Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 21.2.2020

Reagieren statt Agieren

Um am Aktienmarkt erfolgreich zu sein, muss ein Anleger aktiv sein und agieren.

Das glauben viele und das kann funktionieren.

Ich bin erfolgreicher, wenn ich re-agiere statt zu agieren.

Zunächst mag sich das befremdlich anhören. Man denkt, am Aktienmarkt zählt das ständige gut-informiert-Sein und die Schnelligkeit, das proaktive Handeln, das Vorwegnehmen.

Es geht auch anders, habe ich festgestellt. Zunächst schaue ich mir die aktuelle Lage an, daraus leite ich ein für mich wahrscheinliches Szenario ab ... dann agiere ich nicht, sondern reagiere, je nachdem ob sich das Szenario als richtig oder falsch erweist. - Hier ist die Lage, wie ich sie mir mit Hilfe von vier Charts verdeutliche.

Chart 1  (synthetischer Chart, Bitcoin/S+P500) - Nach einer kurzen, heftigen Korrektur steigt der Kurs des Bitcoins auf ungeahnte Höhen. Dem Bitcoin steht anders als dem Gold kein materielles Gut gegenüber. Zwar kann man auch Gold nicht essen oder sich heineinsetzen und damit herumfahren, aber zumindest kann man Gold in der Hand halten oder sich damit schmücken; Bitcoin ist pure Konstruktion, ein Produkt menschlichen Geistes, nur in ihm existent, reine Spekulation. Das kann ich gut oder schlecht finden, das ist hier unerheblich. Für die Beurteilung der Lage steuert der Bitcoin ein wertvolles Element bei, der hochschießende Bitcoinkurs zeigt an, dass viel aggressives, mutiges Geld unterwegs ist auf der Suche nach Rendite. Das hilft auch dem Aktienmarkt.

Chart 2 - Der Holzpreis steigt auf unerwartete Höhen und ein Ende es Anstiegs ist nicht abzusehen. Das zeigt der Chart US-Holzfutures/Goldpreis. Der Chart, wie auch die anderen Charts, ist ein sogenannter synthetischer Chart. Solcher Chart entsteht, wenn zwei Indices durcheinander dividiert werden. Synthetische Charts verdeutlichen oft Trends. Jedes Stäbchen im Bild stellt einen Tag dar. - Aus Holz werden Häuser gebaut. Der Holzpreis ist auch für den Aktienmarkt ein Indikator. Ein Stimmungsindikator, Optimisten bauen Häuser. Sie wollen eine Behausung für ihre und ihrer Familien Zukunft. Oder sie rechnen mit Mietern in der Zukunft. Der Holzpreis ist auch ein Marktindikator; alle Aktien, die mit dem Hausbau zusammenhängen, können in der Folge profitieren.

Chart 3 - Der US-Aktienmarkt ist der Maßstab für die Weltwirtschaft. Deswegen muss er aktuell aber nicht am besten von allen Märkten laufen. Das zeigt der Vergleich des US-Marktes mit einem Aktienindex „Emerging Markets”, also ein Vergleich mit den Schwellenländern. Seit September geht es in dem entsprechenden synthetischen Chart (VWO/SPY) nach oben, das heißt die Emerging Markets performen besser als die USA.

Chart 4 - Seit Oktober laufen die kleineren Aktienunternehmen den US-Schwergewichten den Rang ab. Zu sehen ist das im Chart IWM/SPY, also Klein-/Großunternehmen. Im Oktober kamen die ersten Meldungen über erfolgversprechende Impfstoffe. Als wenn ein Hebel umgelegt worden wäre, entwickeln sich seitdem die kleineren Aktienunternehmen besser. Es ist ein Stockpicker-Markt, Käufer haben Vertrauen und engagieren sich in risikoreicheren, kleineren Werten, die größere Chancen versprechen. - Im Chart zu sehen ist auch das Schwächeln der Kleinen am Mittwoch und Donnerstag der vergangenen Woche, das sind von rechts aus gesehen das zweite und dritte Stäbchen im Bild. Auf den schwachen Donnerstag folgt das erstaunliche freitägliche Comeback.

Szenario. Für einen unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch des Marktes spricht der letzte Chart nicht, sprechen sämtliche Charts nicht.

Die Kurse kamen Mittwoch und Donnerstag letzter Woche zurück. Exakt da hatten die Pessimisten ihre Chance, ließen sie aber ungenutzt; am Freitag stiegen die Kurse wieder, ohne im Durchschnitt die alten Höhen zu erreichen. Das kann bedeuten, dass sich gerade ein Top bildet … Aber da mir der Blick in die Zukunft verwehrt ist … es statt eines Tops genauso gut die Basis sein kann, von der aus es abermals höher geht … werde ich nicht vorschnell abspringen. Sozusagen aus Angst vor dem Tode. Sondern mir den weiteren Verlauf anschauen und erst reagieren, wenn die Situation es erfordert. Reagieren statt Agieren. Damit habe ich meist mehr Erfolg.

Zur Vorbereitung auf die Börsenwoche schreibe ich regelmäßig sonntags "Lage & Szenarien" und verschicke es über meinen privaten Emailverteiler - hier.