Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 4.4.2021

Vier Charts enthüllen Möglichkeiten

  1. Der amerikanische Automarkt erholt sich. Auch deutsche Hersteller profitieren.
  2. Autohersteller brauchen Computerchips. Die kleinen Dinger werden so sehr nachgefragt, dass Lieferengpässe entstehen. Chips wollen auch Roboter- und Raketenbauer haben, die ganze Welt will Chips:
    „Chips sind in den vergangenen Jahren mehr und mehr zu einer Frage der nationalen Sicherheit geworden. Denn ohne sie gibt es keine Digitalisierung, keine modernen Armeen, nicht einmal Autos. Mehrere Autohersteller müssen derzeit wegen einer weltweiten Chip-Knappheit ihre Produktion unterbrechen und Milliardeneinbussen hinnehmen.”
  3. Die amerikanische Wirtschaft läuft in einen Boom hinein, 916.000 neue Arbeitsplätze entstanden im letzten Monat, doppelt so viele wie im Februar.
  4. Präsident Bidens Fantastillionen-Infrastrukturprogramm gegen kaputte Straßen, Brücken, Schienen lässt Börsianer und Weltverbesserer gleichzeitig jubeln. Ein selten gegebenes Schauspiel.

Stopp.

Was ist da gerade passiert?

Ich habe gesnackt. Infohäppchen weggeschlabbert, mich in gute Stimmung gebracht.

Der rationale Investor wird die Chipstüte mit den News wegpacken und die Zahlen sichten. Wie die Börse läuft, sehe ich an der Börse. Zeitungen erzählen Nachrichten, Börsen machen sie:

Der Holzpreis notiert am Höchststand, knapp über 1000 Dollar, siehe Futures-Chart oben. Auf den Trend wies ich im Februar hin, da Stand der Holzpreis bei 900 Dollar. Der Chart zeigt, dass sich der Holzpreis innerhalb eines Jahres verdreifacht hat. Die FED, die amerikanische Notenbank, sieht dennoch keine Inflation, sie will ihre Niedrigzinspolitik fortsetzen.

Aus Holz werden in Amerika mehr noch als in Europa Häuser gebaut. Für den Durchschnittsamerikaner ist ein Haus eine der zentralen Investitionen seines Lebens. Ähnliches gilt für einen Unternehmer, der ein Gebäude baut. Der Holzpreis ist zugleich Anzeiger für einen Kernbereich der Wirtschaft, wie er auch ein Hinweis auf den Grad der Investorenzuversicht ist.

Die nächste Nachricht, welche die Börse macht: Der Stäbchenchart unten zeigt die Entwicklung von Momentum-Aktienwerten, und damit ich einen Vergleichsmaßstab habe, ist dazu als Linie der SPY eingeblendet, ein ETF, welcher den breiten amerikanischen Aktienindex S+P 500 abbildet.

Momentumwerte sind Aktien, die in Aufwärts- und leider auch in Abwärtsbewegungen besonders stark reagieren. Als Anzeigevehikel habe ich den repräsentativen ETF US Quantitative Momentum genommen.

Der Vergleich nimmt den von der Pandemie verursachten Kurstiefpunkt vom März letzten Jahres als Ausgangspunkt und verfolgt die Verläufe auf Tagesschlusskursbasis in Dollar. Der SPY schreitet ruhig voran. Der Momentum-ETF eilt zu Höchstständen.

Bis in den Februar hinein. Als wäre ein Schalter umgelegt worden, kippen die Momentumaktien dann weg.

Warum?

Weil sie weit genug gelaufen waren. Die Marktteilnehmer synchronisierten sich und fingen an zu verkaufen.

Es funktioniert so ähnlich wie bei Zugvögeln, die ich am Himmel beobachte. Wissenschaftler fragten sich, wie ein Schwarm es schafft, in geschlossener Formation die Richtung zu wechseln. Die meisten Wissenschaftler glaubten, es liege am Leitvogel vorn, der gäbe die Richtung vor. Nach genaueren Beobachtungen vertreten viele Wissenschaftler heute die Ansicht, dass es Unterleitvögel gibt. Entscheidet sich ein Unterleitvogel, seine Richtung zu drehen, so folgen die unmittelbaren Nachbarvögel und die Nachbarvögel der Nachbarvögel … Da sich für den gesamten Schwarm die Außenbedingungen zum selben Moment ändern, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass mehrere Unterleitvögel zu gleichen Entscheidungen kommen, der gesamte Schwarm dreht die Richtung. Manchmal teilt der Schwarm sich in solchen Entscheidungssituationen, da Unterleitvögel zu nur ähnlichen, nicht gleichen Ergebnissen kommen. In der Mehrzahl der Fälle setzt dann ein Korrekturprogramm ein, der geteilte Schwarm findet wieder zusammen.

Fast kann man oben im Chart die länger werdenden Kerzen im fallenden Trend so interpretieren: zuerst Unsicherheit über den Richtungswechsel, geteilte Ansichten, schließliches Zusammenfinden und weiter abwärts.

Zu sehen ist in diesem Chart wiederum der ETF US Quantitative Momentum mit den Stäbchen und als Vergleich die Linie des S+P 500 Index. Aber jetzt habe ich herangezoomt, Ausgangspunkt ist nun der Jahresanfang. Die Momentumwerte haben ihre Gewinne wieder abgegeben, stehen wieder da, wo sie zum Jahreswechsel gestartet sind. Dazwischen liegt eine Achterbahnfahrt, welche die Nerven der Investoren kitzelte. Währenddessen setzt der S+P 500 seinen Anstieg fort, in dieser Ansicht moderat und unspektakulär. Erkenntnisse:

  • Momentum und Mean Reversion hängen zusammen. Mean Reversion meint, auf einen ausgeprägten Trend folgt gern ein ebenfalls ausgeprägter Trend in die Gegenrichtung.
  • Bei einer ausgewogeneren Aufstellung ist der Trend beständiger und brachte seit Jahresanfang Gewinne.
  • Beide Chartkurse zeigen in den letzten Tagen nach oben.

Nun hole ich die Snacks von oben wieder dazu, um das Bild abzurunden. Die FED druckt Geld, Biden gibt es aus, Autohersteller verkaufen mehr Autos, Chipnachfrage steigt, TSMC will 100 Milliarden US-Dollar (!) investieren.

Insgesamt ist das eine positive Lage.

Ein letzter Chart noch:

Das ist der SOXX, Halbleiter-ETF von Ishares. Seine Tagesstäbchen zeigen mir, wie die Chipaktien laufen. Als Linie und Maßstab ist dazu wieder der S+P 500 eingeblendet.

Im Februar verloren die Chipkurse ihr Mojo, sie sind Momentum-getrieben. Nun aber sind die Chipwerte wieder da. In ausgesuchten Sektoren funktioniert die Momentumstrategie weiterhin und wieder, ich muss nur genau hinschauen.

Das Szenario ist offensichtlich. Interessant sind Hausbau- und Hausausstattungswerte, Technologie, besonders Chips. Die US-Wirtschaft schiebt weiter hoch. Auch für den hiesigen DAX, von Überseeinvestoren dominiert, sind das gute Bedingungen. - Meine Analyse "Lage & Szenarien" immer schon einen Tag früher, also am Sonntag, im Emailpostfach haben: trage hier deine Emailadresse ein.