Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 28.2.2021

Der Markt kann länger falsch liegen, als man selbst recht hat

Zwei Nachrichten vom Wochenende, es sind gute Nachrichten:

Nach einer nervenzerrenden Börsenwoche sind das genau die News, die wir brauchen.

Moment.

Die Sache ist vielschichtiger. Zumindest für mich als Privatanleger, der sich über die Lage am Aktienmarkt in der kommenden Woche klar zu werden versucht, um daraus ein Anlageszenario zu entwickeln.

Was bedeuten die zwei Nachrichten und all die nächsten und neuesten und allerneuneuesten News für mich als Privatanleger wirklich?

Wenig bedeuten sie.

Zunächst sind Nachrichten in den meisten Fällen Unterhaltung, also Popcorn, schnell wegzusnacken und leicht zu verdauen. Sie bringen ein gutes Gefühl.

Das ist nett; wer hat nicht gern gute Gefühle. Allerdings sind Kosten für das Gefühlstuning zu entrichten. Zunächst kostet es mich Zeit, die Nachrichten aufzunehmen. Dann kostet es meine Energie, sie zu verarbeiten, also einzuordnen.

Als Anleger haben die Nachrichten für mich in den meisten Fällen nur einen kleinen Nutzen. Auch die Trillionen/Billionen-Biden-Nachricht, auch die Impfnachricht. Denn diese für uns Menschen und unser Zusammenleben eventuell wichtigen Nachrichten, sie sagen mir für meine Anlagen nicht:

  • ob es am Markt am Montag mit den Kursen hoch oder runtergehen wird
  • ob die Kurse meiner Depotpositionen am Ende der Woche höher oder tiefer als am letzten Freitag schließen werden.

Es ist gut, die Neuigkeiten zur Kenntnis zu nehmen, es ist Hintergrundwissen, aber das war es auch: Für mich als Anleger steht im Augenblick etwas anderes im Zentrum, nämlich wie mein Depot die Abgaben des Marktes in der vergangenen Woche überstanden hat.

In meiner Mail am letzten Sonntag habe ich geschrieben,

„Ich bin erfolgreicher, wenn ich re-agiere statt zu agieren.”

Ich schloss mit den Worten:

„… sondern mir den weiteren Verlauf anschauen und erst reagieren, wenn die Situation es erfordert. Reagieren statt Agieren.”

Mein Szenario war am Sonntag anders, als sich die Woche dann entwickelte.

Das zentrale Wort in dem letzten Satz ist: „entwickelte”.

Reagieren und Entwickeln sind zentrale Elemente meiner Anlagestrategie.

Es gibt andere Vorgehensweisen. Bei denen wird prognostiziert und gewusst. Man glaubt und will recht behalten mit seinem Glauben.

Das kann erfolgreich sein. Das kann auch teuer werden. Falls es daneben geht mit dem Prognostizieren, man trotzdem glaubt und - vor allem - recht behalten will. Der Markt kann länger falsch liegen, als man selbst recht hat. Recht zu haben glaubt.

Der Montag (22.2.) schloss schlechter als der Freitag der Vorwoche (19.2.). Am Dienstag kam bei Börsenöffnung in New York zum ersten Mal nach langer Zeit eine Ahnung davon in den Markt, was Panik bedeuten kann. Erholung am Mittwoch, Abverkauf Donnerstag, tiefer noch am Freitag.

Das ist die Telegrammfassung der letzten Börsenwoche, und sie zeigt, es blieb genügend Zeit, es bleibt immer genügend Zeit, um zu reagieren, um im Einklang mit meinem oben beschriebenen Anlagestil zu bleiben.

Das Szenario ist falsch? Es bleibt Zeit zur Korrektur. Wenn ich nicht recht behalten will, sondern reagiere.

Ich schaue dazu nicht auf die großen Indices, deswegen illustriere ich den Text heute nicht mit einem Index-Chart. Ich schaue in das Depot. Die Einzelwerte machen es aus, sie machen den Gewinn oder den Verlust.

Mit ihnen erklimme ich die Höhen und akzeptiere, da ich nach oben dabei bin, dass ich auch mit hinunter genommen werde.

Der Aufstieg ist anstrengend und dauert länger, das ist am Berg so wie am Markt. Der Abstieg passiert schnell. Aber am Markt nicht so schnell, dass ich nicht reagieren könnte. Es muss nur entschlossen sein.

Die Psychologie dahinter: Beim Aufstieg lässt der Markt immer Anleger zurück, die nicht daran glaubten, dass es weiter hoch geht. Ihre Prognose ist falsch, dennoch wollen sie recht behalten. Sie schauen den Kursen hinterher und die Schmerzen werden größer, welche die entgangenen Gewinne verursachen.

Da kommt der Markt zurück … Die Prognostiker und Rechthaber sehen ihre Chance und steigen ein, endlich sind sie mit von der Partie und freuen sich auf den Wiederanstieg.

Der folgt auch. Weil sie gekauft haben, das stützt die Kurse, aber so richtig geht es nicht mehr voran. Ein Top bildet sich und schwupps, da keine weiteren Käufer auf dem Niveau da sind, sacken die Kurse weg.

Auf dem tieferen Niveau finden sich neue Zuspätgekommene, die sich einkaufen, die Kurse einen Moment zum Halten bringen. Diejenigen, die länger dabei sind und das Top erkennen, drücken ihnen ihre Aktien gern in die Hand, wollen ihnen sogar mehr Aktien abgeben, als die Zuspätkommer kaufen: Wieder geht es ein Stück abwärts.

Zuspätkommer, Schnäppchenjäger erleben also schnell Verluste, probieren es vielleicht noch mal … neue Verluste … sie verlieren Vertrauen, greifen nicht mehr zu, was den Kursverfall verstärkt, da zunehmend Käufer fehlen.

Das ist alles nicht besonders kompliziert, es ist eher Küchenpsychologie als Raketenwissenschaft und meine Reaktion als Anleger auf den Mechanismus ist auch eher rustikaler Natur.

Ich hole die Schere heraus und schneide meine Verluste ab, das heißt ich verkaufe. Ich brauche doch auf dem Weg nach unten nicht dabei zu sein. Die Aktie mag noch so schön sein, ich mag an sie glauben, es gibt gute Argumente für das Geschäftsmodell, die Zukunft, die Prognose usw.

Alles richtig. Aber gerade geht es runter. Ich werde nicht sehenden Auges Verluste anhäufen. Ich verkaufe, behalte defensive Positionen, stoße spekulativere Werte ab. Es ist kein Liebesentzug, nur eine geschäftliche Transaktion. Jederzeit kann ich zurückkaufen. Zumal die Ordergebühren heutzutage geringer sind als je zuvor.

Es gilt, Verluste zu begrenzen, den Depotstand möglichst weit oben zu halten.

Der Nebeneffekt: Cash sammelt sich an, verwendbar im Wiederanstieg.

Die Lage. Offensichtlich angeschlagen. Die Anleger haben Vertrauen verloren, siehe oben. Zinsängste werden herumgereicht: Rohstoffe, Minenkonzerne, Banken wären die Gewinner, zu den Verlierern am Aktienmarkt gehörten die bisherigen Anlegerlieblinge, Tech- und Onlinehändler. Auf Immobilienunternehmen kämen schwere Zeiten zu.

Das Szenario. Stabile Seitenlage. Ihr Wesen ist, dass sie eine Notsituation pariert, die Zukunft aber offen ist. Die ärztliche Kunstfertigkeit kann retten oder das Leben sich verabschieden.

Solange der Patient Markt in der Seitenlage verharrt, verharre ich auch. Ich bin kein Arzt, ich bin Beobachter des Marktes. Wenn der Markt sich substantiell bewegt, dann reagiere ich. Vorher nicht.

Zur Vorbereitung auf die Börsenwoche schreibe ich regelmäßig sonntags "Lage & Szenarien" und verschicke es über meinen privaten Emailverteiler - hier.