Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 28.3.2021

Ein oft übersehener Sektor bietet jetzt Chancen

Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen. So lautet ein gern zitierter Satz von Mark Twain. - Stimmt der Satz überhaupt?

Bestimmt stimmt er.

Aber nicht in jedem Fall. Bei der Börsenbetrachtung können Twains geflügelte Worte auf Abwege führen. In der Illustration oben sind zwei Linien zu sehen.

Beide Chartlinien starten links am selben Ausgangspunkt. Die untere Linie endet rechts ( = Handelsschluss Freitag) wieder auf der Höhe des Ausgangspunkts. Die andere Linie endet rechts 180 Gewinnprozent höher.

Wie wahrscheinlich ist es, dass die untere Linie ab morgen ähnlich schön zu steigen beginnt wie die 180-Prozentlinie? Sowie: Wie wahrscheinlich ist, dass die 180-Prozentlinie ihren Drive verlieren wird und ab morgen auf dem erreichten Niveau seitwärts laufen wird?

Beides ist möglich. Darum ist die Zukunft so schwierig zu prognostizieren — Twain hat recht.

Aber wahrscheinlicher ist, dass die Trends sich fortsetzen: Die steigende Linie steigt seit 2015, sie wird weiter steigen, die seitwärts laufende Linie wird seitwärts laufen. So gesehen führt Twains griffiger Spruch Aktieninvestoren in die Irre.

An der Börse spielen Prognosen eine Rolle. Aber es ist nicht die Hauptrolle. Die Hauptrolle spielen Wahrscheinlichkeiten.

Prognosen haben sich Wahrscheinlichkeiten unterzuordnen.

Der Chart weist auf Wahrscheinlichkeiten hin, darauf basieren dann die Prognosen. Auch Unwahrscheinliches kann Realität werden, dann reagierte ich als Anleger, kassierte Prognosen, kratzte mich am Kopf, justierte die Wahrscheinlichkeiten; brauche ich längere Zeit, um sie neu zu kalkulieren, dann trete ich zur Seite: Auch diese Möglichkeit steht mir als Anleger offen, ich muss nicht investieren.

All das mag theoretisch klingen. Wir sind aber nahe an der Praxis, mehr noch, wir stecken bis zu den Stiefelschäften darin. Das Chartbild oben vergleicht die Entwicklung deutscher Aktien mit amerikanischen Aktien aus einem bestimmten Anlagesektor. Um Vergleichbarkeit herzustellen, sind beide Indices in Dollar gerechnet, wir sehen, wie sich die Entwicklung aus Sicht eines amerikanischen Anlegers darstellt. Amerikanische Investoren dürften am deutschen Markt sowieso die Mehrheit haben.

Die untere Linie zeichnet den Kursverlauf des Ishares Germany ETF, Kürzel EWG, das ist ein Aktienkorb führender deutscher Aktienunternehmen, er bildet grob gesprochen den DAX nach, Details und genaue Zusammensetzung hier.

Für die obere Linie habe ich einen ungewöhnlicheren Sektor genommen, der aktuell besonders interessant ist, zentral für eine Volkswirtschaft ist er sowieso, der Home Construction ETF, Kürzel ITB, Details hier. Der ITB enthält die großen US-amerikanischen Hausbau- und Hausausstattungswerte.

Die Erkenntnis aus der unteren Linie: Deutschland kommt nicht vom Fleck. Stillstand seit 2014. Der Pandemie-bedingte Absturz im Frühjahr 2020 führte bisher auch nur zur gedachten Ausgangslinie zurück. Der Befund verlockt den Betrachter, über Ursachen zu sprechen, Ratschläge zu geben, wie das Land es besser machen könnte. Als Anleger liegen solche intellektuellen Streckübungen außerhalb meines Aufgabenbereichs. Es reicht zu registrieren und Schlüsse für die eigenen Anlagen zu ziehen.

Die Erkenntnis aus der oberen Linie: Im nordamerikanischen Hausbausektor läuft es besser. Früher hätte man neidisch über den Atlantik geguckt, eine eigene Beteiligung an dem Boom wäre aufwändig und teuer gewesen; heute ist sie einen Smartphonewisch entfernt. Auch in der Hausbauchartlinie ist der Pandemieeinbruch im Frühjahr 2020 markant. Aus dem Tief jedoch schießt Home Construction hinauf und zwar höher als je zuvor. Während der deutsche Index in derselben Zeit mühsam gerade wieder die Nulllinie erreicht.

Wo hätte man investieren sollen in den vergangenen Jahren? Die Antwort ist im Grunde: in den US-Haussektor. Obwohl es, genauer betrachtet, ein bisschen komplizierter ist. Es gab im Sektor auch Abwärtsphasen, denen man besser aus dem Weg gegangen wäre.

Aber in großen Zeitabschnitten wäre es der richtige Sektor gewesen. Nun könnte man denken, dass dies eine nette Rückbetrachtung ist. Was man hätte tun sollen … Aber nun scheint es reichlich spät für eine Investition zu sein.

Um das zu entscheiden schalte ich von der Wochenansicht auf die Tagesansicht um, zoome näher heran.

Auf dem Chart sind dieselben Indices zu sehen, oben der House Construction ITB, unten der DAX-Verschnitt EWG. Oben habe ich auf eine Stäbchendarstellung gewechselt. Jedes Stäbchen ist ein Tag. Ausgangspunkt der Darstellung ist der Jahresanfang 2021. Beide Indices starten wiederum bei Null und erneut entwickelt sich der amerikanische Hausbausektor spektakulär besser, 20 Prozent Gewinn gegenüber 3 Prozent bei den deutschen Werten.

Schaue ich mir die letzten beiden Handelstage an, also Donnerstag und Freitag (25.+26.3.2021), dann sehe ich bei deutschen Aktien eine zaghafte Erholung nach einer schwierigen Woche; die US-Hausbauer jedoch reißt es förmlich nach oben: an einem Freitag, da die Anleger ins Wochenende gehen, Samstag und Sonntag auf Ereignisse nicht reagieren können. So sieht Optimismus aus.

Falls der sich als falsch herausstellt, da Prognosen, gerade wenn sie die Zukunft betreffen, schwierig sind: Dann greift das Risikomanagement des Investors, er wird seine Wahrscheinlichkeitsannahmen, seine Szenarien neu ausrichten (...) Weiterlesen: Zum Risikomanagement, zur aktuellen Lage am Aktienmarkt schreibe ich als Privatanleger für Privatanleger immer sonntags die Email "Lage & Szenarien".