Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 17.1.2021

Zwei überraschende Chartlinien: Aktienchancen und Kursrisiken zum Wochenbeginn

Am Freitag ging es mit den Kursen abwärts: an der Wallstreet in New York und damit, natürlich, auch beim deutschen DAX.

In den USA bleiben die Börsen am morgigen Montag (18.1.) geschlossen wegen eines Feiertags, dem Martin Luther King Day. Anleger sicherten am Freitag Gewinne, was zu Abgaben führte. In der kommenden Woche werden Unternehmen Quartalsergebnisse veröffentlichen. Überraschende Ergebnisse führen zu überraschenden Kursveränderungen bei betroffenen Aktien. Weitere Nervosität in den Markt bringt in der ersten Wochenhälfte die für Mittwoch geplante Amtsvereidigung von President-elect Joe Biden: New Warnings of Violence as Security Tightens for Inauguration schreibt die New York Times. Der Markt, also die Anleger, welche den Markt machen, können die Kursrückgänge vom Freitag, einzelne schlechte Quartalsergebnisse, die Unsicherheiten rund um Bidens Amtseinführung zum Anlass nehmen, Aktienpositionen auch in den nächsten Tagen zurückzuschrauben.

Das ist die Lage, das sind die Tagesaufregungen. Trete ich einen Schritt zurück, um mir ein Bild von der mittelfristigen Situation zu machen, und nehme ich dazu die Entwicklung des marktbreiten US-Index’ S+P 500 zur Hilfe, so sehe ich diese Entwicklung:

Ganz links ist der Tiefpunkt des Coronaeinbruchs vom März letzten Jahres zu erkennen. Seitdem geht es bergauf. Vielleicht ist eine minimale Abschwächung der Dynamik zu sehen; ich könnte interpretieren, wir münden in ein neues Normal, Wirtschaft und Verbraucher gewöhnen sich an Stimuluspakete, Staatshilfen, und es benötigte stärkere Finanzdrogen, um die Märkte erneut hochzureißen. Oder zu brechen.

Die Chancen auf Gewinne liegen für Privatanleger woanders. Hier:

Zwei Chartlinien habe ich übereinander gelegt, damit sie besser vergleichbar sind. Die Linie aus Stäbchen zeigen den marktbreiten S+P 500, jedes Stäbchen bildet einen Tag ab. Wieder ist der Einbruch vom März zu sehen und die Erholung.

Die glatte Linie folgt der Kursentwicklung des IWM, eines ETF, der den Russell 2000-Index nachbildet. Der Russell bündelt die Kursentwicklung nordamerikanischer kleinerer Aktienunternehmen. Das Chartbild illustriert, wie sich kleinere Aktienfirmen im Vergleich zu großen Unternehmen geschlagen haben.

In der Coronakrise ging es für Groß und Klein steil bergab. Die Kleinen litten mehr, was nachvollziehbar ist, in der Krise sucht der Anleger Halt bei größeren, bekannteren Unternehmen. Sie dürften eher überleben, notfalls mit Staatshilfen.

Vom Tiefpunkt aus, ich habe im Bild einen Pfeil gesetzt, stiegen die Kurse der Großunternehmen schneller als die Kurse kleinerer Firmen. Wir erinnern uns, es war die Stunde von Big Tech. In der ersten Zeit des social distancing boten Apple, Microsoft, Amazon, Facebook usw. perfekte Lösungen und profitierten.

Ab November holte der Russell auf, schnitt schließlich in der Wertentwicklung den S+P (zweiter Pfeil) und ließ ihn hinter sich. Über die Gründe kann man spekulieren. Auslöser für das Aufholen mag die Pfizer/Biontech-Meldung über einen Corona-Impfstoff gewesen sein, bald folgten auch Erfolgsmeldungen von konkurrierenden Impfstoffentwicklern. Und/oder die Idee „Big Tech hat die richtigen Lösungen für die Coronakrise” hat sich nach Ansicht der Anleger erschöpft, sie ist ausreichend eingepreist. Wichtiger als das Ergründen der Vergangenheit ist für Anleger, welche die Gewinner der Zukunft suchen:

Der Trend setzt sich fort. Er verstärkt sich seit Anfang des neuen Jahres. Ich habe im dritten Chartbild (unten) die Kurse von S+P und Russell herangezoomt. Zu sehen ist der Zeitraum vom Anfang des Dezembers bis zum letzten Freitag. Der S+P steigt sanft, der Russell schießt nach dem Jahreswechsel hoch.

Ich muss mir die Gründe dafür nicht bis zum Letzten erklären. Je mehr ich über Gründe grübele, je näher ich an das Chartbild herantrete, je unschärfer könnte es werden. Ich akzeptiere den groben Trend: Kleinere Aktienunternehmen erscheinen Anlegern in Übersee zur Zeit als vielversprechender als größere Unternehmen. Das ist das Szenario.

Es ist gut zu handeln, da im Zusammenspiel von Szenario und Lage sich auch die Regeln ergeben. — Am Freitag kamen die Kurse von kleineren Unternehmen im Durchschnitt stärker zurück als die von Großunternehmen. Noch bedeutet das wenig, ich habe zu Anfang über mögliche Gründe für die Schwäche geschrieben. Nach dem langen Aufwärtsmarkt werden Schnäppchenjäger sich nicht schnell Angst einjagen lassen, sie werden in den nächsten Tagen nach günstigen Angeboten schnappen und damit die Kurse stützen. Das wäre die Basis für einen weiteren Aufstieg.

Bekommen die Jäger aber Angst, da sie zu oft nach vermeintlich günstigen Aktien geschnappt haben, die anschließend doch "noch billiger" wurden, dann bildet sich ein Top in den Kursen. Das Top sehe ich in den Charts und werde konsequent vorsichtiger werden. Das System reguliert sich selbst. Emotionen, Feinde rationaler Entscheidungen, bleiben außen vor.

Zur Vorbereitung auf die Börsenwoche schreibe ich regelmäßig sonntags "Lage & Szenarien" und verschicke es vorab über meinen privaten Emailverteiler - hier entlang bitte.