Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 21.3.2021

Auto-Aktien: Ein schlafender Riese erwacht

Elon Musk hat eine Menge richtig gemacht, eine träge gewordene Branche aufgemischt. — Statt auf den gesamten Aktienmarkt zu schauen, konzentriere ich mich heute auf den Autosektor. Dort wird es gerade spannend.

Jene von Elon Musk aufgemischten Branchenburschen, die im Verlaufe von Erfolgsjahrzehnten steifbeinig geworden waren, sie rappeln sich gerade auf, schütteln den Staub aus Hosen und Hirnen.

Ich betrachte ausführlich VW, knapp dann Daimler, Ford, General Motors. — Expertenmeinungen zu Volkswagen gibt es so viele wie Bundestrainer bei einer Weltmeisterschaft. Ich referiere nur die süffigsten:

  • In der Führungsetage von VW sind Gewerkschaften und das Land Niedersachsen zu mächtig, der Tanker bekommt einen Kurswechsel nur mit jahrelanger Verspätung hin. Und jahrelange Verspätung bedeutet den Untergang: Tesla, Toyota und die schnell entwickelnden Chinesen wären längst enteilt, wären in der Elektrotechnologie uneinholbar. Deutscher Industrie ist das mehrmals passiert, z.B. in der Kamera- und der Solarzellenbranche.
  • Autos sind künftig rollende Computer. VW kann Blech, aber keine Software.
  • VWs jahrzehntelanges Verbrennermotorenwissen wird zügig wertlos. Elektromotoren sind einfacher zu bauen, zudem billiger in China.

So kann man weiter machen, und es lassen sich viele Argumente gegen Volkswagen sammeln. — Ich schaue auf den Chart. In ihm sind alle bekannten VW-Informationen verarbeitet, alle derzeitigen Meinungen fein säuberlich in Euros umgerechnet. Der Chart notiert einen steigenden Kurs.

Spannend, der Markt kennt die Argumente gegen Volkswagen, aber er ordnet sie anders ein, nämlich neuerdings nachrangig: Investoren haben einen größeren Drang, sich an Volkswagen zu beteiligen, als ihre Beteiligungen loszuwerden. Offensichtlich erwarten sie Stand heute, dass der Konzern seine Zukunft meistern wird, der Tanker den Kursschwenk hinbekommt.

Nun kann ich weiter dagegen argumentieren, schärfer formulieren, davon erzählen, dass Firmenchef Herbert Diess gegen Beharrungskräfte, Gewerkschaftsbosse, niedersächsische Landespolitiker nicht ankommen wird. Als Investor ist es jedoch kaum meine Aufgabe, mit dem Markt zu diskutieren. Er hat sowieso recht und einträglicher ist es für mich, ihn zu beobachten und ihm zu folgen.

Zu sehen ist im Bild oben immer der gleiche Chart, aber meine Einzeichnungen in den Kursverlauf wechseln dreimal. Der Kurs der Volkswagen Vorzugsaktien ist im Chart täglich notiert, jedes Stäbchen bedeutet einen Tag. Die Stammaktien beachte ich nicht, sie sind ein anderes Thema. Der letzte dargestellte Tag ist der vergangene Freitag (19.3.2021), die Darstellung nimmt den Anfang der Coronakrise im Aktienmarkt März/April letzten Jahres zum Ausgangspunkt.

Zuerst ist zu sehen: ein langer Pfeil von links nach rechts. Er verdeutlicht den immer stärkeren Anstieg der VW-Aktie. Zuletzt geht der Anstieg in die Senkrechte. Oh je, ist es nun zu spät für den Einstieg? — Dazu unten mehr.

Als Zweites ist zu sehen: parallele Doppelstriche. Sie verdeutlichen mir eine Tendenz. Ich kann zusehen, wie sich die Marktteilnehmer eine neue Meinung zu VW bilden. Das ist etwas, das nur ein Chart leisten kann: die Visualisierung von Marktmeinungen. Monatelang dümpelt der Kurs seitwärts, dann fängt er an, langsam zu steigen und zwar auf charakteristische Art; indem er hochschnellt, in den folgenden Tagen aber wieder abbröckelt. Beim ersten Mal bis zum Ausgangspunkt, beim zweiten Mal bröselt es nicht ganz so weit ab, beim dritten Mal zuerst stärker, erholt sich fast bis zum Ausgangspunkt des Schubs, beim vierten Mal/Schub kommt der Kurs gar nicht mehr zurück, sondern gewinnt sogar dazu usw. Die parallelen Linien verdeutlichen die Charakteränderung, zuerst verlaufen sie nach unten, dann waagerecht, dann eher steigend. Interpretation: Die Käufer wollen ihre Papiere kaum noch hergeben, nur noch zu höheren Preisen, sie sind immer überzeugter von VW. Bis zur finalen Phase, in welcher der Kurs endgültig hochschießt.

Als Drittes ist zu sehen: Wie Pfeile von mir sechs Volumenspitzen markieren. Die Stäbchen am Chartboden sind die Handelsmengen der Aktie für den jeweiligen Tag. Auffällig ist, dass das Handelsvolumen ausschlägt, wenn der Kurs ansteigt, danach fällt das Volumen zurück. Der Vorgang wiederholt sich mehrmals, das Volumen geht immer wieder zurück, aber der Kurs nicht mehr. Interpretation: Das Angebot wird knapper, die Aktienbesitzer wollen auch zu höheren Kursen nicht verkaufen und die Folge ist, dass der Kurs ansteigt.

Der Kurs scheint jetzt in der Übertreibungsphase zu sein, Gerüchte befeuern die Anlegerfantasie, VW könnte mit Apple kooperieren … Der Kurs wird Luft ablassen. Die Perspektive wird allerdings eine andere, wenn ich auf den Wochenchart umschalte. So sieht er aus:

2015 erreicht der Kurs bereits ähnliche Höhen. Der Chart weiß nichts über die Zukunft von VW und damit nichts über künftige Kurse. Aber er zeigt mir die Einschätzung der Käufer, er zeigt mir einen Trend, er zeigt mir, wie Käufer mit steigenden und nachgebenden Kursen in den letzten Wochen umgegangen sind. Sie billigen Volkswagen eine positive Zukunft zu. — Weite ich meinen Blick auf andere Automobilaktien, dann sehe ich ähnliche Trends.

Daimler aus Deutschland, der perfekte Chart sieht so aus, von links unten nach rechts oben wie mit dem Lineal gezogen:

General Motors, der wiedererwachte Automobilriese aus den USA:

Ford aus den USA:

Zuerst wurde Elon Musk verlacht, man hielt ihn für einen Aufschneider. Dann zeigte er mit Tesla, wie Elektromobilität funktioniert und wie man Kunden dafür begeistert. Die alteingesessenen Autohersteller schauten herab auf Tesla, glaubten allenfalls halbherzig an den E-Antrieb — Tesla zog ihnen davon, nicht nur in der Börsenbewertung. Doch nun scheinen die alten Giganten erwacht zu sein, sie erkennen an, das die Politik die E-Mobilität durchsetzen will und Großteile der Autokäufer wohl folgen werden; also wollen die Giganten umsteuern, in der Elektromobilität nachziehen, Kompetenz aufholen.

Zuerst glaubten die Anleger kaum, dass die alten Autohersteller eine solche Wende schaffen würden. Nun aber, die Kurse zeigen es, setzen immer mehr Anleger auf die alteingesessenen Großfirmen. Größe kann Vorteile haben, wenn ein solcher Koloss in Schwung kommt, seine Masse und Macht einsetzt. Das ist die Lage. Mein Szenario:

Der Trend wird sich fortsetzen. Solange Marktteilnehmer Aufholpotential sehen. Solange Elektromobilität von der Politik gefördert und von Autokäufern und Steuerzahlern akzeptiert wird. Solange Physik und Chemie für die neue Antriebsform sprechen.

Das Geld wird seinen Weg in den Aktienmarkt finden. Entweder direkt, Unterstützungsempfänger haben in sozialen Medien bereits angekündigt, welche Aktien sie kaufen wollen. Oder indirekt, über den scheckangekurbelten Konsum. — Jeden Sonntag schreibe ich "Lage & Szenarien" als Vorbereitung für die kommende Börsenwoche und verschicke die Analyse hier über meinen privaten Emailverteiler.