Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 12.7.2021

Auf der Schaukel

EZB, Delta-Variante, Konjunktursorgen. Kurzlebige Aufgeregtheiten bestimmen die vergangene Handelswoche. Daraus entsteht eine sommerschaukelige Börse. So kann es in der nächsten Woche weitergehen. Steht die Sonne hoch, sinkt die Aufmerksamkeit der Börsenhändler. Auch Profis sind Menschen.

Das ist meine hemdsärmelige Aktienmarktanalyse. Sie kann trotzdem Wert haben. Es gibt Zeiten, da lohnt es sich, genauer in Chartbilder einzusteigen. Sich Indikatoren zu erklären, Zusammenhängen nachzuspüren.

Dann gibt es Zeiten, da lohnt es sich weniger. Das Handelsvolumen schrumpft, Händler denken an Urlaub, weniger ans Handeln. Dann brauche ich nichts erzwingen. Ich mache den Kopf frei, durchdenke das Wesentliche.

1. Weniger ist mehr
Warum ich Chartindikatoren abstelle

Ich verkleinere die Watchlist. Ich handele weniger Positionen. Ich konzentriere mich auf ausgesuchte Ideen. Ich beachte weniger Indikatoren, Oszillatoren im Chart stelle ich ab.

Nur die großen Nachrichten lasse ich zu mir durchdringen. Die meisten Nachrichten geben nur vor, mich über Wichtiges zu informieren, tatsächlich unterhalten sie mich, also: lenken mich ab. Sie verkleistern mir die großen Linien, die doch wichtig sind, sie machen den Gewinn.

2. Nur der Preis zählt
Warum Ziffern mehr als Worte sagen

In der aktuellen Kursnotierung einer Aktie ist alles drin, was wir über das börsennotierte Unternehmen und seine Position im vom Menschen wahrgenommenen Universum wissen. Sogar seine Vergangenheit. Die Zukunft können wir nicht wissen, sie ist nicht im Preis inbegriffen, obwohl sie am interessantesten wäre. Nobody is perfect. Auch der Preis nicht. Aber er kommt dicht dran.

Markiert eine Aktie immer höhere Preise, entsteht ein Trend. Er zeigt mir an, dass Anleger mehr Anteile am Unternehmen besitzen wollen. Fällt der Preis, wollen sie ihre Anteile loswerden. Trivial klingt das, doch ist es die Essenz des Marktes. Mühsam verdientes Geld ( = aufgespeicherte Arbeits- und Lebenszeit) für Unternehmensanteile herzugeben ist eine starke Willensbekundung. Stärker als eine Meinung und ein Glaube, eine Rede, eine Predigt, ein Like, ein Indikator. Kurstrends nehme ich ernst, sie machen Entscheidungen sichtbar.

3. Die Meinung der anderen
Wieso sie manchmal richtig ist, selten aber wichtig

Das Netz, das Fernsehen liebt die Sensation, den künftigen Crash und ihren Vorhersager. Ihm ist die Aufmerksamkeit sicher. Wir mögen warnende Analysten, wir müssen sie mögen, denn wir hören seit Urzeiten auf unsere Ängste. Folgerichtig holen Algorithmen alarmierende Nachrichten nach vorn. Das ist ihr Geschäft: Suchmaschinen, Social Media geben uns, was wir sollen, also Gefühle, Aufregung, Befürchtungen. Doch morgen sind die Meinungen der starken Propheten von heute vergessen. Nur die Folgen meiner Handlungen, zu denen ich mich habe verführen lassen aufgrund der Meinung von anderen, die habe ich auch morgen selbst zu tragen.

4. Das Recht des Stärkeren
Wieso es Gewinne ermöglicht

„Du kennst die Zukunft nicht.”
„Ja klar, weiß ich doch.”
„Du kennst die Kurse von morgen nicht.”
„Ja klar.”
„Aber warum versuchst du, sie vorherzusagen?”
„Äh?!” — Hier ist der Punkt: Ich darf sie mir vorhersagen, die Zukunft. Ich darf eine klare Meinung haben. Aber der Markt wird sich nicht darum kümmern. Der Markt hat keine Meinung, er kennt meine nicht, ihn interessiert sie nicht und vor allem: Er wird unabhängig von meiner Meinung agieren.

Das ist in Ordnung.

Nun kommt der Fehler, den ich als Börsenverlierer machte: Ich beharre auf meiner Meinung. Denn ich habe die besseren, weil logischeren Argumente, ich werde recht haben.

Bestimmt sogar werde ich das. Irgendwann.

Aber vorher droht die Pleite. Zumindest ein gerupftes Depot.

Denn der Markt hat immer recht, auch wenn er unrecht hat.

Er ist stärker als ich, als du, als Regierungen und Notenbanken. Wenn ich also weiß, wer am Ende recht haben wird, dann richte ich mich doch gleich nach ihm …

Wann genau sollte ich mich nach ihm richten, wenn ich doch eine andere Meinung habe? — Die Antwort sehe ich am Horizont.

5. Der weite Horizont
Weshalb nur dem die Börsensonne aufgeht, der ihn sieht

Ich entscheide, für welche Zeit ich anlegen möchte. Ist es für einen Tag, dann liegt dort der Horizont. Ist es ein Jahr, dann ist der Horizont dort. Nur wenn ich die Anlagedauer festgelegt habe, sehe ich den Horizont und kann mich an ihm orientieren. Ohne Horizont fehlt solche Orientierung. Sobald ich den Horizont habe, fallen mir die richtigen Instrumente für die Navigation dorthin in die Hände. Auf Tagessicht sind das andere Instrumente als auf Jahressicht. — Meine aktuelle Aktienmarktanalyse Lage & Szenarien für die jeweils kommende Woche verschicke ich immer sonntags über meinen Emailverteiler → hier auf dem Verteiler eintragen