Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 14.3.2021

Der Blick zu den Sternen

Ich sehe rote Sonnen, gelbe Sonnen. Kühle kleine Monde. Der Chart oben ist ein Blick in den Sternenhimmel der Börse. Darin schwirren Millionen herum. Ziehen ihre Bahnen, ballen sich, zerstreuen sich.

Es ist eine Zeitrafferaufnahme der letzten Handelstage. Die Aufzeichnung verfolgt ungefähr im Stundenschritt das Entstehen von Vermögen. Besser noch: Sie zeigt, wie sie gemacht werden.

Dazu lehne ich mich im Sessel zurück, kneife die Augen leicht zusammen und lassen den Sieben-Sekunden-Film durchlaufen, immer wieder. Er hat etwas Psychedelisches, tanzende Punkte, klare Farben vor dunklem Hintergrund.

Die Versuchsanordnung: Berücksichtigt sind alle Unternehmen, die zwei Bedingungen erfüllen,

  • sie sind im marktbreiten US-Index S+P 500 gelistet
  • sie eröffnen den Handelstag mit einem Gap-up (Kurssprung nach oben) gegenüber dem Schlusskurs des Vortages um 2 bis 2,5 Prozent.
  • Hintergrund der zweiten Bedingung ist, dass der Chart sonst unübersichtlich wird. Hinzu kommt meine Annahme, dass Unternehmen, die mit einem Gap, einem Hochreißen des Kurses, in den Tag gehen, etwas richtig machen und auf gesteigertes Anlegerinteresse stoßen.

Die x-Achse (links nach rechts) zeigt Kursgewinne und -verluste. Die y-Achse (unten nach oben) zeigt die Anlagesektoren. Jeder Kreis ist ein Aktienunternehmen. Die Größe der Kreise zeigt das Handelsvolumen, die Farbe der Kreise ihre Sektorzugehörigkeit.

Okay, die Erläuterung der Versuchsanordnung war dröge. Bevor ich mich aber auf den psychedelischen Trip begebe, wollte ich mir selbst versichern, dass er zumindest auf solidem Fundament gründet. Die Chartbilder stellt Finviz.com zur Verfügung. Ich darf sie mit freundlicher Genehmigung verwenden. Finviz nennt die Chartform „Blasenchart”, sie hat einen Vorteil gegenüber Linien- oder Stäbchencharts. Dank ihrer ungewöhnlichen Darstellungsart transportieren Blasencharts gegenüber normalen Charts das im vorigen Abschnitt genannte mehr an Information, verzichten allerdings auf konkrete Dollarkurswerte. Die Informationsfülle verändert sich, wenn ich die Charts übereinander lege und durchflippe. Auf zum Trip:

Die Sterne tanzen, verändern ihre Größe. Zunächst erscheint das zusammenhanglos. Wenn ich mich eingesehen haben, erkenne ich Bahnen, Ballungen, Brüche.

Muster und Musterbrüche.

Die Herausforderung bei der Einschätzung von Aktienchancen ist, Andeutungen von Mustern in einem solchen Sternendurcheinander zu erkennen oder überhaupt erst anzuerkennen, dass es solche Muster geben kann.

Sodann: Sich an vermeintlich erkannte Muster nicht zu klammern, sondern jederzeit bereit zu sein, dass manches eben

  • kein Muster, sondern Zufall ist
  • gerade in ein anderes Muster übergeht
  • gerade noch Muster war, jetzt schon abbricht.

Schaue ich genau hin, dann sehe ich einen solchen Abbruch in dem Kurzfilm. Da ist ein Handelstagwechsel und am nächsten Tag hat der Markt einen anderen Charakter, es eröffneten weniger Werte mit einem Gap, die Sektoren wechselten abrupt. In einem größeren Zusammenhang, auf anderer Zeitebene, kann der abrupte Wechsel sich eventuell als neues Muster entpuppen.

Der ein oder andere mag nun sagen: Frank, du hast gerade 400 Worte auf eine nette, aber weitschweifige Einleitung verwendet, nun komm auf den Punkt, die Lage und die Szenarien.

Meine Entgegnung: Das ist der Punkt; das Anerkennen der Möglichkeit von Mustern und die Suche nach ihnen kann ein zentrales Element bei der Markteinschätzung sein. Genau das Element, welches einen kleinen Vorteil bringt gegenüber anderen Marktteilnehmern. Eine Ableitung der Mustererkennung ins Marktkonkrete ist folgender Chart zum Beispiel:

Er dokumentiert den zeitlichen Verlauf des Verhältnisses zweier Indices zueinander, des Dow Jones Industrial zum Nasdaq 100. Jedes Stäbchen stellt einen Handelstag dar, Dow und Nasdaq werden durcheinander geteilt, es entsteht ein synthetischer Chart. Der Chart reicht bis zum Handelsschluss vom Freitag (12.3.), letztes Stäbchen rechts. Während der altehrwürdige Dow vor allem mit traditionellen US-Aktienwerten bestückt ist, versammelt der Nasdaq die 100 größten US-Aktienunternehmen; er ist moderner, technologielastiger aufgestellt.

Über Google, Apple, Amazon usw. wird viel berichtet, neue Technik und Produktmöglichkeiten begeistern. In Pandemiezeiten ist alles angesagt, was in Zusammenhang mit Onlineaktivitäten zu bringen ist. Aber wie ich am vergangenen Sonntag schrieb, schieben sich für mich als Anleger die alten Sektoren in den Vordergrund. Sie machen keine Nachrichten, aber sie machen Depotgewinne. Während die Apples und Amazons und die vielen kleinen Onlinebuden schwächeln. Das Muster, die Umkehrkurve, habe ich mit einer eingezeichneten blaufarbigen Linie im Chart verdeutlicht. Links der Kurve markiert die Stäbchenfolge, kommend aus dem Jahr 2020, ins neue Jahr hinein den fortgesetzten Abstieg des Dow im Verhältnis zu den Nasdaq-Werten. Es ist die Zeit der großen Kursgewinne von Big Tech. Immer mehr Anleger springen auf, die Kurse der Big Tech-Werte steigen atemberaubend. Anfang Februar folgt eine Phase der Stagnation, Dow und Nasdaq ringen miteinander um die Vorherrschaft. Der Dow gewinnt und sein Aufstieg beginnt.

Die Frage ist, ob sich der Aufstieg fortsetzt. Jederzeit kann ein Trend abbrechen, ein Muster in ein anderes morphen.

Allerdings: Institutionelle Anleger haben im Markt unvorstellbare Summen umzuschichten, falls sie zu Teilen heraus aus den modernen Werten wollen, um der letztwöchigen Marktperformance im Dow nicht länger nur hinterherzusehen. Derartige Umschichtungen bei Großanlegern sind von einem auf den anderen Tag schwerlich möglich, ohne die Kurse für sich selbst nachteilig zu beeinflussen. Deswegen werden solche Operationen zeitlich gestreckt.

Aber wollen Großanleger überhaupt umschichten, schließlich liegt die Zukunft weiterhin bei Big Tech?

Es ist egal, was sie wollen, die Manager institutionellen Anlagekapitals.

Entscheidend ist, was sie müssen.

Sie müssen Erträge liefern. Sie dürfen nicht schlechter sein als ihr Vergleichsmarkt. Sonst werden Boni verpasst, wackeln womöglich Jobs, bestbezahlte Fondsmanager sind nicht festgeschnallt in ihren Sesseln. In den Teppichetagen der Banktürme arbeiten hochqualifizierte Menschen, sie haben natürlich Gefühle wie jeder andere, sie haben Ängste, sind Getriebene. Sie werden also umschichten, wenn der Trend weiterläuft und gerade das kann den Trend verlängern.

Privatanleger haben es einfacher als Fondsmanager. Zügig können sie auf einen erkannten Trend aufsatteln, ihre Kleinkäufe oder -verkäufe beeinflussen die Kurse nicht. Bricht der Trend, stellt sich ein Szenario als falsch heraus (das ist möglich!), können sie schnell reagieren, zur Seite springen.

Sie habe es aber auch schwerer. Manchmal „glauben” sie an die Aktien, die sie besitzen. Erst recht, wenn diese einige Zeit gut gelaufen sind. Die Geschäftsmodelle der Unternehmen funktionieren doch weiterhin. Warum nur holpern ihre Kurse gerade? Kopfkratzen, Zögern …

Soweit zur Psychologie und zum aktuellen Börsenumfeld, wie es sich mir als Privatanleger darstellt. - Es kommt noch ein Nachschlag, ausgegeben vom amerikanischen Präsidenten persönlich. Es ist schon der dritte Nachschlag, die dritte Aussendung von Schecks an US-Bürger, um sie in der Pandemie finanziell zu unterstützen und die Wirtschaft anzukurbeln.

Eine vierköpfige Familie bekommt 5.600 Dollar. In der zweiten Unterstützungsrunde haben sie bereits 2.400 Dollar erhalten, in der ersten Runde 3.400 Dollar. Die genauen Summen, Voraussetzungen lassen sich hier nachschauen und ausrechnen.

Das Geld wird seinen Weg in den Aktienmarkt finden. Entweder direkt, Unterstützungsempfänger haben in sozialen Medien bereits angekündigt, welche Aktien sie kaufen wollen. Oder indirekt, über den scheckangekurbelten Konsum. Die Lage (...) - Weiterlesen als Email: Jeden Sonntag schreibe ich "Lage & Szenarien" als Vorbereitung für die kommende Börsenwoche und verschicke die Analyse über meinen privaten Emailverteiler.