Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 14.6.2021

Diesmal ist alles anders

Sich als Börsianer vor anderen Börsianern zu blamieren, gelingt mit einem einfachen Satz.

"Dieses Mal ist alles anders", sagt man und macht sich damit zum Gespött der Eingeweihten.

Nur … was wäre, wenn es sich tatsächlich so verhielte. Wenn diesmal wirklich alles anders wäre?

Dann verzichtete ich auf mögliche Gewinne, beziehungsweise überließe sie anderen, und das nur, weil ich mich nicht blamieren wollte, nicht herauskam aus meiner Komfortzone.

Die Notenbanken jedenfalls haben in der Coronakrise anders, entschlossener reagiert als in Krisen zuvor. Warum sollte dann am Aktienmarkt nicht ebenfalls alles anders sein … womöglich. Zumindest darüber nachzudenken erlaube ich mir.

Oben zu sehen ist der S+P 500-Chart. Er versammelt die großen US-Aktienunternehmen und gibt mir einen schnellen Überblick über die Marktentwicklung. Jedes Stäbchen stellt einen Tag dar. Das letzte Stäbchen ist der aktuell letzte Handelstag, Freitag, 11.6.2021. Markant ist der Einbruch im Februar/März letzten Jahres, als die Marktteilnehmer begriffen, was Corona für Leben und Wirtschaften bedeutet.

Ebenso auffällig wie der Absturz ist der schnelle Anstieg aus dem Kurstief. Dafür hat sich der Begriff V-Erholung eingebürgert, im Chart oben habe ich das "V" eingezeichnet. In der Tendenz und verallgemeinernd passierte der Absturz abrupter als in früheren Jahren. Die anschließende schnelle Erholung war aber noch erstaunlicher, weil nie zuvor derart zügig vollzogen, wenn ich Flash­crash­situationen außen vor lasse bei der Betrachtung.

Die Ursache für die schnelle Erholung ist der Fortschritt:

  • bei den Notenbanken
  • bei der Informationsübermittlung
  • bei den Handelsmöglichkeiten
  • bei den Wissenschaften (= Entwicklung von Impfstoffen)

Das könnte durch die vielen Berichte über Krisen, Gesundheits- und Umweltkatastrophen, über soziale und gesellschaftliche Fehlentwicklungen übersehen werden. Eine verbogene Selbstkonstruktion der Wirklichkeit führt anschließend womöglich zu falschen, zumindest weniger guten Entscheidungen bei Investitionen. Ich bliebe in meiner Komfortzone, beim wohligen Komsumieren von Berichten über Fehl- und Minderleistungen gesellschaftlicher Akteure und der Schlussfolgerung, früher wäre alles besser gewesen.

Zumeist stimmt das aber nicht, siehe die vier Punkte oben.

Das bedeutet: Der Fortschritt macht es nötig, dass ich meine Kriterien für Investitionsentscheidungen überprüfe. Das ist selbst dann ratsam, wenn es keinen Fortschritt gegeben haben sollte, sondern lediglich Veränderungen. — Ich werde bei Lage & Szenarien nur auf die Fortschritte/Veränderungen bei den Notenbanken eingehen, sie haben direkte Auswirkungen auf mich als Anleger.

In New York brach im September 1873 die angesehene Bank Jay Cooke & Company zusammen. Sie hatte sich vor allem im nordamerikanischen Eisenbahnbau engagiert. Folge des Bankenkrachs war eine Insolvenzwelle, die bis nach Europa schwappte. Berlin war damals Europas Leitbörse, 26 US-Eisenbahngesellschaften waren hier handelbar. Als erstes fiel im Oktober die Vereinsbank, weitere Banken und Aktiengesellschaften folgten.

Hilflos sah die königlich-preußische Finanzverwaltung dem Zusammenbruch des Finanzwesens zu. Es fehlte Erfahrung und Instrumentarium. Erst 1876, drei Jahre nach dem Gründerkrach wurde eine Zentralbank im Deutschen Reich geschaffen, Vorläufer der Bundesbank, EZB, Fed.

In den nächsten Jahren erholte sich die Wirtschaft. Man schlussfolgerte, dass die Wirtschaft sich am besten selbst heile, man sie in Ruhe lassen müsse. Mit solcher Haltung ging es in die Weltwirtschaftskrise 1929 und die anschließende Depression der 1930er Jahre: Aus welcher wiederum andere, neue Schlüsse gezogen wurden, neues Instrumentarium entwickelt wurde. Finanzkrise 2007: Lehren, neue Instrumente. Pandemie 2019: neue Instrumente. — Über die Jahrzehnte, Jahrhunderte hinweg lässt sich eine Entwicklungslinie erkennen. Die Entscheider in staatlichen Institutionen bemühen sich, Wirtschaftskrisen mit neu geschaffenem Zentralbankgeld abzufedern. Zuerst zaghaft, dann entschlossen, schließlich hemmungslos.

Meine Aufgabe als Anleger ist es, die Linie zu sehen und Schlussfolgerungen für mein Anlageverhalten zu ziehen.

Vom Hochpunkt am 7.9.1929 brauchte der S+P 500 (nachgebildet) bis zum Tiefpunkt 998 Tage und Jahre, um sich wieder auf frühere Höhen zu schrauben.

Kennzeichen späterer sogenannter Bärenmärkte war von der Tendenz her ein schnellerers Erreichen des Tiefpunktes, eine zügigere Erholung.

Kein Bärenmarkt führte zu einem so schnellen Kursverfall und zu einer so schnellen Erholung wie der letzte, der Corona-Bärenmarkt. Hier hatten Politik und Notenbanken das Instrument des Frischen Geldes perfektioniert.

Vom Allzeithoch im letzten Februar ging es bis zum 34 Prozent darunter liegenden tiefsten Tief in nur 23 Tagen. Ein Rekordwert, wenn ich von computerbedingten Flashcrashs absehe. Fünf Monate später wurden höhere Hochs als vor dem Absturz erreicht — ebenfalls ein Rekord.

Notenbanken werden versuchen, Teilmengen des frischen Geldes zurückzuholen, wenn die Wirtschaft läuft, wenn Inflation droht — Stichwort Tapering. Dennoch: Die Instrumente sind vorgezeigt, eingesetzt worden, sie funktionieren. Es wird Politik und Zentralbanken unmöglich sein, sie bei künftigen Krisen ihren Bürgern zu verweigern. Ein Pharao, der die gefüllten Kornspeicher gegenüber darbenden Untertanen verschlossen hielte in Zeiten der Dürre, der wäre nicht mehr lange herrschender, lebender Pharao.

Das Verhalten der Märkte in der Coronazeit wird damit zum Modell. Es geht schnell herunter, es geht schnell hinauf. Das Geschehen wird kurzatmiger.

Für mich als Trader ist das ein Fest. Bin ich dagegen als langfristiger Investor unterwegs, so werde ich mich umstellen. Nicht zwingend muss ich kurzatmiger investieren, aber ich habe Kursbewegungen anders zu interpretieren, werde letztlich schneller zu Sicherungsmaßnahmen greifen.

Professionellen Händler werden ähnliche Überlegungen anstellen. Mein Vorteil gegenüber ihnen wird also nicht sein, künftig fest mit dem Helikoptergeld zu rechnen, wenn es eng wird. Damit rechnen die Profis auch. Ebenso sehen sie den finalen Crash am Ende. Ihn zu prophezeien ist nichts Neues, auch wenn manche Experten noch immer Aufmerksamkeit mit seiner Vorhersage erlangen. Mein Vorteil gegenüber Marktkonkurrenten kann nur sein: Einzubeziehen, was es für das Marktverhalten bedeutet, wenn alle mit billigem Geld kalkulieren.

Es kann eine Beruhigung des Marktes bedeuten, der von nun an beständig aufwärts schiebt. Denn frisches Geld schüttet jedes Finanzproblem zu. Notenbanken und Politik sind mächtiger als je zuvor, sie schaffen das frische Geld und bestimmen, wo es seine erste Station macht.

Die Folge der ausgebauten staatlichen Geldmacht kann für den Markt aber auch eine gegenteilige Wirkung haben. Keine Beruhigung, sondern stärkere Ausschläge in beide Richtungen. Der lockere Satz eines Geldmächtigen in einer Late Night-Talkshow, der Schwächeanfall eines Politentscheiders beim morgendlichen Jogging führten dann gleich zu heftigen Kursausschlägen.

Für mich zur Zeit das wahrscheinlichste Modell und für Anleger am schwersten auszuhalten: die Kombination aus beiden Verhaltensweisen. Starke Ausschläge im Tagesgeschäft, welche immer wieder zu falschen Anlegerreaktionen verleiten. Erst in der Rückschau wird dann das beständige Hochschieben erkennbar.

Am kommenden Mittwoch (16.6.2021) tagt die Fed, die amerikanische Notenbank. Jedes Wort wird von Marktbeobachtern auf die Goldwaage gelegt werden.

Die Marktanalyse Lage & Szenarien verschicke ich immer sonntags über meinen Emailverteiler: 24 Stunden vor Veröffentlichung auf der Webseite → Hier eintragen