Ansichten eines Aktienanlegers

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Lage & Szenarien vom 10.1.2021

Warum ich optimistisch für den Aktienmarkt bin

Die Hamptons auf Long Island.

Weitläufige Strände, weitläufige Vorgärten, weitläufige Kreditlinien.

Hierhin ziehen sich diejenigen zurück, die es geschafft haben. Auf der New York vorgelagerten Insel ist die Dichte an urlaubenden Brokern & Bankern erhöht.

Man feierte Weihnachten, man machte Strandspaziergänge, man freute sich an Familie und Enkeln. Auch auf die Börse wurde geschaut, das eine oder andere quicke Geschäft getätigt, schließlich ist man nicht aus der Welt, immer online.

Nun aber, ab morgen, da die zweite volle Woche des Jahres beginnt, geht es zurück in die City. Also: In den Anzug geschlüpft (ohne Schlips natürlich, up to date), Maske auf und hinein in die Besprechung. Die Aktienkurse sind vorgelaufen; für die Kunden wurde einiges verpasst, auch wenn man persönlich durchaus von der schnellen Truppe war. Im Kreise der Partner, Kollegen, Händler wird diskutiert … es führt kein Weg daran vorbei, das Engagement am Markt muss verstärkt werden.

Daraus folgt: Anschlusskäufe sind wahrscheinlich, auch nach der letzten, fantastischen Woche. Die Folge einer solchen Käufernachrage? Natürlich, die Kurse steigen. —

Hübsch erzählt, Frank.

Ich habe mich fast selbst überzeugt. Aber natürlich, mangels Gottstatus, kann ich nicht in die Köpfe der Reichen und Schönen schauen, erst recht nicht, wenn ein Atlantik und 6000 Kilometer zwischen mir und den Krösusköpfen liegen. Aber ich muss auch nicht hineingucken, ich brauche nur um die Ecke schauen, nach Frankfurt und dort aufs (virtuelle) Parkett, da ist die kursharte Wahrheit zu sehen. Drei Beispiele:

Siemens Energy ist eine Abspaltung aus dem Siemens-Konzern, erst seit September letzten Jahres an der Börse, hatte dort zunächst Schwierigkeiten, nun aber geht es aufwärts. Siemens Energy beschäftigt sich mit Energietechnik. Das ist ein Thema mit großer Vergangenheit und noch größerer Zukunft; die Menschheit wächst, Energieerzeugung und -beherrschung war für Menschen immer substantiell. In der Steinzeit überlebenswichtig (Feuer), im Industriezeitalter wachstumswichtig (Dampfmaschine), im iPhone- und künftigen iCar-Zeitalter ist das Thema zentraler, um nicht zu sagen brennender denn je (Akkus/Management). Der Chart dokumentiert die Anfangsschwierigkeiten des Unternehmens, dann den geradezu furchterregenden Raktenstart. Einer Rakete nachspringen sollte man nicht, die ist weg. Aber: Offensichtlich macht Siemens Energy etwas richtig, offensichtlich befriedigt das Unternehmen einen dringenden Bedarf auf gute Weise. Schaue ich mir die Plateauphase vor dem Raketenstart an, dann sehe ich, wie der Kurs dort schon hoch wollte, wie er ungeduldig ruckelte, bevor die Triebwerke zündeten. - Nun gilt es abzuwarten, bis der Schub nachlässt, die Aktie ein neues Plateau findet. Dann werde ich mich engagieren. - Die meiste Zeit warte ich als Investor, womöglich ist das die vornehmste, die schwierigste Aufgabe: Sich die richtigen Kandidaten fürs Depot auf die Watchlist zu legen, geduldig auf die richtige Gelegenheit zu warten und dann zuzugreifen.

Jungheinrich ist ein deutscher Logistikausrüster. Details lassen sich auf Wikipedia oder der Unternehmensseite nachlesen. Jungheinrichs Aussichten: glänzend. Natürlich wissen das Börsianer, im allgemeinen schlaue Leute, und das spiegelt sich im Kurs. Spricht das gegen das Unternehmen? Nein. Sondern dafür. Spricht das gegen die Aktie? Nein. Solange man keine überzogenen Kursgewinnerwartungen hat. Der Markt preist Erwartungen für die nächsten rund 18 Monate ein. Weitere Voraussagen fallen ihm schwer. Ist der eigene Zeithorizont bei einer Aktieninvestition länger und traut man dem Unternehmen zu, weiterhin gut geführt in einem zukunftsträchtigen Markt zu sein, dann ist hier Potential. Im Chart habe ich unter den Kursverlauf einen Pfeil eingezeichnet. Für mich ist wahrscheinlicher, dass das Unternehmen die Richtung fortsetzt, als dass es ins Trudeln gerät.

Vom Ausrüster zum Anwender: Die Deutsche Post funktioniert. Bei der Paketzustellung wie auf dem Börsenparkett. Bereits im letzten Jahr von mir vorgestellt, zeigt der Post-Chart nun eine interessante Struktur. Der gebogene Pfeil deutet die Richtung der Tageskerzen an, die Ausschläge nach unten werden geringer, der Kurs schleicht sich hinauf. Aber da oben, an der gepunkteten Linie, ist noch ein Deckel drauf, da geht es nicht drüber. Irgendeine gute Nachricht, der Kommentar eines US-Analysten ... der Anlagenotstand, das viele Geld, welches investiert werden muss, besorgt den Rest: Der Deckel fliegt weg. Umgekehrt gilt natürlich, erscheint eine schlechte Nachricht, erhält die Aktie einen Schlag. Aktienmarktengagement bedeutet, bereit zu sein, Risiken einzugehen und Wahrscheinlichkeiten zu kalkulieren.

Die drei Werte sind im DAX/MDAX/SDAX notiert und die dazugehörige Börse sitzt in Frankfurt. Jedoch, das meiste Geld, das in deutschen Indices bewegt wird, stammt aus Übersee. Insofern kann ich DAX & Co als Anhängsel begreifen der New Yorker Börse. Alles hängt mit allem zusammen; die reichen Finanzstrombeweger, die morgen in ihre City-Büros zurückkehren und Entscheidungen fällen. Sie beeinflussen die Kurse in New York und die wiederum haben Auswirkungen auf die (Nachmittags-)Kurse in Frankfurt. Die Lage sehe ich positiv, bei Einzelaktien wie beim Gesamtmarkt, das Szenario ist aufwärts gerichtet.

Kommt es jedoch anders, so bin ich nicht überrascht.

Nach Möglichkeit sollte man als Börseninvestor nie überrascht sein.

Egal, wie eingängig ich mir am Wochenende bei Kaffee und Tastatur die Lage ausgemalt und das Szenario danach gezeichnet habe. Es ist nur eine Zeichnung. Ist sie verzeichnet, da ich die Lage falsch sah, radiere ich die Zeichnung weg, drücke also den Verkaufsknopf. An der Börse geht es nicht darum, recht zu haben. Sondern darum, Verluste zu vermeiden. Um Gewinne zu machen. Die dümmsten, da am leichtesten zu vermeidenden Verluste, sind jene, die ich mir aufgrund eigener Starrköpfigkeit zufüge.

Eilige Leser können hier abbrechen.

Wesentliches, zumindest Wesentliches, was mir einfällt: zur Börse und zur morgen beginnenden Woche, ist gesagt. Mehr kommt nicht mehr. — Das große Bild, welches ich in den restlichen Absätzen skizziere, das bringt keine Timing-Vorteile für die nächsten Tage. Es ist nur der Versuch einer groben Standortbestimmung, damit ich zumindest ahne, in welcher Landschaft ich als Privatinvestor im noch recht neuen, unverschrammten 2021 stehe.

Der ein oder andere kennt das Bild bereits vom letzten Sonntag. Es ist so gut, ich bringe es noch mal. Der Peak am Chartrand ist eindrücklich.

Der Chart zeigt die Sparquote des durchschnittlichen Amerikaners über die vergangenen 10 Jahre hinweg. Die Datenquelle ist das U.S. Bureau of Economic Analysis.

Die Sparquote steigt in der Corona-Zeit steil an, auf ein im Vergleichszeitraum nie erreichtes Niveau, das ist der große Ausschlag rechts im Chartbild. Den konsumfreudigen Amerikanern werden im Moment viele Möglichkeiten vorenthalten, ihr Geld auszugeben. Die Sparkonten werden druckbetankt, Kartenschulden rekordmäßig getilgt, nun laufen die Massenimpfungen an ...

Es wird noch spannender. Betrachte ich die Chart-Nachrichten vom U.S. Bureau of Economic Analysis, einer staatlichen Organisation, die Berichte und Statistiken herausgibt:

So sehe ich einen markanten Ausschlag im April 2020. Der Chart zeigt das Monatseinkommen des Durchschnittsamerikaners. Es steigt im April 2020. Wobei … "steigen" ist eine Untertreibung. Es explodiert geradezu, bleibt auf hohem Niveau.

Woher kommt das viele Geld?

Es wurde elektronisch vom Staat hergestellt, unter anderem als Schecks an die Bürger verschickt. Ob das nun genial oder dämlich ist, ob das Paradies eswegen bevorsteht oder „das System” deswegen untergehen wird — ich weiß es nicht. Tatsache bleibt, dass die Amerikaner das Geld derzeit kaum verkonsumieren können. Malls, Flughäfen, Restaurants, Fitnessstudios sind wegen Corona nicht angesagt.

Zwei sogenannte Stimuluspakete stimulierten die US-Amerikaner in den letzten neun Monaten. President-elect Joe Biden kündigt das nächste Package an, Trillionen Dollar schwer ( = deutsche Billionen). Berücksichtigt man die Inflation, so wurde in den vergangenen neun Monaten bereits so viel Geld in das System gepumpt, wie Nordamerika während der vier Jahre der Teilnahme am Zweiten Weltkrieg ausgegeben hat.

Erstaunlich. Unvorstellbar.

Aber wenn ich es mir doch vorstelle … was werden die Auswirkungen sein?

Zur Vorbereitung auf die Börsenwoche schreibe ich regelmäßig sonntags "Lage & Szenarien" und verschicke es vorab über meinen privaten Emailverteiler - hier klicken.