, Big Tech ist im Moment auch uninspiriert, beim S+P 500 sind wir am rechten Ende des letzten Bogens, die Marktbreite der aufstrebenden Titel schnurrt zusammen …

… nehme ich die Saisonalität dazu, es ist Sommer, Händler gehen in den Urlaub, sind am Strand, haben da Besseres zu tun, als Aktien zu kaufen …

… dann heißt das für mich, die Chancen nach oben sind für die nächsten Wochen mit höherer Wahrscheinlichkeit begrenzt, Abwärtsrisiken sind stärker da. Ich muss mich in diesem Zeithorizont nicht zwingend engagieren, besser Gewinne sichern, den Sommer genießen.

Das widerspricht nicht der Aussage vom Anfang: Aktien sind teuer. Trotzdem wollen Menschen für ihr vieles frisches Geld Aktien haben. Es gibt kaum Alternativen. Also werden sie teure Aktien kaufen. Nur: Der Zeithorizont ist bei dieser Aussage ein anderer, ein längerer, auf Sicht von Monaten wird es aufwärts gehen.

*) Inflation, Konjunktur, Atom-Iran, Kim, Taiwan, China. Gewünschtes ankreuzen.

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