Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 24.1.2021

Die Blase an den Märkten: So reagiere ich

Wir laufen in eine Übertreibung.
Ohne Zweifel.
Das ist eine Blase.
Womöglich kommt jetzt der Crash.

Stopp. Schluss damit.

Bitte zurücklehnen. Gehirn wieder hervorholen. Einschalten. Nie wieder ausschalten, zumindest als Investor nicht. Es von niemandem (außer dem einen da oben) ausschalten lassen, schon gar nicht von einem Crash-Vorhersager.

Was ist gerade passiert, da ich vom Crash erzählte:

Das löste Reflexe aus der Steinzeit aus. Das Kleinhirn übersetzte das neumodische Buchstabenzeugs in den Alarmruf eines Neandertalers: „Bär im Gebüsch!” — „Rette sich wer kann”, brauchte der Zottelmann gar nicht mehr hinzusetzen, alle waren schon am Weglaufen.

Denn das Leben war bereits damals digital. Radikaler digital als heute.

Leben oder Sterben.

Wer leben wollte, der lief. Erst laufen, dann denken. Denken konnte den Tod bedeuten, es kostete Zeit.

Der Reflex wird von jedem Crash-Propheten, jedem Blasen-Vorhersager ausgelöst, ob er will oder nicht. Meistens will er. Gelesen werden.

Der Mechanismus funktioniert zuverlässig. Du liest.

An der Börse aber ist es falsch, dem Reflex nachzugeben.

Seitdem ich Geld an der Börse anlege, ist immer Blase gewesen. Ist der Crash immer für nächste Woche vorhergesagt worden. Irgendwann hatten die Propheten recht. Zwei Mal in den über tausend Wochen, die ich Börse bewusst miterlebt habe. Hätte ich in den anderen, crashlosen Wochen jedesmal dem Reflex nachgegeben und wäre weggelaufen, hätte ich die Kursaufschwünge verpasst, an welchen andere Anleger sich erfreuten.

An der Börse geht es nicht um Leben und Tod. Wenn ich Geld verliere, ist das schmerzhaft, aber ich lebe weiter. Um an der Börse im Wettbewerb mit anderen intelligenten Marktteilnehmern und Computeralgorithmen zu bestehen, blockiere ich Überlebensstrategien, die in der Steinzeit funktioniert haben, nun bei Börsengewinnbestrebungen jedoch hinderlich werden.

Statt digital reagiere ich graduell und benutze Verstand statt Reflexe. Schaue ich mir mit Verstand oben den kleinen Film an, um die Lage an den Märkten zu beurteilen, dann sehe ich … Moment, erst mal gucken, mehrmals in Ruhe gucken und wirken lassen …

Dann sehe ich den Kursverlauf des DAX in einer Stäbchen- oder Kerzendarstellung. Jedes Stäbchen stellt eine Woche dar. Der DAX vereinigt traditionelle Großunternehmen Deutschlands in einem Index, so dass ich schnell einen Überblick erhalte, wie der Zustand der Wirtschaft nach Meinung der Anleger ist. Dabei hat der DAX eine Besonderheit, die seine Darstellung schönt; er ist ein Performance-Index, die ausgeschütteten Dividenden werden jeweils den Kursen hinzugerechnet, während sie bei anderen Indices, zum Beispiel beim marktbreiten US-Index S+P 500, nicht hinzugerechnet werden. Es existiert eine weniger bekannte Unterart des DAX, der Kursindex-DAX, welcher ohne Dividenden berechnet wird, was ihn besser vergleichbar macht.

Ich habe den Kursindex-DAX verwendet. Ihn vergleiche ich mit dem amerikanischen S+P 500, der im Chart als Linie dargestellt ist.

Die Bilderfolge startet in der größten Zeitebene, zu sehen sind die Kursverläufe vom April 2020 bis zum letzten Freitag, 22.1.2021. Im April begann der Wiederanstieg der Kurse aus dem Corona-Tal heraus. In den nächsten Bildern zoome ich weiter zurück, der beobachtete Zeitraum wird immer ausgreifender, bis ich schließlich bei dem Zeitraum „2000 bis letzten Freitag” angelangt bin. Mein Suchauftrag: Finde die Blase. Um den Crash vorherzusagen.

Das Ergebnis der Suche nehme ich gleich vorweg: Ich habe die Blase nicht gefunden, aber etwas anderes und damit ein Szenario.

Am Chartausgangspunkt auf der linken Seite starten DAX und S+P immer am gleichen Punkt, dann entwickeln sie sich auseinander. In jedem Bild demonstrieren die Linien, welcher Index sich in der jeweils betrachteten Zeitebene besser entwickelt hat. Seit April schlägt sich der DAX wacker gegenüber dem S+P, fast Gleichschritt. Über die Gründe für den parallelen Wiederaufstieg lässt sich viel sagen, vermuten, meinen. Aber da ist schon das nächste Bild, zeigt mit dem Start im Februar 2021 die Vor-Corona-Zeit, der S+P performt besser als der DAX, wenn ich in dieser Zeitebene schaue. Im nächsten Bild, in allen nächsten Bildern wird der Abstand zwischen DAX und S+P immer kräftiger, der DAX kommt kaum vom Fleck, der S+P steigt und steigt.

Das lädt zu Erklärungsversuchen ein, zum Verhaken in Argumentationen über Koinzidenzen, Korrelationen, Kausalitäten, zu interessanten Einzelbeobachtungen, etwa über den Gleichlauf der Indices 2008 bis 2011 oder den Anflug einer DAX-Überperformance im Jahr 2007 — aber darum geht es jetzt nicht. Wo ist die Blase und wo ist der Crash-Ankündiger?

Auf kurzer Zeitebene ist wie gesagt ein Gleichlauf zu beobachten. Entweder pumpen beide, also deutsche und amerikanische Börsen die Blase auf oder keiner von beiden. In größerem Zeitraum betrachtet, scheinen eher die Amerikaner die Blase aufzupusten. Aber wie kann das sein, wenn eben noch ein Gleichlauf zu sehen war. Offensichtlich kommt es auf den Betrachtungsstandort an, alles ist veränderlich und interpretierbar. Kurz:

Ich kann die Blase mit Bestimmtheit nicht ausmachen. Vielleicht steht sie im Chart vor mir, aber sicher identifizieren kann ich sie nicht. Was der Vergleich DAX/S+P mir aber unzweifelhaft zeigt:

  • Der DAX läuft schlechter. Sein Kurs dokumentiert zwanzigjährige Stagnation. Über Gründe wäre zu sprechen. Auch darüber, was das über Zukunftsperspektiven aussagt.
  • Der Ami-Index läuft besser. Auch hier lässt sich über Gründe spekulieren und jedem Investor fällt vieles dazu ein.
  • Auf kurzer Zeitebene ist optisch keine Übertreibung nachzuweisen, DAX und S+P sind im Gleichlauf. Bei weiteren Zeitraumbetrachtungen wird der Anstieg der USA immer steiler.

Aber warum? Es ist meine Entscheidung als Investor, den US-Anstieg für übertrieben zu halten, den DAX für einen Nachholkandidaten zu halten. Oder die US-Wirtschaft für zukunftsorientiert und überlegen und ihre Bewertungen für gerechtfertigt einzuschätzen, Deutschland dagegen als kranken Mann des alten Kontinents zu klassifizieren. Das Szenario, welches aus den Beobachtungen folgt, ist ebenso eindeutig wie für mein Steinzeitgehirn unbequem: Ich kann nicht entscheiden, ob da ein Bär im Gebüsch ist. Ich weiß nicht, ob da eine Blase ist. Das immerhin kann ich mit Bestimmtheit sagen und weiß damit mehr als Crash-Propheten: Es ist schlicht nicht mit Sicherheit zu entscheiden, ob ein Kursabsturz hinter der nächsten Ecke lauert.

Genau deswegen darf mein Reflex nicht auslösen: weglaufen. Denn es geht nicht um Leben und Tod. Es geht um Investieren und Verstand. Statt digital reagiere ich graduell. Hält sich der Markt, akzeptiere ich es und bin engagiert. Bröckeln die Kurse, nehme ich meine Investitionen zurück, Stück für Stück. Fällt der Markt auf breiter Front, verkaufe ich stärker.

Grundsätzlich aber bin ich investiert. Von Crash-Vorhersagen und Blasenbefürchtungen lasse ich mich möglichst wenig beeinflussen. Stattdessen sind die Kurse meine Nachrichten, sie beeinflussen meine Handlungen.

Zur Vorbereitung auf die Börsenwoche schreibe ich regelmäßig sonntags "Lage & Szenarien" und verschicke es vorab über meinen privaten Emailverteiler - hier entlang bitte.