Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 18.4.2021

Die Kurse, die Übertreibung und die Angst

Angst ist gut. Sie führt zu gesteigerter Aufmerksamkeit.

Woher weiß ich, dass sich Angst ausbreitet? — Charts zeigen es. Ich bin nicht schlauer als andere Anleger. Viele schauen in ihre Depots und auf Charts und sehen, was ich sehe. Fühlen, was ich fühle. Wir sind eine Herde. Mögen wir uns auch noch so schlau vorkommen, in unserer Schlauheit bilden wir doch wieder eine Formation und schauen in eine Richtung: zum Ausgang.

Das ist gefährlich und das wissen wir. Denn nicht alle passen zugleich durch den Ausgang und das steigert noch die Angst.

Der Chart ist wohlbekannt, ihn habe ich in den letzten Wochen mehrmals gebracht. Die Fortsetzung ist neu. Das Ding geht in die Senkrechte über. Zu sehen sind die Tagesnotierungen des amerikanischen Holzpreises. Aus Holz werden in Amerika Häuser gebaut. Wer baut, glaubt an die Zukunft, an Einkommen, Produktionswachstum. Er zahlt den nötigen Preis für Holz. Aber doch nicht jeden Preis. So jedenfalls kann es nicht weitergehen. Schaue ich links im Chartbild in den September letzten Jahres, dann sehe ich, was möglich ist.

Die GIF-Animation besteht aus vier Bildern. Die vier Bilder werden in der Animation in Endlosschleife abgespielt. Gezeigt werden die Aktienwerte des breiten US-Index S+P 500. Die Kästchen sind nach Branchen gruppiert. Die Größe der Kästchen spiegelt die Größe der Firma, also ihre Marktkapitalisierung. Jedes Bild fasst den Wertzuwachs oder -verlust in einem unterschiedlichen Zeitraum zusammen und notiert ihn in Prozent und Farben. Das erste Bild stellt den letzten Freitag dar, also den derzeit aktuellsten Handelstag. Das zweite Bild zeigt die letzte Woche. Das dritte Bild stellt den Monat dar, das vierte Bild das Vierteljahr.

Erkenntnis: Wahnsinn. Es wird grüner und grüner, je länger der Zeitraum gewählt ist. Microsoft gewinnt auf Dreimonatssicht 22 Prozent hinzu - ein willkürlich herausgegriffenes Beispiel. — Was soll noch kommen?! Die Firmengewinne von Monaten und Jahren scheinen schon in den Kursen zu sein.

Der S+P 500 in der Wochenansicht, das heißt jede Kerze stellt eine Woche dar. Corona-Einbruch im Frühjahr 2020, seitdem aufwärts, in den letzten drei Wochen steilt sich der Trend auf. Die Gewinne der Unternehmen können doch nicht noch stärker steigen? Denken sich Anleger, und sie alle schauen auf solche Charts …

… spüren Angst und erhöhte Denkfähigkeit. — Um sich die zu erhalten und nicht in Panik zu geraten, öffnet man seinen gepflegten Instrumentenkasten. Die Instrumente darin: Verkaufsknopf, Kaffee, Köpfchen. Der Verkaufsknopf ist das wichtigste Utensil — von dem viele glauben, es wäre eine böse Sache, ihn in einer Krise zu benutzen.

Um das Knöpfchen zu verteufeln, gibt es einige Theoriekonstrukte. Sie nennen sich „buy an hold”, „hin und her macht Taschen leer”, „Ruhe bewahren” usw.

Nehmen wir an, es käme eine Kurskrise, es ginge bergab, und ich folgte dem Ratschlag und hätte Hoffnung auf eine Kurserholung und hielte meine Positionen und beim nächsten Blick ins Depot leuchtete es abermals überall rot.

Ich kann den Blick dann abwenden vom Depotstand und mich schöneren Dingen zuwenden … das wäre zwecklos, in den Gedanken werde ich das Depotproblem weiter wälzen. — Die hervorgehobenen Worte im vorigen Absatz sind zentral.

Zunächst das Wort Hoffnung. Natürlich darf ich auf eine Erholung hoffen. Allerdings ist Hoffnung keine Hilfe; sie kann sogar schaden, wenn gerade der Markt sein Maul öffnet und einen Schlund zeigt, in dem es ziemlich tief hinunter gehen kann. Hoffnung stellt kein Instrument zur Verfügung, um die eigene Lage anhand eines Maßstabs oder Kriteriums zu beurteilen. Hoffnung kann zum Nichtstun verleiten. Nichtstun ist von Übel, wenn die Kurse wegsacken. Das mindeste, was ich unternehmen sollte, ist eine kurze Analyse, denn Aktienkurse, die heute sinken, können morgen weitersinken.

Dann das Wort rot. Genauer: „überall rot”. Wenn es bei meinen Anlagen überall rot leuchtet, dann habe ich entweder eine schlechte Auswahl getroffen, oder der Gesamtmarkt befindet sich in Schwierigkeiten.

Über eine gute oder schlechte Auswahl von Aktien kann man streiten, man kann es besser oder schlechter machen. Wenn aber der Gesamtmarkt hinunter rauscht, keinen Unterschied zwischen guten und schlechten Titeln macht, mein Depot mit nach unten zieht, dann sind wir in einer Korrektur.

Fachleute definieren eine Korrektur anhand strenger Bedingungen. Mir als Privatinstor kann die Fachleutedefinition egal sein. Eine Korrektur ist dann, wenn mein Depotkapital durch Kursverluste bedroht ist. Das Kapital ist mein Arbeitsmittel, ich muss mein Arbeitsmittel erhalten.

Bei einem normal gestrickten Depot, einem Depot ohne Schlagseite, ohne Extravaganzen, tritt ein bemerkenswerter Effekt ein: Wird es substantiell in Mitleidenschaft gezogen, dann ist in den meisten Fällen auch draußen am Markt der Teufel los: Die Kurse gehen über die gesamte Marktbreite in die Knie.

Das ist die entscheidende Beobachtung.

Wenn Anleger alles auf den Markt werfen, gute wie schlechte Papiere, dann haben sie offensichtlich eine Meinung und ein Ziel.

  • Ihre Meinung ist: Es wird weiter abwärts gehen.
  • Ihr Ziel ist: weitere eigene Verluste vermeiden.

Das Ganze entwickelt sich zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Durch die Verkäufe gehen die Kurse herunter, durch die nachgebenden Kurse kommen mehr und mehr Anleger zu der Ansicht, dass es weiter abwärts gehen wird, sie wollen weitere Verluste in ihren Depots vermeiden und verkaufen.

Und dann stehe ich da und murmele etwas von „buy and hold”. Habe ich irgendwo von gelesen. Soll gut sein. Aber mir ist im Magen schon ein wenig flau, und ich mag auch nicht mehr ins Depot gucken.

Ob ich reingucke oder nicht, es stellt sich die ganze Zeit nur eine Frage und alle, also zehntausende von Anlegern stellen sie sich in solchen Momenten: Geht es weiter hinunter oder fängt sich der Markt und zwar ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, da auch ich endlich und zermürbt verkaufe?

Niemand weiß die Antwort auf die Frage.

Es ist zwecklos, Zeit damit zu vertun, sie im eigenen Verstand zu ergrübeln oder sie im Netz zu suchen.

In Momenten der Depotnot gibt es keine Antwort.

Hinterher wird es sie geben und je später hinterher, je klüger wird die Antwort sein.

Daher vermeide ich, mir vorhersagen zu wollen, wann ein Tiefpunkt erreicht ist. Ich habe zwei Kriterien, mit deren Hilfe ich beurteile, wo ich mit meinen Anlagen stehe, wenn es im Markt abwärts geht.

Kriterium 1 ist der Zeithorizont. Kriterium 2 ist der Kapitalerhalt.

Bin ich als langfristiger Investor unterwegs, so werde ich auf einen Kursrückgang anders reagieren, als wenn ich mittelfristig oder kurzfristig aufgestellt bin.

Was nicht passieren darf: Ich widme Anlage- oder Zeithorizonte im Moment des Kursrückgangs um, reagiere also wie ein mittelfristiger Investor, obwohl ich ursprünglich als Kurzfristanleger unterwegs war. Oder ich erkläre mich im Moment des Kursrückgangs zum Langfristinvestor, obwohl meine Anlage mittelfristig gedacht war. Durch umwidmen, durch Verlängern der Anlagezeitraums verschiebe ich nur eine Entscheidung, die ich jetzt zu treffen habe, und ich habe nicht nur den Zeitraum verändert, ich habe auch meine ursprüngliche Anlageidee verraten. Schließlich hatte ich eine Idee, eine Einschätzung, weswegen ich investiert habe. Offensichtlich stellt sich die gerade als falsch heraus, und ich suche vor meinem Gewissen eine Ausrede.

Ist mir der Zeithorizont klar, in welchem ich unterwegs bin, so ergibt sich die Entscheidung „Kaufen oder Halten” von selbst.

Ein eintägiger Kursrückgang bringt einen Mittelfristinvestor nicht aus der Fassung. Während ein mehrtägiger Rückgang ihn zum Handeln auffordert. Entsprechendes gilt für die anderen Zeitebenen.

Nun gilt es, in Abhängigkeit vom Zeithorizont das Kriterium 2 zu beachten, den Kapitalerhalt → mehr dazu in meinen marktaktuellen Emails, hier wird es sonst zu lang. Ich nehme nun Instrument zwei, Kaffee … Moment … nun Instrument drei, Köpfchen. Folgender Chart zeigt den Goldkurs. Die Notenbanken geben Geld ins Handelssystem, um die Auswirkungen der Pandemie auf die Wirtschaft zu bekämpfen. So könnte es sein, dass Aktienkurse und (Holz-)Preise deswegen steigen.

Der Chart gibt eine Bestätigung der Vermutung nicht mit letzter Sicherheit her. Gold gilt als sicherer Hafen für Anleger, die sich vor Inflation fürchten. Der Goldkurs steigt kräftig, aber ein nachhaltiger Trend ist noch nicht etabliert.

Der Russell 2000 ETF (oben) zeigt den Kursverlauf der kleineren US-Werte, Tageskerzenbasis. Überschwang sieht anders aus.

Der Quantitave Momentum ETF konzentriert sich auf Momentumwerte: Das sind Aktien, die in Boomphasen starke Zugewinne verzeichnen, in Abwärtsphasen geht es schnell hinunter. Auch hier ist keine Übertreibung zu sehen, eher eine Abkühlung. Die Anleger scheinen die Jagd auf schnelle Gewinne und hohe Risiken abgeblasen zu haben.

Das ist die Lage. Das Szenario ergibt sich. Angst ist gut, sie führt zu Aufmerksamkeit. Jederzeit kann nun Abwärtsdruck einsetzen. Panik wird bei keinem aufkommen, der seinen Instrumentenkasten geöffnet bereitstehen hat. Etwaige Verkäufe werden entsprechend der Zeithorizonte passieren, falls es abwärts geht.

Vorher nicht.

Gold, Russell, Momentum erinnern daran, dass die Zukunft offen ist, und ich reagiere nur, statt mir weis zu machen, ich wüsste, was passieren wird. Ein Trend, eine Übertreibung kann länger laufen, als man denkt. Sie kann sich anders abbauen als in einer abrupten Entladung. Ich agiere also nicht, ich reagiere auf den Markt: Das dann aber konsequent. Denn übergeordnetes Kriterium bleibt der Kapitalerhalt.