Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 9.5.2021

Der DAX und die dazu erfundene Wirklichkeit

Kurseinbruch beim DAX: Solche Rückgänge rufen Verlustbefürchtungen hervor, lassen nach Erklärung und Rat suchen. Gern auch nach Aktientipps, also geldwerten Prophezeiungen, die im Idealfall auch noch eintreffen sollten.

Doch für Prophezeiungen sind höhere Wesen zuständig als ich. Hier gibt es nur Börsenerklärversuche und ab und zu Hinweise und hintergründige Überlegungen zu konkreten Aktien, mehr nicht.

Aktientipps ohne Hintergrund können schnell teuer werden, wenn die Börsenkurse in eine andere als die erwartete Richtung drehen und man nicht weiß, wie man dann mit einem gekauften Tipp umgehen soll, den man von irgendwem bekam, dem man irgendwann mal vertraute. Man wird, so die Gefahr, dann im falschen Moment das Falsche in seinem Depot anstellen.

Hier geht es darum, die Börse so weit zu ergründen, dass man sich selbst die Tipps geben kann und sich einem die Chancen geradezu aufdrängen, die der Markt täglich bereithält.

Vermeintlich ist das der schwierigere Weg zum Börsenerfolg. Tatsächlich dürfte es einer der wenigen sein, der zum Ziel führt. Andere Wege enden zu oft als Sackgassen, an deren Ende steht Mr. Market mit einem Knüppel.

Für Außenstehende mag Börse abweisend, vielleicht unverständlich wirken, die Akteure kommen verknöchert herüber. Dabei benutzen erfolgreiche Börsianer oft Instrumente, die in anderen Bereichen als fortschrittlich angesehen werden. Heute werden Geschlechterrollen dekonstruiert mit dem Instrumentarium von Foucault, Foerster, Watzlawick. Vermeintlich konservative Börsenzergliederer nutzen die Werkzeuge der Konstruktivisten längst. Sie dekonstruieren den Markt, um zu begreifen, dass er nur Konstrukt ist.

Dann bauen sie ihn wieder zusammen und durch die Neukonstruktion entsteht ein Vorteil. Nur wer einen Vorteil hat, darf (oder sollte) sich überhaupt mit eigenem, mühsam verdienten Geld im Markt engagieren. Denn sonst wird er engagiert, von den anderen, die einen Verlierer brauchen, und der beste Verlierer ist immer derjenige, der in den Markt geht, weil er sich für einen Gewinner hält, der aber die aktuelle Konstruktion gar nicht verstanden hat, womöglich nur die Fassade sieht.

Aktuelle Konstruktion ist eine wichtige Formulierung, um zum Beispiel die vermeintlich verrückte Entwicklung des DAX in der vergangenen Woche zu erklären.

Ich stelle mir bei einer Konstruktion zunächst ein Haus vor, welches ein Architekt konstruiert. Es ist der Rohbau eines Hochhauses, die Stahlstreben ragen wie Mikadostäbe in den Himmel, Querträger gibt es auch. Aber bevor das Stahlskelett überhaupt fertig ist, wird es schon im Zeitraffertempo umgebaut. Immer und immer wieder. So sah das DAX-Hochhaus vorigen Sonntag aus:

Ich titelte dazu "Der Bauch ist voll". Zu sehen ist der um Dividenden bereinigte Kurs-DAX mit Tageskerzen. Die Pfeile (1) und (2) zeigen auf Kursrückgänge, die als Warnzeichen begriffen werden konnten. Es folgte am Dienstag der Kursrückgang (3), zu sehen im folgenden, nun aktuellen Chart vom Kurs-DAX.

Viele Anleger waren nun verunsichert, und das liebt der Markt. Er will mich verunsichern, mich zu falschen Handlungen verleiten. Das ist logisch. Denn mein Fehler ist der Gewinn der anderen.

Der DAX geht drei Schritte zurück, dann einen voran: plötzlich kräftige Kursgewinne am Freitag (4). Was wird hier gespielt? Nun, zunächst mal, wird hier überhaupt nicht gespielt oder zumindest so wenig gespielt, dass es für die Kurse nur von untergeordneter Rolle ist. Die Kurse deutscher Unternehmen werden letztlich von Investoren aus Übersee gemacht, sie haben die größere finanzielle Kraft, welche die Kurse beeinflusst. Um zu sehen, was wirklich los ist, löse ich mich vom DAX und bringe - wieder einmal - den phänomenalen Holzchart.

Der Future auf den Holzpreis, im Chart tageweise notiert, gewährt mir einen Blick auf eine Herzkammer der amerikanischen Wirtschaft. Sie ist immer noch Leitwirtschaft, strahlt weltweit aus. Holz zu kaufen bedeutet, optimistisch zu sein. Gespeichertes Kapital wird in Material getauscht, mit welchem für die Zukunft gebaut wird. Man gibt erarbeitetes Geld her, um Holz für ein Haus oder eine Halle zu kaufen. Der Holzpreis steigt weiter extrem. Die Nachfrage kann kaum befriedigt werden, Holz wird selbst in Deutschland knapp. Verbraucher und Investoren glauben an den Aufschwung nach der Pandemie. Der Holzpreis ist Stellvertreter. Andere Vorprodukte wie Computerchips, selbst simple Steckverbinder aus Plastik, werden knapp. Die Güternachfrage wird verstärkt durch neues Geld, welches Notenbanken und Staat durch Stimulusprogramme in den Wirtschaftskreislauf geben.

Wenn ich mir Güter und Rohstoffe als eine Menge vorstelle, die wachsen kann, aber doch nur in einer Geschwindigkeit wachsen kann, wie Physik und menschliche Arbeitskraft, menschlicher Erfindungsreichtum, pandemiegeschädigte Lieferketten es zulassen.

Wenn ich mir andererseits vorstelle, dass Geldmenge von Zentralbanken aus dem Nichts, durch bloße Behauptung geschaffen werden kann und geschaffen wird.

So kann es sein, dass hier gerade die zwei Mengen unterschiedlich schnell anwachsen. Zu viel Geld trifft auf zu wenige Güter. Inflation ist die Folge.

Die US-Finanzministerin Janet Yellen sprach das Inflationsproblem am Dienstag an.

Prompt knickten die Kurse ein, auch beim DAX, oben unter (3) zu sehen. Zwei Tage später dann geht es genau andersherum. Die US-Arbeitsdaten sind schlechter als erwartet und der DAX schießt hoch (4).

Erst zurück, dann vor — ja was denn nun?! Verunsicherung. Wie gesagt, der Markt liebt sie, und ich darf mich verunsichern lassen, ich darf nur nicht falsche, voreilige Schlüsse ziehen. Zu simpel ist die Wirklichkeitskonstruktion zu glauben, die Kurse wären wegen Janet Yellens Äußerung bei (3) zurückgegangen. Andersherum kann ich auch konstruieren: Es gibt (1) und (2) und es musste (3) folgen und Yellens Äußerung war Anlass dafür.

Bei (4) gilt ähnliches. Die Nachricht macht den Kurs. Oder ist es umgekehrt … die Anleger fanden (3) übertrieben und als sich eine Nachricht anbot, war sie Katalysator für die Erholung (4).

Wir sind mitten in der Dekonstruktion von Wirklichkeit.

Hier noch ein Konstruktionsteil, bevor ich versuche, alles wieder zusammenzubauen:

Es sind die Dollarkurstageskerzen des Alpha Architect ETF. Der ETF konzentriert sich auf Momentumwerte, dient mir daher als Momentumanzeiger. Momentumwerte sind Aktien, die in Aufwärts- und leider auch in Abwärtsbewegungen stark reagieren. Es sind Aktien, die von wagemutigen, zukunftsorientierten Anlegern bevorzugt werden. Die Aktienunternehmen probieren neue Unternehmensfelder, neue Techniken, sie profitieren von billigem Notenbankgeld, sie brauchen Zukunftsfantasie, Hoffnung, Optimismus.

Es geht bergab mit den Momentumwerten. Im Gegenzug, ohne Chart: Mit den Aktien der „Old Economy” geht es bergauf. Plakativ gesprochen, Tesla läuft nicht, aber eine olle Eisenbahnaktie schießt zum Mond.

Die Logik dahinter geht so: Die modernen Momentumwerte, Tech, Online usw. haben in der Pandemie geliefert, was eine Bevölkerung auf Abstand brauchte. Die Old Economy wird liefern, was eine Gesellschaft nach der Pandemie braucht. Doch da es im Wirtschaftskreislauf zu viel Geld gibt und die Traditionsunternehmen nicht beliebig viel herstellen/bereitstellen können, werden sie die Preise erhöhen und das bedeutet, sie werden höhere Gewinne machen und das wird Inflation erzeugen und das wird die Notenbanken veranlassen, die Zinsen anzuheben — schlecht für Momentumwerte, die wenig Rohstoffe, aber viel Fantasie und neues Geld brauchen.

Das Erklärmodell besteht seinen Test gleich am Freitag, dem bislang letzten Handelstag. Die schlechten US-Arbeitsmarktzahlen drücken Zinsängste in den Hintergrund, prompt zieht der Alpha Architect an.

Das ist die Lage. Daraus konstruiere ich mein Szenario. Die große Zeit der Momentum- oder Technologieaktien war in der Pandemie. Die Spitze des Chartberges sehe ich im Februar, seitdem geht es bergab. Im Februar/März verweilt der Sektor auf einer Hochebene und dann geht es weiter herunter, Freitag ist eine knappe Gegenbewegung zu sehen.

Aus ihr kann sich mehr entwickeln, die Zukunft ist offen. Zumal dort unten ein Boden zu konstruieren wäre, mehrmals setzt der ETF-Kurs dort auf. Er kann also auf dem Boden zunächst Halt finden, dann aber die die Wahrscheinlichkeit größer, dass es vorerst weiter nach unten geht.

Die Staaten haben Interesse an billigem Geld, die Notenbanken können die Zinsen kaum heraufsetzen. Andererseits sehen alle das Inflationsproblem, siehe oben den Holzchart. Ewig kann es nicht so weitergehen. Zunächst werden sich Politiker und Notenbankchefs auf verbale Interventionen à la Janet Yellen beschränken. Insgesamt ist das ein Szenario, welches weiterhin gut für Aktien ist. Innerhalb des Aktienuniversums werde ich zur Zeit traditionelle Werte gegenüber Momentumwerten bevorzugen.

Vieles hängt daran, wie Marktakteure das Inflationsthema einschätzen. Es ist für die nächsten Wochen zentral. — Ich schreibe immer sonntags zur Marktvorbereitung ein neues Lage & Szenarien und verschicke es per Email an interessierte Anleger → hier auf den Verteiler eintragen. Im Laufe der nachfolgenden Woche veröffentliche ich Ausschnitte der Analyse hier auf der Webseite.