Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 30.5.2021

Von Gletschern und Gewinnern

Auf dem Bild zu sehen ist der schweizerische Rhonegletscher um das Jahr 1900 herum. Die damals aufwändig im Photochromverfahren vervielfältigte Fotografie ist mittlerweile ein Zeitdokument. Denn heute sieht es in den Walliser Alpen anders aus, der Gletscher hat sich weit zurückgezogen. Das sagt etwas über die Klimaveränderung; aber es sagt auch etwas über Geldanlagen.

Die folgenden sechs Balkendiagramme sind zeitlich geordnet, von der neuesten, also freitäglichen Tagesperformance (28.5.2021) bis zur Jahressicht im untersten Diagramm, von der Tagesaufregung zur Gletscherruhe, vom Wetter zum Klima. Die Balken verbildlichen die Kursentwicklung von US-Aktien an der Weltleitbörse in New York.

Abbildungen mit freundlicher Genehmigung von finviz.com.

Jeder Balken konzentriert Aktien eines Themas. So wird der Markt in Sektoren unterteilt. Die Sektoren werden zueinander in Beziehung gesetzt, der Betrachter kann Schlüsse für Anlageentscheidungen daraus ziehen. Tiefenschärfe bekommt das Sektorenbild, wenn ich zusätzlich die Entwicklung der Sektoren in immer längeren Zeiträumen betrachte.

Ich greife drei Sektoren heraus. Energy, Basic Materials, Technology.

Kraftwerke, Kraftstoffe, Exploration fallen z.B. in den Energy-Bereich. Basic Materials sind Chemiegrundprodukte, Metalle usw. Zu Technology werden Halbleiter, Software, Apple gezählt.

  • Performance Tag (oberstes Diagramm). - Huch, wo sind die drei Sektoren? Energy, Technology in der Mitte, Basic Materials im unteren Drittel. Unauffällig. Der Flügelschlag eines Vogels über dem Gletscher.
  • Performance Woche. - Technology auf dem dritten Platz, schöner Gewinn. Basic Materials in der Mitte, noch positiv. Energy im letzten Drittel, kaum Verlust.
  • Performance Monat. - Energy auf Platz 1, mächtiger Gewinn. Platz 2 Basic Materials. Technology vorletzter Platz.
  • Performance Vierteljahr. - Basic Materials schiebt sich an die Spitze. Energy schafft knapp die Mitte, aber Achtung, die relative Performance ist dennoch weit höher als in den zuvor betrachteten kürzeren Zeiträumen. Was bedeutet, dass hier die großen Gewinne gemacht wurden im Verhältnis zu anderen Sektoren; in den kürzeren, späteren Zeiträumen performten die Sektoren immer noch gut, aber nicht mehr spektakulär. Technology auf dem vorletzten Platz, was schlechter klingt, als es ist: immerhin wird ein Minigewinn ausgewiesen. Besser als Minuszinsen auf dem Girokonto sind die Aktien allemal.
  • Performance halbes Jahr. - Basic Materials vorn, Energy auf Platz 3. 28 und 25 Prozent Gewinn - wow. Technology 14 Prozent, ebenfalls fantastisch. Allerdings reicht es nur für einen unteren Tabellenplatz, die anderen sind eben soooh viel besser.
  • Performance ein Jahr. - Basic Materials Spitze, Technology vor Energy im Mittelfeld. Alle mit historisch guter Performance.

Meine Schlussfolgerungen. Erste: Ich muss das Geschehen außerhalb des Aktienmarktes dazunehmen, um bei der Sektorenanalyse nicht fehlgeleitet zu werden. Im Februar/März letzten Jahres nahm der Markt die Coronakrise wahr, brach ein. Die Zentralbanken fluteten die Wirtschaft daraufhin mit frischem Geld, letztlich Lehren aus vergangenen Wirtschaftskrisen, vor allem der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Der Aktienmarkt erholte sich daraufhin im Sommer letzten Jahres in nie zuvor gesehener Geschwindigkeit. Im November kam die Nachricht, dass Impfungen gegen Corona möglich sein sollten: eine Meldung mit Einfluss auf Aktieneinschätzungen.

Zweite. Erst in der Rückschau ist zu sehen, wie schlau der Markt ist, wie weniger schlau womöglich der einzelne Anleger agiert. Wie das mediales Geschnatter den Anleger auf Abwege bringen kann, während der Markt doch die richtigen Hinweise gibt. Allerdings weniger farbig und snackable als TV, Social Media, News-Seiten. Die Story „Technology ist der Gewinner der Pandemie” ist richtig. Aber vor allem war sie richtig. Das heißt, Anleger konnten damit große Gewinne erzielen. Wenn sie sich zu den möglichen Auswirkungen der Pandemie früh Gedanken machten. Als die Story dann über Medien erzählt wurde, ging der Technology-Trend immer noch weiter, es war kein Fehler einzusteigen, da alle einstiegen und die Nachfrage daher größer als das Aktienangebot war. Der schlaue Markt aber, der schaute schon weiter in die Zukunft: Was sind die Auswirkungen des vielen Notenbankgeldes? Und, ab November: Was passiert mit der Wirtschaft nach der Pandemie? Marktantworten: Energie, Metall, Chemie, Transport. Alles, was geimpfte Menschen brauchen und wollen, wenn sie aus dem Haus gehen, leben und Geschäfte machen und dabei viel neu geschaffenes Geld auf Kreditkarten und Firmenkonten haben. Welches in pandemiebedingt knappe Güter umgetauscht werden soll.

Dritte. Wir leben in vergoldeten Zeiten. Corona schränkt ein, beschädigt. Leben und Demokratie. Aber Anlagen lässt es glänzen. Ein Investor musste sich anstrengen, um viel falsch zu machen. Denn der Markt verzeihte; auch weniger kluge Entscheidungen wurden großzügig positivhonoriert. Sponsored by Fed.

Vierte. Ich darf mich nicht darauf verlassen, dass der Markt weiter nachsichtig sein wird. In drei, in sechs Monaten werden womöglich andere Sektoren vorn liegen. Hinweise geben die eher kurzfristigen, flatterhaften Balkendiagramme.

Fünfte. Ich muss nicht kurzfristigen Trends nachjagen. Ich kann es anders angehen, mit dem Gletscherblick. Schaut der auf das unterste Balkendiagramm, so sieht er viel grün, alles ist im positiven Bereich.

Blickt er aber auf das Photochrom vom Rhonegletscher, wird er nachdenklich. Vor 100 Jahren beeindruckte das Eismassiv: aus der Vorzeit gekommen, um zu bleiben. Doch stellt sich heraus, so massiv ist es gar nicht. Heute hat es sich nach oben zurückgezogen, die Gletscherzunge ist geschmolzen. Auch ein Langfristdepot braucht Betreuung, einen Blick für globale Trends, damit ein Abschmelzen vermieden wird. - Die Marktanalyse Lage & Szenarien verschicke ich immer sonntags über meinen Emailverteiler: 24 Stunden vor Veröffentlichung auf der Webseite → Hier eintragen