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Lage & Szenarien vom 6.1.2021

Trends 2021: Sechs Chartbilder vermitteln Einsichten

Charts können Vergangenheit. Ich aber brauche die Zukunft. Als Material, wenn ich ein Zukunftsmodell bauen möchten, haben ich leider nur, was die Vergangenheit bereithält.

Der Chart zeigt die Sparquote des durchschnittlichen Amerikaners über die vergangenen 10 Jahre hinweg. Die Datenquelle ist das U.S. Bureau of Economic Analysis.

Ich sehe, wie die Sparquote in der Corona-Krise steil ansteigt. Auf ein im Vergleichszeitraum nie erreichtes Niveau. Das bedeutet: US-Amerikaner, Angehörige einer der konsumfreudigsten Nationen der Erde, haben viel erspartes Geld. Möglichkeiten, es auszugeben, haben sie gerade wenige. Die Massenimpfungen laufen. Funktionieren die Impfungen, werden die Konsumbeschränkungen in den nächsten Monaten schrittweise aufgehoben werden.

Shopping-Malls öffnen, ebenso Restaurants und Kinos, Discotheken, Konzerte, Tourismusmöglichkeiten.

Geöffnete Geschäfte treffen auf konsumwillige Kunden mit gefüllten Portemonnaies. Für mich hat es eine hoche Wahrscheinlichkeit, dass wir vor einer Phase starken Wirtschaftswachstums stehen. Falls es keine weiteren Überraschungen gibt. An der Börse wird die Zukunft vorweggenommen, zumindest versuchen sich die Händler darin. Sie sehen den kommenden Boom — oder glauben, ihn zu sehen. Was für die Kursentwicklung zunächst das gleiche bedeutete: Es geht nach oben. So lange noch genügend Geld an der Seitenlinie bereit liegt, welches aufgrund der niedrigen Zinsen bzw. Negativzinsen investiert werden muss.

Alle folgenden Charts zeigen ebenfalls den Zeitraum der letzten zehn Jahre an, die Währung ist der Dollar. 

Der Chart verfolgt anhand von Indiceverhältnissen (SPY/ACWX), wie sich der nordamerikanische Aktienmarkt gegenüber dem Weltaktienmarkt (ohne USA) entwickelt hat. Die US-Aktien laufen stetig besser als die Aktien der restlichen Wirtschaftswelt. Im September 2020 ist dann der Höhepunkt erreicht. Seitdem holt die restliche Welt im Verhältnis zum US-Markt auf. Ich habe den September mit einem Pfeil markiert. Sowie zwei parallele Linien eingezeichnet. Zwischen ihnen pendelt das Verhältnis USA/andere Aktienmärkten zur Zeit.

Die USA outperformen die Emerging Markets, das belegt der obige Chart SPY/VWO. In der zweiten Jahreshälfte 2020 erlahmt die Outperformance. Ich habe das mit einer gebogenen Linie eingezeichnet.

Hochinteressant ist der Verhältnisvergleich zwischen der Kursentwicklung der großen US-Börsenunternehmen und den kleinen US-Börsenunternehmen, dargestellt im Verhältnischart SPY/IWM. Der IWM ist ein Index-ETF, welcher den Russell 2000 abbildet, der die kleinen Werte bündelt. Als die Kurse wegen Corona im März abstürzen, schießt das Verhältnis große vs. kleine Unternehmen hoch (Pfeil), was bedeutet, dass die großen, hoch marktkapitalisierten Aktienunternehmen in der Krise besser laufen als die kleinen Aktienfirmen. Seit Oktober normalisiert sich das Verhältnis rapide. Wer das erkannte, wusste, auf welche Unternehmen er zu setzen hatte.

Der Chart XLK/SPY zeigt das Verhältnis der Kursentwicklung von Tech-Aktien gegenüber dem S+P 500, also dem breiten, amerikanischen Markt. Ab 2015 entwickeln sich Tech-Aktien kontinuierlich besser als der breite Markt. Ab Mitte 2019 geht Big Tech steil. Peak in der Corona-Krise, dann Rückfall und in den letzten Wochen, da viele Marktteilnehmer die Tech-Aktien mit dem Erscheinen der Impfstoffe bereits als ausgepowert markiert haben, liefern sie ein spektakuläres Comeback. Man mag nun denken: Höher geht es nun wirklich nicht mehr mit Big Tech. Ich habe eine ähnliche Struktur wie sie sich heute zeigt mit zwei parallelen Strichen eingezeichnet: im Jahr 2018. Damals mochte man ähnlich denken. Man kann sich eine mögliche Zukunft nur schwer vorstellen, vor allem dann nicht, wenn man direkt davor steht. Warum sollten die Lösungen von Apple, Microsoft, Amazon usw. morgen schlechter funktionieren, weniger Kunden und Anleger begeistern als heute? Wo ist die Konkurrenz?

Differenzierter sieht die Lage für mich bei Momentum-Werten aus. Unter Momentum-Werten verstehe ich Papiere von zumeist kleineren Unternehmen, die plötzlich stark gehandelt werden, deren Preise nach oben schießen oder auch abstürzen. Der Chart MTUM/SPY beschreibt das Verhältnis von Momentum-Werten gegenüber dem breiten Markt. Auch hier ist über die Jahre die Tendenz zu erkennen, dass Momentum-Papiere besser laufen. Aber die Zacken in der Chartlinie sind heftig. „Heftig” bedeutet: nervenzerrend, potentiell ersparnisvernichtend. Gerade in den letzten Monaten setzt es wieder eine heftige Zacke … Momentum scheint mir ein Markt für Zocker und Könner zu sein und für verlockte Anfänger, die zum Futter werden.

Jedes einzelne Chart ist es wert, sich länger damit zu beschäftigen, zu jedem gäbe es noch etwas zu sagen. Sämtlich sind es synthetische Charts. Sie sind gut darin, Trends und Muster zu zeigen. Die unser auf Mustererkennung trainierter Verstand sich schnell, manchmal allzu schnell konstruiert. Sie behaupten Zusammenhänge, verlocken sogar Ursache-Wirkungsketten anzunehmen.

Ich versuche, den Markt für mich mit Wahrscheinlichkeitsannahmen in den Griff zu bekommen. Wenn ich zum Himmel schaue, und er ist blau. Dann ist es am wahrscheinlichsten, dass er auch blau ist, wenn ich fünf Minuten später hinaufschaue. Schaue ich einen Tag später hoch, wird die Sache unsicherer.

Trends und Muster haben eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, sich fortzusetzen. Je deutlicher sie sind, je höher ist die Wahrscheinlichkeit. Je weiter in die Zukunft ich schaue, je stärker nimmt die Fortsetzungswahrscheinlichkeit ab — von heute aus gesehen. Leben bedeutet Überraschung. Börse dient dazu, Überraschungen in Geldzahlungen zu übersetzen und auszuhandeln. Insofern sind nicht Trends und Muster der Normalzustand. Stattdessen ist die irgendwann auftretende Anomalie die Normalität. Sie ist sozusagen das letzte Muster, auf das ich mich verlassen kann. Sie kommt garantiert.

Sie ist damit ein paradoxes Muster. Eines, von dem ich nicht weiß, wann es wieder auftritt, ein Widerspruch in sich. Mir hilft ein — vielleicht ebenfalls als paradox empfundenes — Verhalten, um mit diesem letzten Muster umzugehen. Ich kenne das Muster, es wird auftreten, aber ich antizipiere es nicht. Ich reagiere erst, wenn es auftritt.

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