Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 2.2.2021

Chancen in der Pandemie

Vorweg drei Mosaiksteine zu GameStop, Shortsqueeze, Markterschütterungen — also zu den bestimmenden Finanzmarktnachrichten der letzten Tage. Bis auf die Titelseiten der Tageszeitungen und ihrer Onlineausgaben haben die Ereignisse es geschafft, Analysten schrieben dazu kluge Gedanken, Politiker formulierten erwartbare Gedanken. Meine drei Mosaiksteine:

  • Die zentrale Frage ist: War es legal oder illegal, was passierte? Waren es geheime Absprachen, die getätigt wurden, dann wäre es illegal. Oder war es Meinungsaustausch gewesen, waren es Diskussionen gewesen, sind es weiterhin Diskussionen? Dann wäre es legal. Börsenanleger haben in offenen Foren (”reddit”) über die GameStopp-Aktie und andere Aktien diskutiert, Meinungen getauscht, sich angefeuert. Entscheidend dürfte sein, dass es offen passierte, nicht geheim. — Diskussionen über den Markt, über Aktien finden überall statt. Es könnte schwierig sein, Diskussionen in bestimmten offenen Ecken des Internets für illegal zu erklären.
  • Vielleicht wird es Verlierer bei der Sache geben. Das wären dann wir alle. In der politischen Arena in Europa wie in Übersee wird die Transaktionssteuer als Heilmittel ins Spiel gebracht. Sie soll den Handel entschleunigen. Ich sehe eine ebenso geschickte wie bewährte Technik des Politikbetriebs: Übergangen wird von den Forderern der Steuer, ob das Problem, welches mit der neuen Steuer geheilt werden soll, überhaupt vorhanden, und wenn vorhanden, Ursache für die Turbulenzen war. Sicher wäre nur eins: Mit einer Transaktionssteuer verteuerte sich die Aktienanlage und bereits versteuertes Geld der Privatanleger würde vom Staat erneut versteuert und im allgemeinen Steuertopf verschwinden. Einen Teil der Steuer würde der Staat ausgeben für die aufzubauende Transaktionssteuerverwaltung.
  • Es wird Gewinner geben. Das werden die Suits sein, die Anzugträger an der Wallstreet. Das merkte man schon gestern und wird es heute merken. Die Finanzmanager passen sich an; die Kleinanleger, welche Squeeze-Hypes nachjagen oder hochgejazzte Positionen halten, drohen zum Spielball der Profis mit den tiefen Taschen zu werden.

Das sind meine drei Steinchen. Das Mosaik mit vielen anderen wichtigen Steinen - auch das gestrige NZZ-Interview mit dem Broker Thomas Peterffy gehört dazu - werden kluge Analysten in Buchform publizieren; hier aber geht es nun zur aktuellen Lage:

Sie ist bullish, also nach oben gerichtet. — Es folgt ein „Aber”, und das hat mit meiner Mosaikeinleitung zu tun. Das Anlegervertrauen hat in den vergangenen Handelstagen einen Schlag bekommen. Sowohl das Vertrauen der Profis wie das der Privatanleger. Ab sofort sind sie ängstlich, hören das Gras wachsen. Keine Meldung ist in den nächsten Tagen zu kraus, um nicht als Entschuldigung dienen zu können, dass man jetzt doch den Verkaufsknopf drücken muss, um Gewinne zu sichern.

Fiktive Verkaufsauslösebeispiele. Bomber über Taiwan. Ein Broker wackelt. Powell knickt sich den Fuß um. Biden nuschelt auf einmal.

Vieles könnte die Anleger verschrecken, die Kurse sacken lassen. Die ruhige Zeit an der Börse ist vorbei, es wird holprig; aber letztlich werden die Kurse am Ende des Jahres höher stehen, da die Pandemie Schäden anrichtet, Tod und Leid bringt. Aber sie vernichtet keine Produktionsanlagen, wie ein Krieg es täte. Alles steht noch da, alles wartet auf das Ende der Pandemie. Nur die Börsianer nicht, sie brauchen nicht mal das Ende der Pandemie, sie brauchen nur die Aussicht, den Glauben an das kommende Ende der Pandemie. Um sich Anteile an den Produktionsmitteln zu kaufen, sich also Aktien ins Depot zu legen. Geld ist genug da. Über immer neue „Programme” und „Hilfen” lassen die Notenbanken frisch geschaffenes Geld in das System fließen.

So ist mein momentanes Szenario und die Aufgabe für mich als engagiertem Privatanleger ist von daher, Aktienanlagen herauszufiltern, welche die Chance auf eine höheren Kursgewinn als der Marktdurchschnitt haben. Beim börsennotierten Unternehmen Jumia spielen alle genannten aktuellen Themen eine Rolle: turbulentes Marktumfeld, billiges Notenbankgeld auf Anlagesuche, intakte Produktionsanlagen, Pandemiezeiten. Am wichtigsten aber: Jumia hat einen interessanten Kursverlauf. Das Unternehmen beschäftigt rund 4000 Mitarbeiter und ist an der New York Stock Exchange notiert, es arbeitet daran, so etwas wie das Amazon Afrikas zu werden.

Der Jumia-Chart oben zeigt einen steilen Kursanstieg seit Oktober. Jede Kurskerze stellt einen Tag dar. Zusätzlich habe ich am Chartboden in grün und rot Volumenbalken eingeblendet. Sie dokumentieren, wie viele Jumia-Aktien am jeweiligen Tag gehandelt worden sind. Grüne Balken geben an, dass der Kurs an dem Tag bei Börsenschluss höher lag als zur Eröffnung. Meine Beobachtungen:

Im Oktober entdecken die Anleger Jumia, das Volumen springt an, ebenso der Kurs. Logisch: Nachfrage hat steigende Preise zur Folge. Für den eher kurzfristig orientierten Anleger ist nun der Kursverlauf seit Jahresbeginn 2021 spannend. Ich habe dort drei Bögen eingezeichnet, dort fand der Kurs im Rückgang jeweils Halt und stieg danach immer wieder sprunghaft an. Gleichzeitig schnellt das Volumen hoch, ich habe das mit drei Pfeilen markiert. Es fließt also frisches Geld in die Aktie, treibt den Kurs, der dann verschnauft, um danach erneut anzusteigen.

So muss es nicht weitergehen, Jumia ist jung und volatil.

Jedoch ist die Kursentwicklung der letzten Tage bemerkenswert. Trotz des vorherigen kräftigen Anstiegs, trotz der Turbulenzen rund um GameStop, Shortsqueeze usw. verlor der Jumia-Kurs wenig, gewann gestern schon wieder dazu. Das Papier ist „heiß”, Anleger glauben - im Augenblick - an die Jumia-Idee, sie passt in Pandemie-Zeiten, sie passt zu der Erzählung von Afrika als jungem Kontinent mit Zukunft.

Zur Vorbereitung auf die Börsenwoche schreibe ich regelmäßig sonntags "Lage & Szenarien" und verschicke es vorab über meinen privaten Emailverteiler - hier entlang bitte.