Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 1.7.2021

Boxen und Börsen

„Jeder hat einen Plan. Bis er auf’s Maul bekommt.” - Mike Tyson

Boxen ist Straße. Börse ist Parkett. So wird Mike Tysons Feststellung erst in ihrer Umkehrung für Börsianer zur geldwerten Handreichung:

„Sobald er auf’s Maul bekommt, sollte jeder einen Plan haben.”

Die meisten allerdings haben keinen Plan, zumindest an der Börse nicht.

Was gut ist. Denn wir brauchen sie, die ohne Plan.

Die kaufen Aktien. Eben ohne Plan. Dann schauen sie zu, wie sich die Gewinne entwickeln. Oder die Verluste.

Auflaufende Gewinne erfreuen sie, auflaufende Verluste schmerzen sie.

Entscheidungen unterlassen sie. Sie schauen zu, sie sind Touristen. Rutschen schnell aus auf ungewohntem Parkett.

Ihr Einwand kommt zuverlässig: Aber wir investieren, wir sind auf lange Sicht unterwegs.

Es ist völlig in Ordnung, jemand zu sein, der in Aktien investiert, der auf lange Sicht unterwegs ist. Ich kann minütlich ins Depot gucken oder täglich oder wöchentlich oder monatlich. Ich kann Trader oder Investor sein, aber wenn ich erfolgreich sein will, dann habe ich immer einen Plan, sonst bin ich kein Trader, kein Investor, sondern Opfer.

Ein Plan zwingt mich zu Entscheidungen. Denn der teure Feind des Börsianers ich die Nichtentscheidung.

Es ist einfach zuzuschauen, es macht Arbeit zu entscheiden. Entscheidungen bedeuten Verantwortung, bedeuten Gefahr. Denn eine Entscheidung kann falsch sein. Dann muss ich erneut entscheiden, was noch mehr Arbeit bedeutet … Investieren ist arbeiten.

Entscheiden kann ich nur, wenn ich Kriterien habe. Ein einfaches Kriterium ist der Kurs. Mögliche andere Kriterien sind Stimmungen, Jerome Powells Äußerungen, mein Investitionsgrad, der Ölpreis, die aufgelaufene Höhe einzelner Positionen, Gewinnaussichten von Unternehmen, veröffentlichte Quartalsberichte, drohende Quartalsberichte, Handelsvolumen, Muster …

So viele Möglichkeiten, so viel Arbeit, so viele Gelegenheiten, etwas falsch zu machen. Wenn ich dem Reflex widerstehe, daraufhin doch die Hände in den Schoß zu legen, bin ich weiter als die Mehrzahl der Aktieninvestoren, die als Touristen an den Märkten unterwegs sind.

Lee Freeman-Shor ist ein erfolgreicher amerikanischer Fondsmanager. Er zwingt seine Portfoliomanager zu Entscheidungen. Fällt eine Portfolioaktie um 20 Prozent im Kurs, so hat der Manager die Aktien zu verkaufen. Oder er hat weitere Aktien des Losers zu kaufen.

Was sich im ersten Moment verrückt anhört, ist rational und erfolgversprechend. Zunächst werde ich gezwungen, mich mit dem Papier auseinanderzusetzen. Dann habe ich zu entscheiden, ob ich Argumente sehe, dass der Markt falsch liegt. Das wäre eine Gewinnchance, ich kaufe dazu. Entdecke ich dagegen, dass meine ursprüngliche Kaufentscheidung falsch war, ist es folgerichtig zu verkaufen.

Letztes Wochenende habe ich drei Sommer-Aktien vorgestellt, unter anderem Nestle. Ich kann mir Nestle als Trader oder als Investor zur Entscheidung vorlegen. Sagen wir, mein Plan ist, die Aktie mehrere Monate zu halten. Ich bin Privatanleger, möchte meine Tage nicht damit zubringen, mich durch Firmenverlautbarungen, Analysteneinschätzungen, CEO-Äußerungen zu fräsen. Das alles sind für mich also keine Entscheidungskriterien, ich streiche sie weg. Nicht etwa, weil es schlechte Kriterien wären, ihre Beachtung und Durcharbeitung kosten mich als Privatmann schlicht zu viel Zeit, es sind zu viele Informationen. Ich konzentriere mich auf den Kurs, die Infos sind letztlich in diesen sämtlich eingebacken.

Monats- oder Wochenkurse wären für meinen Anlagehorizont die richtigen. Vorigen Sonntag habe ich eine Nestle-Entscheidung mit Hilfe von Monatskursen entwickelt. Um einen alternativen Weg zu gehen, wähle ich heute die Wochenkurse. Monatskurse brächten naturgemäß gegenüber der Vorwoche wenig neue Erkenntnisse.

Jedes Stäbchen im Nestle-Chart repräsentiert eine Woche. Die Analyse ist verdammt schnell zu Ende: Der Laden läuft. Die Stäbchen markieren immer höhere Kurse. Fast schon zu steil … aber der Trend ist stabil, ich bleibe dabei.

Da war sie schon, die Entscheidung. Verkaufen? Nein. Kaufen. Nein. Dabeibleiben. Ja.

Aber Freeman-Shor hat doch gesagt, kaufen oder verkaufen?! - Ich bin ich, nicht Fanboy eines US-Managers. Wichtig ist, dass ich mir das Papier zur Entscheidung vorgelegt habe und entschieden habe.

Auf Tagessicht könnte die Entscheidung übrigens anders sein. Hier der Chart, wiederum Nestle:

Nun ist jedes Stäbchen ein Tag, und der Chart endet schon am Donnerstag, 24.6.2021. Das macht nichts, es geht um die Theorie der Entscheidungsfindung. Den Freitag kann jeder selbst hinzufügen und wird anhand der Kriterien schnell selbst entscheiden können. — Der Kurs atmet die letzten beiden Tage aus, der Anstieg sieht fast gesünder aus als im Wochenchart. Entscheidungsmöglichkeit: Zukaufen, da der Anstieg nach einer Pause weitergehen wird. Habe ich dann gekauft: Wiedervorlage nach einer Woche zur erneuten Entscheidung. — In solchem Beispiel wäre ich also kurzfristiger unterwegs.

Entscheidungsprozesse müssen nicht aufwändig sein, mit Übung geht es schnell, lässt sich an eigene Bedürfnisse, Zeitumstände anpassen. Auch brauchen es keine digitalen Entscheidungen sein, ich kann abgestuft kaufen, verkaufen. Wichtig ist nur, überhaupt zu entscheiden und Kriterien zu haben. — Meine aktuelle Aktienmarktanalyse Lage & Szenarien für die jeweils kommende Woche verschicke ich immer sonntags über meinen Emailverteiler → hier auf dem Verteiler eintragen