Ansichten eines Aktienanlegers

Analysen aktuell | Analysen 2020 | Grundlagen | Newsletter

Lage & Szenarien vom 16.5.2021

Inflationsängste machen Kursrealitäten

Inflation war das große Thema der abgelaufenen Woche, bewegte die Kurse. Nach unten. Steigt die Inflation, wachsen die Befürchtungen vor anziehenden Zinsen und damit kommen Aktienkurse unter Druck. So ist die Mechanik.

Das Inflationsthema wird uns die nächsten Wochen begleiten. Wie ein Untoter wird es immer wieder auferstehen, von den Marktakteuren selbst zum Leben erweckt. Um als Entschuldigung zu dienen, Gewinne zu sichern und die Kurse damit nach unten zu schicken. Oder die Inflation wird als Faktum behandelt: mit dem gleichen Effekt, Gewinne werden gesichert und die Kurse geben nach. Dann versinkt der Untote wieder und die Kurse steigen. - Verwöhnt von einfach zu machenden Kursgewinnen über Wochen und Monaten hinweg, kommen wir damit aktuell in eine schwieriger zu beherrschende Lage.

Seit längerem schreibe ich davon, dass Aktien aus dem Sektor BigTech ihren Gipfel gesehen haben. Auch in der vergangenen Woche wurde weiter Luft abgelassen. In der Pandemiezeit angesagte Unternehmen wie Trade Desk, Baidu, Peloton haben innerhalb eines Monats 40 Prozent ihres Kurswertes verloren. Obwohl oder weil der Aufschwung in den bald durchgeimpften USA an Fahrt aufnimmt.

Löhne steigen, Rohstoffpreise steigen. Preiserhöhungen werden an Kunden durchgereicht. Die Teuerungsrate liegt bei 4,2 Prozent.

Folgerichtig ist die Reaktion der professionellen Anleger darauf. Sie verzichten weiterhin auf Zinspapiere, bevorzugen Aktien, und innerhalb des Aktien-Universums schichten sie um. Von Wachstumswerten („Growth”) zu Traditionswerten („Value”). Sie wechseln die Favoritenbranchen. Raus aus Technologie, rein in Energieunternehmen und Banken. Hier zu sehen ist eine Illustration dessen, was gerade passiert:

Eine wilde Chartkonstruktion habe ich da zusammendividiert, aber sie verdeutlicht im Trend das Geschehen. Ich habe den Sektor-ETF SPDR Trust Technology (XLK) genommen. Er enthält BigTech-Werte wie Apple, Microsoft, Nvidia, Adobe, Salesforce, Intel. Dann habe ich den ETF Ishares US Oil & Gas Exploration/Production (IEO) dazu genommen, der Name des ETF ist sein Programm. Die Kurswerte des ersten ETF habe ich durch die Kurswerte des zweiten geteilt. Heraus kommt ein synthetischer Chart, der zeigt, wie sich der erste Werte zum zweiten Wert verhält, also wie sich die „zukunftszugewandten” Technologie-Aktien im Vergleich zu den „rückwärtsgewandten” Ölsuchern entwickeln.

Schlecht entwickeln sie sich.

Im Detail: Die Tageskerzen reichen vom September 2020 bis zum letzten Freitag (14.5.2020). Ich sehe einen steilen Anstieg im März letzten Jahres. Das ist Corona. Alle bleiben zu Hause und bestellen bei Amazon. Öl ist uninteressant, Online boomt, und die fixen Anleger reagieren sofort. BigTech steigt weiter im Verhältnis zur Ölexploration, bis in den November. Da wird klar: Es gibt eine Impfung. BigTechs Abstieg beginnt. Langsamer als der Aufstieg. Die Anleger sind verliebt in Gewinner, sie wollen nicht glauben, dass der Trade gelaufen ist. Sie fühlen sich an der Spitze des Fortschritts, investieren in die Zukunft, doch nicht in Old-School-Werte.

Besser wäre, sie täten es. Denn der Markt hat längst gedreht und bestraft Anleger, die sich auf Lorbeeren von gestern ausruhen.

Der gleiche Chart, ich habe nun heran gezoomt. Deutlich wird der Verfall der alten Favoriten seit November, deutlich wird der Druck, unter welchem Portfolioverwalter stehen. Sie mögen an die Zukunftswerte glauben, aber sie können nicht anders, früher oder später müssen sie rausgehen. Denn ihre Performance sinkt. Benchmark-Vergleiche verlieren sie. Mit Partnern, Vorgesetzten, Anlegern sind unangenehme Gespräche zu führen. Also geben sie BigTech-Positionen über Wochen in den Markt, positionieren sich innerhalb des Aktien-Universums neu, denn Zinspapiere sind weiterhin nicht lukrativ. Der Trend scheint eindeutig ...

… allerdings, die letzten drei Tageskerzen unten rechts machen die Sache prickelnd. Es geht runter und runter und da, plötzlich ein dreitägiger Schluckauf — die Wende?!

Ein neuer Chart:

Das sind die Tageskerzen des ETF Ishares US Home Construction. Der ETF enthält amerikanische Aktienunternehmen, die alles rund um den Bau und die Bauausstattung anbieten. Wie beim Öl-ETF geht es beim Haus-ETF um handfeste Dinge. Ich sehe zunehmenden Optimismus, mit Beginn des Jahres nimmt der Kurs Fahrt auf, der Holzchart, den ich letzte Woche zeigte, läuft übrigens ziemlich parallel.

Dann knickt der Kurs in der ersten Wochenhälfte unvermittelt ab, um sich in den zwei letzten Handelstagen knapp zu erholen. Beim marktbreiten S+P 500 (ohne Chart) sehe ich ein ähnliches Bild, wiewohl die Ausschläge weniger stark sind.

So habe ich in der zweiten Wochenhälfte das Phänomen, dass die großen Techwerte im Verhältnis zu „handfesten” Aktien aufholen. Aber sämtliche Aktien trotz einem starken Freitag auf Wochensicht verlieren. Gleichzeitig steigt die Inflation.

Statt dass sich das Bild aufklärt, da ich genauer draufschaue, vernebelt es sich.

Unschön.

Aber es ist doch eine Information, auch wenn ich sie nicht gern hören mag: Die Lage ist im Nebel. In ihm ist keine Richtung sicher zu bestimmen. Also nehme ich als Analysehilfsmittel den Faktor Zeit dazu. Nebel bleibt nicht ewig, die Zeit klärt. The Trade Desk notierte am 22.12.2020 in der Spitze bei 975 Dollar pro Aktie. Am letzten Freitag (14.5.2021) waren es 524 Dollar.

Was ist der richtige Wert der Aktie?

Beides können richtige Werte sein. Zahlt ein Käufer den aufgerufenen Preis, dann ist ihm das Unternehmen exakt die Summe wert, denn er kalkuliert den Preis in Abhängigkeit von dem Zeitpunkt, da er plant zu verkaufen. Die zeitlich definierte Zukunftserwartung beeinflusst ihm, dem Käufer, den akzeptierten Kaufpreis.

Der Käufer hat ein festgelegtes Investitionszeitfenster, dafür ist Kaufpreis in Ordnung. Als Trader zum Beispiel will er das Papier morgen wieder verkaufen. Oder übermorgen. Sein Zeithorizont ist kurzfristig. Es geht ihm nicht um den Wert des Unternehmens in einem halben Jahr, sondern am nächsten Morgen. Die Wahrscheinlichkeit, so seine Einschätzung, dass der Kurs in zwölf Stunden um einige Cents gestiegen ist, ist im augenblicklichen Marktumfeld (22.12.2020) höher, als das der Preis heruntergehen wird.

Kaufte ich als längerfristig orientierter Investor die Aktie damals allerdings mit dem Zeithorizont von einem Jahr, so hätte ich bald meinen Fehler bemerkt. Ich kann mich beim Kalkulieren des Unternehmenswerts zum Kaufzeitpunkt irren. Der Markt zeigt mir meinen Irrtum über die Zeit. Das Unternehmen kann den im Kurs vorweggenommenen Gewinn nicht erwirtschaften, der Kurs sinkt folgerichtig, die Zeit klärt, ich sollte verkaufen und lernen.

Ein Kurs bedeutet für unterschiedliche Käufer unterschiedliches, je nachdem mit welchem Zeithorizont sie unterwegs sind.

Der Zeithorizont gibt mir Orientierung, er hilft bei der Entscheidung. Idealerweise vor dem Kauf, auf jeden Fall aber nach dem Kauf. Wichtig ist nur, den eigenen Zeithorizont festgelegt zu haben, dann klärt die Zeit für mich.

Blicke ich auf einen Zeithorizont, der auf die nächsten Monaten geht, so rechne ich damit, dass das Inflationsthema ständig wieder hochkommen wird. Es belastet den Gesamtmarkt, es belastet Traditions- wie Zukunftswerte. Die Kurse kommen nicht recht vom Fleck. Ich verpasse nichts und habe Zeit abzuwarten, bis sich der Nebel lichtet. Dann reagiere ich. So ist das Szenario. - Die Marktanalyse Lage & Szenarien verschicke ich immer sonntags über meinen Emailverteiler: 24 Stunden vor Veröffentlichung auf der Webseite → Hier eintragen