Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 7.2.2020

Die Hexenküche des Reichtums

Das Geheimnis vom Wohlstand. Für mich als Privatanleger. Es liegt in der Geschichte der Finanzmärkte. Kenne ich ihre Geschichte, kann ich Lehren ziehen.

Denn manche Dinge ändern sich nie. Viel mehr Dinge aber wiederholen sich nie.

Es ist meine Aufgabe als Anleger, die Dinge zu unterscheiden.

Das versuche ich. Jede Woche muss ich es wieder und neu versuchen.

Die Lage am Aktienmarkt: gut.
Das Szenario: aufwärts.
So lange, bis es nicht länger aufwärts geht.

Der letzte Satz hört sich merkwürdig an, ein wenig frech. Er ist ernst gemeint, und ich betrachte ihn für mich als Handelsanweisung. Als Anleger akzeptiere ich, was der Markt macht. Schließlich kann ich ihn mit meinen paar Kröten nicht beeinflussen. Nervenschonender ist es daher, ich passe mich ihm an. Wenn es am morgigen Montag abwärts ginge, werde ich - wie wir alle - eine Augenbraue hochziehen. Solange es aber nicht dauerhaft abwärts geht, bleibe ich investiert, da ich mich in dem Szenario „aufwärts” bewege. Aus Gründen, die zu tun haben mit meiner Aufgabe als Anleger, die Dinge zu unterscheiden: Dinge, die sich wiederholen von denen, die sich nicht wiederholen.

Die steigenden Ausgaben unseres Staates habe ich immer für bedenklich gehalten. Doch womöglich liege ich mittlerweile falsch mit meinen Bedenken. Da ich zwar Lehren aus unserer Geschichte gezogen habe. Aus der Geschichte der Zeit zwischen den Weltkriegen, aus der Wiederaufbauzeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber diese Zeiten sind vorbei. Das deutsche Parlament hat zentrale Rechte an Institutionen der EU abgegeben. Es ist eine neue Zeit, sie hat neue Bedingungen. Womöglich ist es logisch und ökonomisch folgerichtig, sich der Ausgabepraxis der Mehrheit der EU-Staaten anzuschließen. Da es kaum Sinn macht zu sparen und auf das eigenstaatliche Schuldenmachen zu verzichten, wenn andere EU-Staaten das Ersparte ausgeben.

Da sich die Umstände geändert haben, könnte die bisherige Lehre, die ich aus unserer Geschichte destilliert habe, jetzt die falsche sein. Denn manche Dinge ändern sich nie. Viel mehr Dinge aber wiederholen sich nie.

Ähnlich ist es am Aktienmarkt. Die Kurse sind der Realwirtschaft enteilt. Weit enteilt. Sie führen ein Eigenleben, haben sich abgekoppelt und früher oder später wird der Kurshochbau zusammenbrechen. Das ist die Lehre aus der Geschichte. Eine Lehre aus der Geschichte. Nur: Die Umstände haben sich geändert. Nie zuvor, wirklich im Wortsinne, nie zuvor haben Staaten so viel Geld in die Hand genommen, um die Wirtschaft in einer Krise zu stützen. Da wird schon das nächste Hilfspaket geschnürt, 1.9 Trillionen Dollar (US-Zählung). Die Zahl ist so groß, ich weiß aus dem Stegreif nicht, wie viele Nullen sie hat.

Politikpersonal und Notenbanken reagieren auf solche Art, mit derart viel frischem Geld, weil sie ihre Lehren aus der Geschichte gezogen haben. Daher mein Szenario für den Aktienmarkt: aufwärts. Schließlich wird das Geld seinen Weg auch an die Kapitalmärkte finden, die Kurse treiben.

Zu oft gaben Staaten in Krisen zu wenig Geld in den Wirtschaftskreislauf. Oder gar kein zusätzliches Geld, da das Instrument entweder nicht zur Verfügung stand. Oder es zwar zur Verfügung stand, man es aber nicht kannte. Ob das für die heutige Pandemie-Situation die richtige Lehre ist, die jetzt gezogen wurde? Oder eine falsche, da sich Umstände gegenüber früheren Krisenlagen geändert haben … wir werden es erst hinterher wissen. Was mir aber klar ist, ich werde auf den Anstieg der Börsenkurse nicht so reagieren, wie es vermeintlich richtig wäre, wenn ich die Lehren aus vergangenen Börsentagen und Finanzkrisen und Marktblasen beherzigte.

Denn viel mehr Dinge wiederholen sich nie.

Die Staaten reagieren anders, und mir als Privatanleger stehen andere Instrumente zur Verfügung als vor zehn oder zwanzig Jahren. Die Bedingungen haben sich geändert. Das herausragende Instrument ist der selbstbediente Verkaufsknopf auf der Tastatur oder der Verkaufswisch auf dem Gorilla-Glas. Die Kosten einer Order sind heute so gering, dass sie kein Hinderungsgrund für eine schnelle Reaktion auf Marktveränderungen sind.

Oft zeige ich in Lage & Szenarien Indexcharts, um mir über die Situation auf den Finanzmärkten klar zu werden. Am heutigen Sonntag mache ich etwas anderes. Ich schaue in die Hexenküche des Reichtums.

Die wohlhabenden Bürger von heute: Die Mehrzahl von ihnen war vorgestern nicht wohlhabend, ist aber gestern wohlhabend geworden. Es wäre doch praktisch, heute das Gestern von morgen zu sehen? Um live mitzuerleben, wie und womit die wohlhabenden Bürger von morgen heute ihren Wohlstand erarbeiten: Willkommen in der Hexenküche des Reichtums. Wo die Vermögen von morgen gemacht werden. Wo ich unterhalb der Ebene der großen Indices sehe, dass der Aktienmarkt unter Dampf steht.

Hexendampf. Ich kann mich daran verbrühen. In der Hexenküche geht es heiß her. Schnell sind die Bewegungen, nach oben und nach unten. Groß sind die Volumina, ist die Gier und die Angst. Gucken, analysieren, nicht kaufen. Hier sind die Charts:

Porch Group, Market Cap, US-Zählung, 1.6 Billionen. Hausverwaltungssoftware. Plus 10 Prozent am Freitag. Das Handelsvolumen wird durch die Stäbchen am Chartboden dargestellt. Jedes Stäbchen repräsentiert im Chart einen Tag. Rechts das letzte Stäbchen ist vom Freitag. Das Volumen ist stark gestiegen bei gleichzeitig steigenden Kursen. Das bedeutet, die Anleger haben großes Interesse, sich Porch ins Depot zu legen.

Extreme Networks — extreme Performance. Netzwerkausrüster, Market Cap, US-Zählung, 1.13 Billionen. Das „E” im Kreis bedeutet „Earnings”. Die waren gut und danach ging es weiter nach oben. Kunden glücklich, Aktionäre glücklich.

Himax, Halbleiterhersteller aus Taiwan mit Market Cap, US-Zählung, 2.16 Billionen. Earnings und ab die Post mit hohem Handelsvolumen.

Solange es solche Charts gibt, und es gibt viele davon, ist der Markt in guter Verfassung. Wir schauen in die Dampfküche des Kapitalismus’. Die Aktienunternehmen stellen Produkte her, bieten Dienste an, welche Kunden haben wollen. Die Unternehmer, die Arbeiter schaffen Wohlstand. Die genannten Aktienunternehmen sind keine kleinen Klitschen, wiewohl sie in Deutschland der Mehrzahl der Anleger unbekannt sind.

Natürlich können gefragte Produkte von heute die Ladenhüter von morgen sein, die Charts sind keine Kaufempfehlungen, sondern Illustrationen, die zeigen, wie es aktuell am Markt zugeht. Die großen Indices decken das in manchen Handelslagen zu. Unter der Decke, wo echte Produkte und echtes Geld gemacht werden aus Wissen und Schweiß, aus Gier und Angst, da ist es heiß.

Zur Vorbereitung auf die Börsenwoche schreibe ich regelmäßig sonntags "Lage & Szenarien" und verschicke es vorab über meinen privaten Emailverteiler - hier entlang bitte.