Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 2.5.2021

Der Bauch ist voll

Der Weg wird mühsam und der weitere Anstieg schwierig, wenn der Bauch voll ist. Der Aktienmarkt scheint in eine solche Phase eingetreten zu sein. Die Investoren haben ihre Gewinne gemacht. Nun kommt die Herausforderung. Wenn die Mehrzahl der Akteure das Gefühl hat, die Kurse hätten ihr perfektes Level erreicht, die Preise gäben die Zukunftseinschätzungen exakt wieder — was soll dann noch kommen?

So werden die anderen denken und zum Ausgang schielen, und wenn sie das tun … dann sollte ich einen Schritt schneller sein, Risiken reduzieren, bevor es alle machen und die Kurse sinken. Hat der Markt sein Top erreicht?

Niemand weiß es. Auch ich nicht. Aber ich habe einen untrüglichen Anzeiger. Jeder Aktionär hat ihn. Es ist der Blick ins Depot.

Gute Marktexperten können womöglich den Höhepunkt einer Kursentwicklung vorhersagen, sogar den exakten Zeitpunkt treffen, da der Markt kippt. Mein Problem ist, ich weiß erst hinterher, welcher Experte gut war, also recht hatte, und welcher falsch lag. Bonusproblem: Ein Experte, der letztes Mal recht hatte, wird nächstes Mal womöglich falsch liegen. Eventuell wird er gerade deswegen in die falsche Richtung gehen, da es beim vorigen Mal die richtige war, und er immer noch glaubt, sein Vorhersageerfolg habe an seinem Können gelegen, dabei war es Zufall gewesen.

Ich vertraue beim Depotmanagement weniger auf Experten, ich schaue auf den Depotstand. Fängt dessen Kurswert an zu fallen, werde ich aufmerksam.

Eventuell ändert sich gerade der Marktcharakter, wandelt sich vom beständigen Hochschieben zur Topbildung, zum Abbröseln. — Einem fühlbaren Kursrückgang gehen oft derartige Phasen voraus. Solche Signale sind es, auf die ich achte, mein Depot ist der Anzeiger.

Je nach Zeithorizont (siehe meine Mail vor zwei Wochen) werde ich dann erste Risiken zurücknehmen.

War das Theorie? Nein, es ist aktuelle Marktbeschreibung, im Bild unten zu sehen ist der Kursverlauf des DAX.

Anstieg seit November letzten Jahres: Jede Kerze stellt im Chart einen Tag dar, verfolgt wird der Kursindex DAX. Der „normale” DAX berechnet seinen Kursverlauf aus den Notierungen führender deutscher Aktienunternehmen einschließlich ihrer Dividenden. Der Kurs-DAX lässt die Dividenden weg, ähnlich wie es die meisten amerikanischen Indices handhaben.

Der Anstieg kommt Januar/Februar ans Halten, Anstiegfortsetzung im März. Im gerade beendeten April geht es nicht so recht voran.

Gründe dafür? Da gehen viele Finger nach oben, viele Experten entwickeln schlaue Erklärungen, besonders im Nachhinein. Damit werden Magazinspalten gefüllt, Zeitungen verkauft, Klicks gemacht. Unterhält mich, aber nützt dem Depotstand nicht.

Der Depotstand hängt davon ab, was reale Käufer an realem Geld an jedem Handelstag bereit sind, mir für meine Aktien zu zahlen. Das kann ich Tag für Tag verfolgen, das ist Wahrheit. Für die DAX-Gesamtheit bedeutet das, seit Anfang April geht wenig. Bei (1) gab mir der Markt ein Warnsignal, am nächsten Tag noch stärkere Abgaben, dann eine schwächliche Erholung … zack und (2): erneute Warnung am letzten Donnerstag, 29.4.2021, schwacher Erholungsversuch am Freitag.

Gut sieht das nicht aus. (1) lässt sich als Top interpretieren. Alle sehen es, alle ziehen ähnliche Schlüsse.

Deswegen muss nicht das Gegenteil richtig sein.

Tatsache bleibt, der Anstieg stockt, das kostet Vertrauen und damit wird der Markt kippelig.

Sollten die Kurse in der kommenden Woche kräftiger nachgeben und sollte sich das im Depot spiegeln, dann kommen je nach Zeithorizont der Investition Entscheidungspunkte. Diese Punkte sind Handlungsaufforderungen. Denn die richtig großen Verluste entstehen oft an Folgetagen: Man hat einen ersten Verlust erlitten, will nicht wahrhaben, dass der Entscheidungspunkt, der Stopp erreicht ist, an welchem die eigene Investitionsidee vom Markt falsifiziert … auf Klarsprech: in die Tonne getreten wurde. Man bleibt also drin, das wird schon wieder. Der Markt ist brutal: Am nächsten Tag reißt es den Wert richtig herunter.

Der Aufstieg ist langsam, herunter geht es schnell. Das ist ein häufiges Muster. Psychologisch ist es nachvollziehbar. Investoren haben Ängste, Großinvestoren haben große Ängste, rutscht ein Wert, verkaufen sie, nach Gründen fragen kann man hinterher. Auch zurückkaufen kann man hinterher.

So navigiere ich durch den Markt der kommenden Woche. Ich reagiere und nehme mich zurück. — Immer schon sonntags meine Marktvorbereitung "Lage & Szenarien" für die kommende Handelswoche lesen → Eintragen in den Emailverteiler.